1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Bad Vilbel

GBG-Schüler besuchen jüdischen Friedhof

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bad Vilbel (koe). Keine Blumenkränze, wucherndes Gras und nirgendwo geharkten Bete. Das fiel den Sechstklässlern des Georg-Büchner-Gymnasiums (GBG) als erstes auf, als sie den jüdischen Friedhof im Gronauer Weg betraten.

Bad Vilbel (koe). Keine Blumenkränze, wucherndes Gras und nirgendwo geharkten Bete. Das fiel den Sechstklässlern des Georg-Büchner-Gymnasiums (GBG) als erstes auf, als sie den jüdischen Friedhof im Gronauer Weg betraten. Derzeit steht das Thema »Religiöse Orte entdecken« auf dem Stundenplan. Zusammen mit Gemeindereferentin Regina Laudage von der katholischen St.-Nikolaus-Gemeinde, die am GBG auch Religion unterrichtet, sahen sich die Kinder den jüdischen Friedhof an, gingen weiter zur Auferstehungskirche und besuchten noch das jüdische Denkmal am Alten Rathaus. Rafael Zur von der jüdischen Gemeinde und der ehemalige Lehrer Walter Heil erklärten den Schülern, wie sie die Zeit der Judenverfolgung in Deutschland als Zeitzeugen erlebt haben.

Der Friedhof besteht seit 1845. Erst da hat die Stadt Vilbel diesen Platz zur Verfügung gestellt. Davor wurden Juden in Bergen-Enkheim beerdigt. Jüdische Friedhöfe sind Orte der Ruhe und des Friedens, die Ruhe der Toten darf nicht gestört werden. Daher gibt es keinen Blumenschmuck und es werden auch keine Gartenarbeiten gemacht. Lediglich das Gras wird ab und zu gemäht, erklärte Heil.

Zur und Heil liegt der Friedhof besonders am Herzen, denn beide haben nach der Zerstörung des Ortes durch die Nationalsozialisten geholfen, den Friedhof wieder aufzubauen. Kurz nach Kriegsende haben das zunächst die Amerikaner übernommen, erinnerte sich Heil. Führende Nationalsozialisten seien gezwungen worden, Teile des Friedhof herzurichten. Sie mussten die Randmauer wieder aufstellen und andere Arbeiten verrichten. »Sie mussten den Mund halten und arbeiten. So wollten es die Amerikaner«, erinnerte sich Heil. Vor etwa 25 Jahren wurden in der Heinrich-Heine-Straße jüdische Grabsteine entdeckt. Heil hat sie mit einer Schülergruppe der Kennedy-Schule und mit Zur wieder auf den Friedhof gebracht und aufgestellt: »Ob alle an der richtigen Stelle sind, wissen wir allerdings nicht«, so Heil.

Die Schülerinnen und Schüler hatten sich Fragen überlegt, die sie den Zeitzeugen stellen: »Wieso liegen auf jüdischen Gräbern manchmal Steine?«, fragte Marvin (12). Das passiere in Anlehnung an den Auszug der Israeliten aus Ägypten. »Sie mussten lange durch die Wüste ziehen. Die Toten wurden im Sand beerdigt. Damit der Wind den Sand nicht wegweht und die Verstorbenen freilegt, wurden Steine hingelegt«, erklärte Heil.

Symbolisch hatte er eine Tüte mit Kieselsteinen mitgebracht, die die Schüler auf die Gräber legen durfte. Tom (12) und Daniel (12) hörten aufmerksam zu. »Hitler hat den Juden Schlimmes angetan«, sagte Tom. Die Ereignisse der Judenverfolgung haben Nadine (12) und Alexia (12) bisher so noch nicht im Unterricht behandelt. »Man kann es sich nicht vorstellen, dass die beiden das erlebt haben«, meinte Alexia. Zur erinnerte an eine Familie, die im Haus des jetzigen »Phil-bel«-Cafés gewohnt hat. Eltern und vier Geschwister kamen ins Konzentrationslager. Einige haben überlebt, wohnen noch heute in der Gegend. »Alle haben gewusst, wo die Juden hinkommen. Es war kein Geheimnis«, sagte Zur.

Aus den Erzählungen haben sie Kinder gelernt: »Die Juden wurden verdrängt. Sie waren in der Welt nicht willkommen«, sagte Marius (12). »Sie wurden von Hitler nicht gut behandelt«, ergänzte Julia (12). »Der Friedhof ist ohne Harmonie«, meinte Tom. Alexia und Nadine fanden, der Ort wirke trist und wie verlassen. »Es fällt gar nicht auf, dass dort ein Friedhof ist«, sagten die Mädchen.

Etwa 100 jüdische Menschen sind auf dem Friedhof begraben. Die letzten Beerdigungen gab es 1936 und 1937. Der Standort sei extra gewählt worden. Im Gronauer Weg und in der Frankfurter Straße waren jüdische Häuser, so Zur: »Die Juden wurden an den Stadtrand gedrängt.«

Auch interessant

Kommentare