Renée Eve Seehof, die langjährige Leiteirn des Berufsbildungswerks in Karben, coacht nun in Bad Vilbel Menschen, die einen beruflichen Umbruch durchmachen. Die Neustrukturierung der Autoindustrie und die Corona-Pandemie bringen der 65-Jährigen neue Klienten. FOTO: HOLGER PEGELOW
+
Renée Eve Seehof, die langjährige Leiteirn des Berufsbildungswerks in Karben, coacht nun in Bad Vilbel Menschen, die einen beruflichen Umbruch durchmachen. Die Neustrukturierung der Autoindustrie und die Corona-Pandemie bringen der 65-Jährigen neue Klienten. FOTO: HOLGER PEGELOW

Gespräche bei beruflichem Umbruch

  • Holger Pegelow
    vonHolger Pegelow
    schließen

Die Automobilindustrie befindet sich gerade im Umbruch. Das bedeutet für viele langjährige Mitarbeiter den Verlust des Arbeitsplatzes. Einige von ihnen sind bei Renée Eve Seehof aktuell in der Beratung. Die langjährige Leiterin des Berufsbildungswerkes in Karben coacht jetzt in Bad Vilbel Menschen in besonderen beruflichen Situationen. Und davon gibt es nicht wenige.

Z wölf Jahre hat Renée Eve Seehof das Berufsbildungswerk Südhessen (BBW) in Karben geleitet. Sie hat der Einrichtung vorgestanden, die benachteiligten Menschen eine neue berufliche Perspektive gibt. Im Jahr 2015 entschloss sie sich aus privaten Gründen dazu, ihren Beruf und ihre Position aufzugeben. Im Dezember 2015 sagte sie dem BBW Südhessen ade, um sich der Betreuung ihrer kranken Eltern zuzuwenden.

Seit gut zweieinhalb Jahren hat sie sich in Bad Vilbel ein neues berufliches Standbein aufgebaut. Teilweise kann sie ihr im Laufe der vielen Jahre im BBW erworbenes Wissen nun als Coach für Menschen anwenden, die beruflich an einem Wendepunkt stehen.

Beruf und Familie koordinieren

Wer auf ihre Homepage schaut, kann schon sehen, in wie viele Situationen Menschen kommen können. Etwa wenn sie sich professionelle Unterstützung beim Bewerbungsmanagement wünschen, sich beruflich neu orientieren wollen, wenn jemand an seiner Aufstiegskompetenz arbeiten will, eine neue Führungsaufgabe anstrebt oder aber auch, wenn er nicht mehr weiß, wie er alle Aufgaben bewältigen kann, die auf ihn einströmen.

Sie berät aber auch Menschen, die sich in ihrem Arbeitsumfeld nicht mehr wohlfühlen, etwa weil sie gemobbt werden. Und die Beraterin ist gleichfalls für diejenigen da, die nach dem für sie besten Weg suchen, die vielen Rollen im Beruf und in der Familie miteinander in Einklang zu bringen. "Viele Menschen haben noch nie über ihre Rolle nachgedacht", sagt Seehof im Gespräch mit dieser Zeitung. Ihre Rolle als Mutter etwa, um sie mit ihren beruflichen Zielen und Wünschen in Einklang zu bringen.

So war es auch bei einer ihrer Klientinnen, einer 39 Jahre alten Frau, einer Akademikerin mit sehr gutem Hochschulabschluss. Sie habe drei Sprachen gesprochen; zwei habe sie studiert und eine habe sie in dem Land gelernt, in dem sie mit ihrem Mann gelebt hat. Eines Tages sei die dreifache Mutter zu ihr in die Beratung gekommen, denn die Frau habe einen ihr adäquaten Job gesucht.

Frage nach den Lebensbildern

Über das Arbeitsamt habe sie ein Karriere-Coaching für Akademikerinnen erhalten, in Form eines Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheins. "Die Frau war in einer schwierigen persönlichen Situation", weiß Seehof. Man habe 15 Beratungstermine innerhalb von acht Wochen vereinbart. "Ich frage dann auch etwa nach den Lebensbildern, die Menschen haben", erklärt die Expertin. Im Laufe der Gespräche habe sich dann herausgestellt, dass auch ihre Mutter neu durchgestartet sei, als sie selber sechs Jahre alt gewesen war. "Ich habe ihr Optionen aufgezeigt beziehungsweise wir beide haben gemeinsam versucht, neue Optionen zu finden", erklärt Seehof das Vorgehen. Letztlich sei die Beratung dann erfolgreich gewesen, weil die Frau tatsächlich einen neuen Beruf gefunden habe.

Sie berate die Menschen immer so, dass es gelte, deren eigenen Stärken herauszuarbeiten, sagt die 65-Jährige. Dabei gebe es kein festgelegtes Schema, "denn jeder Fall liegt ganz anders".

Durchschnittlich habe sie zehn bis 15 Klienten, informiert Seehof, die angesichts der aktuellen Entwicklungen mit einem deutlich steigenden Beratungsbedarf rechnet. Sie nennt hier den Umbruch der Autoindustrie, wo es weg vom Verbrennungs- hin zum Elektromotor gehe. Das ziehe auf fast allen Ebenen einen Verlust an Arbeitsplätzen nach sich. Sie selbst habe dadurch drei neue Klienten bekommen. "Die sind alle Ende 40 und haben einen kontinuier- lichen Lebenslauf." Es werde kein leichtes, aber dennoch machbares Unterfangen, ihnen Wege aus der persönlichen Lebenskrise aufzuzeigen bzw. diese mit ihnen gemeinsam zu erarbeiten.

Auch aufgrund der aktuellen Wirtschaftskrise infolge der weltweiten Corona-Pandemie rechnet die Beraterin in nächster Zeit mit einem starken Anstieg der Klientenzahlen und somit mit mehr Beratungen. "Es gibt Firmen, die sich jetzt im Zuge der Corona-Krise der Mitarbeiter entledigen, die nicht ins Bild passen, die nicht stromlinienförmig mitschwimmen", befürchtet Beraterin Seehof.

Renée Eve Seehof ist beruflich als Beraterin tätig. Viele kennen sie aber auch als Gründerin eines Gesprächskreises für Menschen, deren Eltern oder Lebenspartner im Alter pflege- oder betreuungsbedürftig geworden sind, und die ein Ventil für die psychische Last suchen, die eine solche Situation mit sich bringt. 2016 hat sie diese Selbsthilfegruppe initiiert.

Mit ihren Erfahrungen will sie anderen Menschen Mut machen und den schweren Weg erleichtern. Die gebürtige Badenerin war seinerzeit Geschäftsführerin des Karbener Berufsbildungswerks. Es war ihr Traumjob, hat sie einmal dieser Zeitung erzählt. Für den zog sie 2004 extra nach Bad Vilbel an den Niederberg. Beruflich lief es gut, die Tochter stand endlich auf eigenen Beinen, und Seehof und ihr Mann freuten sich auf eine Zeit der Unabhängigkeit. Dann wurde die Mutter krank. Das Wohlsein der Eltern war lebensbestimmend geworden, die eigenen Bedürfnisse rückten in den Hintergrund.

Nach zwei Jahren Überlegung überwand Seehof sich dazu, ihre Eltern in ein Karbener Pflegeheim zu holen. Als Beraterin für Menschen in beruflichen Umbruchphasen hat sie nun auch mehr Zeit für Besuche bei der inzwischen alleinstehenden Mutter und für die Bad Vilbeler Selbsthilfegruppe. ags/pe

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare