Stimmt alles bei der Produktion der Augentropfen? Ana Passos im Gespräch mit Roland Schneider.
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Stimmt alles bei der Produktion der Augentropfen? Ana Passos im Gespräch mit Roland Schneider.

Exklusive Einblicke

Hier werden unsere Pillen produziert

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
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Wer Tabletten nimmt, drückt sie aus dem Blister in die Hand und schluckt sie mit Wasser. Doch wie werden die Pillen eigentlich produziert? Ein Blick hinter die Stada-Kulissen in Dortelweil.

D ass es bei der Produktion von Tabletten, Kapseln, Salben und Säften absolut hygienisch zugehen muss, dürfte niemanden wundern. Insofern hat man beim in Dortelweil ansässigen Pharmaunternehmen Stada schon lange strenge Hygienestandards.

Wer den Produktionsstandort in der Stadastraße besucht, muss einige Vorgaben erfüllen. Dazu gehört neben dem üblichen Eintrag ins Besucherbuch auch die Desinfektion der Hände. Am Eingang zum Produktionsgebäude wird Fieber gemessen. In einer speziellen Schleuse muss man einen Schutzanzug an- und eine Kopfhaube aufziehen, und über die Schuhe gibt es Füßlinge. Auch dann heißt es erneut: Hände gründlich waschen und desinfizieren. Das gilt nicht nur für die Besucher, sondern auch für die Mitarbeiter in der Produktion.

Solchermaßen eingepackt, werden der Reporter dieser Zeitung und Pressefrau Angela Horbach von Werkleiterin Ana Passos abgeholt. Die 40-Jährige ist für die gesamte Produktion inklusive Laboren mit insgesamt 270 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verantwortlich.

Jetzt führt sie uns durch die Produktion. Als wir aus dem Aufzug steigen, geht es Gänge entlang an diversen Räumen vorbei, in die man durch Fenster ins Innere schauen kann. "Hier werden die Pillen gepresst und die Kapseln befüllt", informiert Passos. "Das bedeutet: Alle Produktionsschritte müssen räumlich voneinander getrennt sein."

Magnesiumkapseln mit Granulat befüllt

In beinahe jedem Raum steht eine große Maschine. "Je nachdem, was dort produziert wird, herrschen dort unterschiedliche Temperaturen und Druckverhältnisse." Draußen steht an den Türen dran, was gerade produziert wird. Aktuell wird in einem der Räume das Mittel Torasemid gegen Bluthochdruck in Tablettenform gepresst. Dazu wird das Pulver mit dem Wirkstoff in einen Behälter hineingefüllt und dann zu länglichen Pillchen gepresst. "Pro Jahr produzieren wir zehn Millionen Packungen dieses Mittels hier in Dortelweil allein für den deutschen Markt", informiert die Werkleiterin.

Solche Mengen sind nur möglich mit Hochleistungsmaschinen. In der Tat: Bis zu 600 000 Tabletten pro Stunde vermag die Maschine zu produzieren. Ganz so schnell hat man das edel aussehende Chromteil nicht eingestellt, sonst wäre möglicherweise der Ausschuss zu groß. Sprich: Dass bei der Produktion defekte Tabletten entstehen, die dann später nicht mehr verpackt werden könnten. "Wir sind aktuell bei 300 000 bis 450 000 Stück pro Stunde."

Selbst das wirkt auf den Laien noch gigantisch, aber der Bedarf an diesen Pillen scheint riesig. Und weil das so ist, hat man bei Stada das allerneuste Maschinenmodell angeschafft, für 1,2 Millionen Euro, wie Passos verrät.

Ein paar Meter weiter dann quasi ein Kontrast: Hier Baujahr 2019, dort Baujahr 1996. Auf einer älteren, aber laut Werkleiterin sehr zuverlässigen Verkapselungsmaschine, werden gerade Magnesiumkapseln mit Granulat befüllt. Die Tabletten und Kapseln, die in den Dutzenden von kleinen gläsernen Räumen produziert werden, werden in weiße Eimer abgefüllt, die zunächst in dem Gang vor den Produktionsräumen gelagert werden.

Später dann, ein Stockwerk höher, werden wir diese Eimer wiedersehen. Denn aus ihnen werden die Maschinen befüllt, die die Tabletten und Kapseln in die Blister füllen und die Pappschachteln konfektionieren.

Hier sind die Räumlichkeiten schon deutlich größer als im vorherigen Bereich. Kein Wunder: Die großen Maschinen brauchen Platz. 20 Meter lang ist beispielsweise die Maschine, mit der der Blutdrucksenker abgefüllt wird. Dazu geben die Mitarbeiter die Pillen aus dem weißen Eimer in einen Trichter, und dann geht es los. Die Pillen gehen in einzelne nebeneinander liegende Röhrchen, deren Abstände denen der Blister entsprechen. Die leeren Blister kommen von der Seite herangefahren, dann fällt pro Schlitz eine Pille hinein.

RP Darmstadt ist Kontrollbehörde

Als zehn Stück voll sind, wird der Blister mit einer vorher mit dem Pillennamen bedruckten Folie gut verschlossen. Zehnmal zehn solcher Blister ergeben dann eine Packung, die Pappschachteln werden damit befüllt, zugleich läuft, gleichfalls vollautomatisch, der gefaltete Beipackzettel mit in die Schachtel. Am Ende werden die Schachteln zu Gebinden gebündelt. Ganz am Ende der Produktionsstraße, wie am Anfang auch, dann doch noch etwas Handarbeit: Valentina Gerbold hebt die konfektionierten Schachteln in braune Versandkartons. Das ist kein Job für Langsame, denn die 2,5 Millionen Euro teure Maschine schafft 600 solcher Blister - in der Minute.

Die Führung durch die Produktion des weltweit agierenden Unternehmens mit dem deutschen Hauptsitz in Dortelweil geht weiter. Wir kommen an einer Baustelle vorbei. "Hier wird die neueste Ullmann V eingebaut." Ullmann, das ist das gängigste Fabrikat in der Pharmazie. Mitarbeiter der Firma bauen sie gerade ein, was bis September dauern wird. Dann könne sie nicht gleich eingeschaltet werden, sagt die Werkleiterin. Denn die Maschine müsse erst noch genau getestet und überprüft werden. Schließlich werde die Produktion vom Regierungspräsidium Darmstadt überprüft. "Wenn deren Mitarbeiter ins Haus kommen, bleiben sie eine gute Woche", informiert Ana Passos. Dort werde alles überprüft, einschließlich der Dokumentationen. Denn das Unternehmen muss alles gewissenhaft dokumentieren.

Weiter geht es in eine Halle, in der gerade nichts produziert wird. Die Maschine steht still. Den Grund holt Ana Passos aus einem Mülleimer: eine völlig verzogene Schachtel. "So etwas können wir nicht anbieten", sagt sie. Der Grund: An der Produktionsstraße habe sich etwas verzogen. Zwei Mitarbeiter von Stada sind gerade dabei, die Maschine neu zu justieren. "Selbst wenn dies einen Tag dauern sollte, haben wir keine Probleme. Denn wir haben im Lager noch so viel, dass wir den Großhandel beliefern könnten."

Zurück in der Schleuse kann man die komplette "Verkleidung" entsorgen. Mit jeder Menge spannender Eindrücke verlassen wir die Dortelweiler Produktionsstätte.

In Bad Vilbel stellt die Stada rund 80 Produkte für 49 Länder her. Von Tropfen über Salben bis hin zu Pillen und Kapseln sind viele Produkte vertreten. Bekannte Medikamente sind etwa Torasemid, Kamistad, Hoggar Night, Allopurinol, Grippostad oder Magnetrans. Das sind Mittel gegen Erkältung, bei Schlaf- oder Hautproblemen, eben- so Herz-Kreislauf-Medikamente, Schmerzmittel, Tabletten gegen Bluthochdruck oder Gicht, Magen-Darm-Präparate und Nahrungsergänzungsmittel. pe

Seit Mitte Februar ist Ana Passos Werksleiterin der Stada sowohl in Dortelweil als auch an einem zweitem Produktionsstandort in Pfaffenhofen. Die 40-jährige Apothekerin hat einen Master of Science in Molekularwissenschaften der Universität Erlangen-Nürnberg und verfügt über einen vielfältigen Hintergrund in operativen und strategischen Funktionen in der pharmazeutischen Industrie. Im April 2019 kam sie zur Stada. Ana Passos begann ihre Karriere im Bereich Forschung und Entwicklung bei Pfizer, bevor sie zu Corden Pharma Deutschland wechselte.

Die gebürtige Brasilianerin hat Pharmazie von der Pike auf gelernt, stand selbst schon längere Zeit in Apotheken, kennt aber auch diverse Produktionsstätten von innen. "Ich habe selbst schon an Maschinen gestanden, die Medikamente produzieren", sagt sie. Nun trägt sie für 270 Mitarbeiter Verantwortung, aber auch dafür, dass die Produkte der Stada einwandfrei produziert werden. "Ich spüre diese Verantwortung", sagt sie, "sowohl für meine Mitarbeiter als auch für die Patienten." pe

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