Werner Seibel berichtet von rollenden Panzern und nächtlichem Fliegeralarm. Einige Erinnerungen haben sich bis heute fest eingeprägt. Diese werden besonders auf dem Ehrenfriedhof in Bad Vilbel lebendig.
+
Werner Seibel berichtet von rollenden Panzern und nächtlichem Fliegeralarm. Einige Erinnerungen haben sich bis heute fest eingeprägt. Diese werden besonders auf dem Ehrenfriedhof in Bad Vilbel lebendig.

Bad Vilbeler erinnert sich

Einmarsch der Amerikaner in Bad Vilbel: »Schreie, die ich nie vergesse«

  • vonPatrick Eickhoff
    schließen

Ein Zeitungsartikel weckt Erinnerungen in Werner Seibel. Das Kriegsende und den Einmarsch der Amerikaner erlebt er hautnah mit. Eine schreckliche Szene ist ihm stark im Gedächtnis geblieben.

Werner Seibel fühlt sich in Bad Vilbel mehr als wohl. »Es ist meine Heimat«, sagt er. Gerne denkt der 81-Jährige zurück. »Ich bin hier aufgewachsen. Ich erinnere mich noch daran, mit einem Freund immer an der Nidda gewesen zu sein, um zu spielen. Da kamen die Eltern vorbei, weil sie Angst hatten, wir könnten ertrinken«, sagt er und lacht. Doch nicht alle Erinnerungen zaubern ihm ein Lächeln ins Gesicht. »Als ich am 28. März einen Artikel in der Zeitung zum Einmarsch der Amerikaner in Bad Vilbel in der Zeitung gelesen habe, da waren viele prägende Erlebnisse sofort wieder präsent«, sagt er.

Obwohl er damals erst sieben Jahre alt war, schildert Seibel die Erlebnisse, als sei es gestern gewesen. »Ich habe mit meiner Mutter und meiner Großmutter in der Hasengasse gewohnt.« Fast jede Nacht sei Fliegeralarm gewesen. »Wir sind dann immer in den Luftschutzbunker gegangen. Das war der Gewölbekeller der Realschule in der Frankfurter Straße. Ich weiß noch, dass ich immer darum gebettelt habe, weiterschlafen zu können, wenn ich geweckt wurde.« Als Kind habe er die schrecklichen Umstände jedoch ausgeblendet. »Es ist für kleine Kinder schwer, alles nachzuvollziehen.«

Einmarsch der Amerikaner in Bad Vilbel: Soldat stellt sich Panzer in den Weg

Den 28. März 1945 wird er jedoch für immer in ganz besonderer Erinnerung behalten. »Die Amerikaner kamen aus zwei Richtungen, aus Frankfurt und aus Hanau. Es wurden sofort alle nach Hause geschickt. Weiße Tücher und Laken gehisst.« An diesem Tag sei ein Lager der Wehrmacht, das im Feuerwehrstützpunkt eingerichtet war, geräumt worden. »Es wurden Wolldecken verteilt. Als es hieß, die Amerikaner kommen, waren alle schnell weg.« Die Panzer rollten durch Bad Vilbel. »Einer trennte sich von den anderen und fuhr die Baugasse entlang in Richtung Bergstraße«, sagt Seibel. Ein Soldat stellte sich dem Panzer entgegen. »Er wurde sofort angeschossen und zur Abschreckung auf den Panzer gelegt. Er hat fürchterlich geschrien. Das Gestöhne zog förmlich durch die Stadt und alle Häuser. Das sind Schreie, die ich nie vergessen werde.«

Es habe Stunden gedauert, bis jemand nach dem Verletzten gesehen habe. »Vermutlich jemand der englisch konnte, um auch mit den Soldaten zu sprechen«, sagt Seibel. Der Mann wurde direkt ins Krankenhaus gebracht. »Wenige Tage später hieß es, er sei verstorben.« Ein prägendes Erlebnis.

Einmarsch der Amerikaner in Bad Vilbel: Erinnerungen als Kind verdrängt

»Bei Kindheitserinnerungen aus diesem Alter fehlen oftmals die Details, aber so etwas vergisst man nicht.« Der Mann sei heute auf dem Ehrenfriedhof in Bad Vilbel begraben. »Er war Opernsänger, wie ich später herausgefunden habe«, sagt Seibel. »Weil mein Vater hier beerdigt wurde, war ich mit meiner Mutter ohnehin oft vor Ort.«

Werner Seibel arbeitet die Erinnerung erst im höheren Alter auf. »Als Kind ist es schnell verdrängt.« Er schreibt seine Gedanken auf. »In einem Buch mit dem Titel Vilbeler Geschichten habe ich auch die Erinnerungen an den Einmarsch der Amerikaner aufgeschrieben. Dort berichten auch andere Autoren von damals. Bei vielen Geschichten sehe ich das Bad Vilbel von damals direkt vor meinen Augen.«

Seibel absolvierte zwar seine Ausbildung zum Techniker in Frankfurt, bleibt seiner Heimatstadt aber treu. Die Entwicklung Bad Vilbels erlebt er in vollem Ausmaß. »Ich weiß noch genau, als die ersten Kinos eröffnet wurden. Da habe ich mich mit einem älteren Freund reingeschlichen.« Auf einmal sei im dunklen Saal das Licht einer Taschenlampe angegangen. »Eine Frau lief durch die Reihen und leuchtete jedem Kinogänger ins Gesicht. Wie sich herausstellte, war das unsere Nachbarin, die im Auftrag meiner Mutter auf der Suche nach mir war«, sagt er und lacht.

Einmarsch der Amerikaner in Bad Vilbel: Jahrgangstreffen fallen aus

Den Zeitungsartikel, in dem Ehrenstadtrat Klaus Kroner seine Erinnerungen ans Kriegsende in Bad Vilbel beschreibt, hat er mehrfach gelesen. »Ich finde es bemerkenswert, wie ähnlich die Beschreibungen und Gedanken sind, obwohl es so lange her ist.« Seibel würde sich wünschen, dass sich mehr Leute auf diese Art erinnern. »Es muss ja noch mehr geben, die sich beim Lesen sofort an etwas erinnert fühlen«, sagt er. Doch der 81-Jährige hat auch Verständnis. »Wenn es um Schicksale in der eigenen Familie geht, ist das natürlich was anderes.« Werner Seibel bedauert, dass das gemeinsame In-Erinnerungen-Schwelgen wegen der Corona-Pandemie momentan pausieren muss. »Wir sind ein großer Jahrgang gewesen, auch wenn leider nicht mehr alle leben«, sagt er. »Die Treffen finden momentan nicht statt. Das ist auch gut so. Wenn sich das alles beruhigt hat, dann sehen wir uns wieder.«

Einen Besuch am Grab des damals erschossenen Opernsängers Max Erbe lässt sich Seibel dennoch nicht nehmen. Nicht nur der 81-Jährige wird den Mann und seine Schreie nie vergessen. Seibel deutet auf den Grabstein. »Jemand bringt regelmäßig Blumen vorbei.«

Einmarsch der Amerikaner in Bad Vilbel: Vilbeler Geschichten

Werner Seibel hat seine Erinnerungen in Band 6 der »Vilbeler Geschichten« niedergeschrieben. Erschienen ist das Buch im Druck + Verlag Bad Vilbel Gschwilm-Baur. In mehreren Bänden erzählen alte Bad Vilbeler Geschichten, Erinnerungen und Anekdoten. »Nicht alle sind so traurig wie meine«, sagt Seibel.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare