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Großer Zuschauerandrang: Die Mitglieder der 4. Kohorte geben den Interessierten wissenswerte Auskünfte.

4. Vindeliker Kohorte zu Besuch

Die Römer übernehmen den Bad Vilbeler Kurpark

  • VonJürgen Schenk
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Am Wochenende stand Bad Vilbel unter römischer Herrschaft. Neben dem Römer-Mosaik im Kurpark zeigte das Feldzeichen der »Cohors IV Vindelicum« (4. Vindeliker Kohorte) mit wem man es zu tun hatte. Stolz präsentierten die Angehörigen der 4. Kohorte nach dem Exerzieren ihre Ausrüstung und erklärten wissenswerte Details.

S chnell kommt die Reihe der Lanzenspitzen näher. Das Kampfgebrüll der anstürmenden Soldaten geht durch Mark und Bein. Vorsorglich weichen die anvisierten Menschen einen Schritt zurück. Doch kurz vor dem Auftreffen halten die Angreifer inne und wundern sich: »Früher hatten die Kinder aber mehr Angst vor uns!«

Einstmals war diese leichte Infanterieeinheit im Kastell Großkrotzenburg stationiert. Sie stammte im Original aus der Gegend um Augsburg (römisch: Augusta Vindelicum) und rekrutierte sich aus Männern nicht römischer Herkunft, sogenannten Auxiliar-Soldaten. Der Militärdienst war deren einzige Chance, in der sozialen Hierarchie nach oben zu klettern. »Nach 25 Jahren Dienstzeit konnten die Veteranen vom Bürger zweiter Klasse zum Bürger erster Klasse aufsteigen«, erklärte der Vereinsvorsitzende Uwe Kessler. »Sie lernten Latein und erhielten einen guten Sold, der jedoch in der Regel ein Drittel unter dem eines normalen Legionärs lag. Für ihre Ausrüstung mussten die Auxiliaren selbst aufkommen.«

Formationen und Hollywood-Mythen

Von Zeit zu Zeit schallten Befehle in lateinischer Sprache durch den Kurpark. Dann wurden im Beisein eines immer größer werdenden Publikums Kampfformationen und Verteidigungstaktiken eingeübt.

Zwei kleine »Nachwuchssoldaten« durften auch schon in der Linie mitmarschieren. Währenddessen beschäftigten sich die Frauen im Feldlager mit dem Kochen authentischer Speisen und römischen Handarbeiten. Nichts von dem geschah ohne fundierten historischen Hintergrund. Die Kohorte nahm alle Geschichtsinteressierten mit auf eine Zeitreise ins 2. Jahrhundert nach Christus. Reenactment heißt der Fachbegriff für diese Inszenierung historischer Episoden, gelebte Geschichte könnte man auch dazu sagen.

Stolz präsentierten die Angehörigen der 4. Kohorte nach dem Exerzieren ihre Ausrüstung und erklärten wissenswerte Details. Dabei räumten sie auch mit einigen Hollywood-Mythen auf. Offene Kämpfe Mann gegen Mann habe es in den taktisch geführten Schlachten im Normalfall nicht gegeben. Vielmehr seien die römischen Truppen stets darauf bedacht gewesen, eine geschlossene Formation zu halten. Und mit dem Cladius (Kurzschwert) hätten sie nicht wild in der Gegend herumgeschlagen, sondern gezielte Stichangriffe ausgeführt. »Andernfalls hätten sie ihre Nebenmänner in der Formation sehr wahrscheinlich verletzt«, gab der Vereinsvorsitzende Kessler zu bedenken. »Genauso ins Reich der Fiktion gehören Superhelden, die ohne Helm in der Schlacht kämpften. Da geht es dann eher um den Wiedererkennungswert von Filmstars im inszenierten Schlachtgetümmel.«

Hauptwaffe der Auxiliar-Truppen war die Hasta, eine fast vier Meter lange Lanze, die schräg in den Boden gerammt als Abwehrwaffe oder im Nahkampf als Stoßwaffe diente. Zur Verteidigung kam ein Rundschild keltischen Ursprungs zum Einsatz, der von den leichten Truppen im Gelände einfacher zu führen war. Einen solchen brauchte der Feldzeichenträger nicht. Alle in der Kohorte versuchten diesen besonderen Kämpfer zu schützen, trug er doch das Heiligtum der Einheit in Händen. »Wenn das Feldzeichen verloren ging, galt das als nicht wiedergutzumachender Ehrverlust«, sagte Dirk Mohrmann. »Der Feldzeichenträger hatte es mit seinem Leben zu verteidigen. Gelang das nicht, wurde meistens die ganze Einheit aufgelöst und nicht wieder aufgestellt. Vom Rang her kam der Feldzeichenträger einem Unteroffizier gleich.«

Besuch der Kohorte ist feste Tradition

Mohrmann übernimmt diese Verantwortung bei der Vindeliker Kohorte. Zusätzlich zu dem zehn Kilogramm schweren Kettenhemd, das alle Soldaten tragen, sitzt auf seinem Helm ein Bärenkopf als Kopfzierde. Ein martialisches Erscheinungsbild, für das man offensichtlich leidensfähig sein muss. Die Ausrüstung stamme von einschlägigen Fachhändlern oder aus eigener Herstellung, teilte Uwe Kessler mit. »Wir haben derzeit 30 aktive Mitglieder im Durchschnittsalter um die 50. Obwohl wir sehr geschichtsaffin sind, gibt es bei uns keine Archäologen oder Historiker. Wir kommen aus ganz verschiedenen Berufsgruppen. Spätestens mit 18 Jahren kann man als vollwertiges Mitglied dabei sein.«

Der Besuch der Vindeliker Kohorte fand im Rahmen des neu kreierten Bad Vilbeler Quellensommers statt. »Bis in den Oktober hinein wird es an jedem Wochenende eine andere Veranstaltung geben«, informierte der Vorsitzende des Vereins Stadtmarketing, Kurt Liebermeister. »Seit der Eröffnung des Römermosaiks 2007 gehört die Vindeliker Kohorte zur Tradition. Ihr Besuch ist immer gut bei der Bevölkerung angekommen.«

Reenactment, das Nachstellen konkreter geschichtlicher Episoden und Ereignisse, ist keine neue Erscheinung. Schon in der Antike wurden große Schlachtengemälde nachgespielt. Und seit dem Mittelalter gibt es Passionsspiele, in denen Leiden und Tod Jesu Christi dargestellt werden.

Unter Kaiser Wilhelm II. erlebte die Historiendarstellung mit Tausenden Komparsen eine Blütezeit. Eine der größten Reenactment-Veranstaltungen Europas ist heutzutage die Schlacht bei Tannenberg (15. Juli 1410).

In den USA stehen Ereignisse aus dem Amerikanischen Bürgerkrieg im Vordergrund, während sich in Deutschland vieles um die Römerzeit - wie bei der Vindeliker Kohorte - und den Dreißigjährigen Krieg dreht. jsl

Eindrucksvolles Bild: In Formation marschieren die Römer durch den Bad Vilbeler Kurpark.

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