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Aufmerksame Zuhörer: Viele wollen wissen, wie man die Politik überzeugen und einem Wandel der Waldnutzung initiieren kann.

Zukunft Stadtwaldt

Den Wald sich selbst überlassen

  • VonJürgen W. Niehoff
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Der Zustand und die Zukunft des Waldes scheint in Bad Vilbel immer mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Der Arbeitskreis Stadt Wald hat nun seine Forderungen an die Politik präsentiert.

Der naturnahe Umgang mit dem Wald im Allgemeinen und dem Bad Vilbeler Stadtwald im Besonderen ist das Thema des Arbeitskreises Bad Vilbeler Stadtwald. Zum jüngsten Treffen war ein ausgewiesener Fachmann auf diesen Gebiet zu Gast: Klaus Borger. Der Grünen-Politiker aus dem Saarland ist diplomierter Forstwirt, langjähriger Forstamtsleiter. Er war zudem vier Jahre Staatssekretär im saarländischen Ministerium für Umwelt, Energie und Verkehr.

Seit 25 Jahre betreut er treuhänderisch einen 147 Hektar großen Privatwald und ist als Vorsitzender einer Forstbetriebsgemeinschaft zuständig für die Verwaltung eines 5000 Hektar großen Waldgebietes.

Der Wald ist seine große Leidenschaft, für dessen schonende Bewirtschaftung er sich seit seinem Studium im theoretischen und praktischen Handeln einsetzt. Zu Beginn seines Vortrages überraschte er die Zuhörer mit der Feststellung, dass Fort und Wald zwei völlig verschiedene Dinge sind. Forst werde verwaltet. Es werden Pläne aufgestellt, Wirtschaftsberichte erstellt und jedes Jahr Bilanz gezogen. Nach dieser Auffassung ist der Wald ein bloßer Holzproduzent und damit ein Wirtschaftsgut mit gelegentlichem Erholungsfaktor. Deshalb steht in einem Forst auf einer großen zusammenhängenden Fläche meist nur eine Art von Bäumen.

Schäden durch Käfer und Stürme

Das sei in Krisenzeiten gut zu erkennen, wenn beispielsweise der Borkenkäfer ganze Fichtenwälder absterben lasse oder Stürme große Flächen einfach frei räumen. »Wenn dann noch eine Erderwärmung von vielleicht 2,7 Grad nach den neuesten Prognosen hinzukommt, dann geht dem Forst im wahrsten Sinne des Wortes die Luft aus«, gab Borger zu bedenken. Hinzu kommt, dass viele Schäden im Wald auf falsche forstwirtschaftliche Behandlung zurückzuführen seien. Beispielsweise das Nachpflanzen mit Setzlingen aus Baumschulen. Deren Wurzel seien gekappt, damit sie leichter einzupflanzen sind. »Diese Bäume werden aber so nie die Standfestigkeit eines natürlich heran gewachsenen Baumes erreichen und beim erstbesten Sturm umkippen«.

Ein weiterer Fehler sei das Fällen größerer Flächen, weil den nachwachsenden Bäumen damit der notwendige Schatten fehle und sie deshalb verkrüppelten oder an einer Art Sonnenbrand eingingen. Für Borger ist die Forstwirtschaft die letzte noch existierende Planwirtschaft in Deutschland. Die Lösung für ihn heißt daher der naturnahe Wald. Je mehr und je länger sich der Mensch aus den natürlichen Abläufen im Wald raushalte, desto besser sei es. Alte Bäume stärkten das Ökosystem Wald. In alten Wäldern leben eine Vielzahl Pflanzen, Pilze, Flechten, Tiere und anderen Lebensformen in stabiler Gemeinschaft. Vielfalt schaffe Vielfalt und stützte das Ökosystem Wald.

Anders als beim Forst, wo die Holzgewinnung oberste Priorität hat, stehen beim naturnahen Wald Klimaschutz, Biodiversität und Erholung im Vordergrund und erst dann folgt der Nutzen durch Holzgewinnung. »Das heißt aber nicht, dass die Nutzung in diesem Wald nebensächlich ist. Nur geschieht sie völlig anders«, erklärte Borger. Bei dieser Wirtschaftsweise würden keine großen Flächen gefällt, sondern nur einzelne Bäume. So bleibe das für die Aufzucht junger Bäume der Schatten immer erhalten und unter dem Strich erwirtschafte man damit auch noch Gewinn für den Waldbesitzer.

Verzicht auf fremde Bäume

Borger rät davon ab mit artfremden Bäumen aus aller Herren Länder zu experimentieren. Denn die kämen mit der Umgebung in Deutschland nicht zurecht. »Deshalb überlasst den Wald sich selber und er wird es euch danken«, appellierte er.

Nach diesem Muster sollten die Bad Vilbeler mit ihrem Stadtwald verfahren. »Es ist ein Bürgerwald. Er gehört euch und damit könnt ihr bestimmen. Setzt die Politik also unter Druck, denn es sind eure Steuergelder, die sie bestmöglich zu verwalten haben«, erklärte Borger.

In diesem Zusammenhang hatte Gunter Salomon für den Arbeitskreis seine Vorschläge für den Umgang mit dem Bad Vilbeler Stadtwald vorgestellt. Die sollen wichtiger Bestandteil in der Umweltkommission, die am 1. November erstmals nichtöffentlich zusammentritt, werden. Allerdings beklagte Salomon, dass laut der Tagesordnung nur über die Waldbewirtschaftung nach Vorlage von Hessen Forst beraten werden solle, nicht aber über Alternativen.

Die Botschaft Borgers: »Wehrt Euch. Es ist Euer Wald«, scheint angekommen zu sein, wie sich aus den vielen Wortmeldungen hervorging.

Forderungen an die Kommunalpolitik

Der Arbeitskreis Bad Vilbeler Stadtwald möchte den Stadtwald vorrangig als Erholungswald erhalten. Deshalb stellt er die folgenden zwölf Forderungen auf, über die die Bad Vilbeler Kommunalpolitik nun zu entschieden hat. Das sind:

das Moratorium, vorerst keine alten Bäume zu fällen.

den alten Baumbestand wegen seines geschlossenen Kronendaches zu erhalten.

Totholz im Wald zu belassen.

Naturverjüngung gegenüber Neuanpflanzungen vorzuziehen.

Das Baumartenspektrum nur im Einzelfall erweitern.

Den Waldboden achtsam zu behandeln.

Wegesicherung soll nur soweit nötig erfolgen.

Ruhezonen für Tiere und Wald einzurichten.

Wissenschaftliche Erkenntnisse zum Erhalt des Waldes einsetzen.

Einberufung eines Fachgremiums zur Kontrolle und zur Sicherung getroffener Maßnahmen.

Erläuterungen für Waldbesucher.

Integration des Waldes in ein Landschaftsrahmenplan. jwn

Klaus Borger

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