Coronavirus als existenzielle Gefahr? Desinfektionsmittel sind in den meisten Supermärkten rasch vergriffen. "Das bisher Unbekannte führt dazu, dass ein Alarmmechanismus in Gang gesetzt wird", sagt Dr. Michael Putzke. 
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Coronavirus als existenzielle Gefahr? Desinfektionsmittel sind in den meisten Supermärkten rasch vergriffen. "Das bisher Unbekannte führt dazu, dass ein Alarmmechanismus in Gang gesetzt wird", sagt Dr. Michael Putzke. 

Angst in der Bevölkerung

Corona-Hysterie: Bad Vilbeler Psychiater fordert Transparenz gegen Verunsicherung

  • vonPatrick Eickhoff
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Die Zahl der Coronavirus-Infizierten steigt und damit auch die Angst in der Bevölkerung. Dr. Michael Putzke, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Bad Vilbel und Friedberg, erklärt, welche Rolle die Angst spielt und was die sozialen Netzwerke beeinflussen.

Das Coronavirus ist auf dem Vormarsch. Und es herrscht regelrecht Hysterie. Wie kommt es dazu ?

Die Infektion mit dem Coronavirus wird als existentielle Gefahr wahrgenommen. Das bisher Unbekannte/Fremde führt dazu, dass bei uns ein Alarm-mechanismus in Gang gesetzt wird, der sehr unterschiedlich ausfallen kann. Auf der einen Seite gibt es Menschen, die die Gefahr schlicht leugnen, auf der anderen Seite gibt es diejenigen, die durch aufsteigende Panik mit Aktionismus versuchen, diese zu bekämpfen. Dies geschieht häufig deshalb, um in sich ein Gefühl der Beruhigung zu erzeugen, nicht der unberechenbaren Gefahr ausgeliefert zu sein, sondern etwas tun zu können. Etwas Zweites kommt sicherlich hinzu: ein Sogeffekt. Wenn es so viele machen, zumindest wird dies von den sozialen Medien suggeriert, wollen bestimmte Menschen nicht das Gefühl aushalten müssen, sich gegen die Mehrheit zu stellen.

Welche Faktoren spielen eine besondere Rolle?

Es gibt kollektive und individuelle Faktoren. Zum einen ist es so, dass das Coronavirus theoretisch jeden treffen kann, somit ist es eine sehr "soziale Infektion", gegen die wir uns wenig wehren können. Ängste und damit soziale Spannungen können sich in der Gesellschaft dadurch verstärken. Auf der individuellen Ebene spielt es eine große Rolle, welche Sicherheit ich in meinen Beziehungen zu den Eltern und anderen wichtigen Bezugspersonen ausgebildet habe. Davon hängt es dann letztlich ab, wie ich auf die Ereignisse schaue, abwägend oder voller Panik.

Gibt es eine Art "Höhepunkt" wie beispielsweise leere Regale?

Nein, die leeren Regale bilden ein Symptom. Auch wenn in China die Rate der Neuinfektionen zu sinken scheint, ist aus Sicht der Virologie bei uns der Höhepunkt noch nicht überschritten.

Man hat das Gefühl, die Verunsicherung wächst. Wie schützt man sich selbst davor?

Dem Gefühl der Verunsicherung kann nach meiner Meinung nur durch hohe Transparenz entgegengewirkt werden. Das Problem dabei ist allerdings, dass wir im Panikmodus davon wenig wahr- und aufnehmen können. Darum ist es wichtig, dass Maßnahmen seitens des Staates ergriffen werden, um zum einen den Schutz der Bevölkerung zu erhöhen, die Ausbreitung des Virus zu reduzieren, aber auch der Lähmung, die in der Panik enthalten sein kann, etwas entgegenzusetzen.

Welche Rolle spielt dabei die Angst?

Angst entsteht immer dann, wenn eine Gefahr sehr kurzfristig bekannt, ein Gegenmittel noch nicht wirklich vorhanden ist und es jeden treffen kann. Wenn sich daraus eine persönliche Bedrohung ableitet, entsteht Angst. Sie aktiviert unterschiedliche Systeme in uns, die uns sehr selektiv wahrnehmen lassen, was uns in Alarmbereitschaft versetzt, und dadurch die Ängste eher noch steigern kann.

Was verursacht die aktuelle Berichterstattung?

"Bad News are good News", so scheint unsere Medienwelt zu funktionieren. Wobei wir uns klar darüber sein müssen, dass wir aus der Datenflut schon immer sehr selektiv wahrnehmen. Medien, auch die sozialen Medien, können dabei der Aufklärung dienen oder aber Verschwörungstheorien Vorschub leisten.

Wenn sich eine derartige Eigendynamik entwickelt, lässt sich diese überhaupt noch aufhalten?

Ja, durch Transparenz. Dadurch, dass die Maßnahmen, die ergriffen werden, erklärt werden. Nichts zu verschweigen und handlungsfähig zu bleiben. Wobei zur Transparenz durchaus auch der kritische Diskurs beiträgt.

Sind die Abläufe einer solchen Hysterie immer gleich, sprich Ausbreitung, Panik, Hamsterkäufe? Oder gibt es da einen Unterschied, weil es sich um ein Virus handelt?

Es gibt eine gewisse Dynamik, allerdings kommt es sehr darauf an, um welche Form der Panik es sich handelt. So könnte es in Krisen- und Kriegszeiten durchaus sinnvoll sein, sich zu bevorraten.

Wenn Sie "Panik" dieser Art erleben, wie gehen Sie persönlich damit um?

Ich versuche, mich möglichst umfassend zu informieren. Auch habe ich bei Infektionskrankheiten den Vorteil als Arzt, bestimmte Abläufe etwas besser einordnen zu können.

Welche Rolle spielt die aktuelle Zeit der Masseninformationsmedien und sozialen Netzwerke, in denen sich Informationen, ob wahr oder falsch, rasend schnell verbreiten?

Massenmedien haben ein Janusgesicht, einerseits zur Aufklärung und Versachlichung beitragen zu können, andererseits der Panik, der Ausgrenzung, den Verschwörungstheorien Vorschub zu leisten. Ganz zu schweigen von den "alternativen Fakten".

Schaukelt sich das teilweise gegenseitig hoch?

Ja, so ist es. Die in der Angst und Panik sehr eingeschränkte Aufnahmebereitschaft führt dazu, dass wir noch mehr als sonst vor allem die Fakten wahrnehmen, die unsere Ängste bestätigen.

Aktuell geben sich Menschen teilweise nicht mehr die Hand. Halten mehr Abstand voneinander. Allerdings gibt es auch Meldungen, dass bewusst Bevölkerungsgruppen teilweise gemieden werden. Welche Folgen hat diese Panik auf das Verhalten untereinander?

Die Folgen haben wir in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu spüren bekommen, kennen das Phänomen seit Jahrtausenden. Ich meine die Definition von Sündenböcken. Wenn Sie sich in der jüngsten Vergangenheit noch einmal die Anfänge der HIV-Infektionen vor Augen führen oder die BSE- und SARS-Infektionen oder die Generalisierung von "dem Fremden", der für alles Mögliche verantwortlich gemacht wurde. Dies hängt mit dem Kinderglauben zusammen, dass, wenn ich jemanden habe, dem ich eine (Mit-)Verantwortung für meine Ängste und Panik zuschreiben kann, ich aus einer "namenlosen Angst" eine bezeichnete machen kann. Allerdings mit dem gravierenden Nachteil der völligen Verzerrung und Generalisierung. Der "Vorteil" besteht darin, scheinbar eine (meist kurzfristige) Entlastung bei mir erreicht zu haben. Natürlich hat dies erhebliche gesellschaftliche Auswirkungen, die Ausgrenzung ganzer Bevölkerungsteile, wie es aktuell neben den Infektionen auch bei den Migranten wieder passiert.

Lässt sich so etwas überhaupt verhindern?

Ja, indem immer wieder differenziert wird, immer wieder darauf hingewiesen wird, welche infektiöse Bedrohung wir in der Vergangenheit bewältigt haben und welche Maßnahmen bereits getroffen worden sind, uns zu schützen. Es gilt, die Balance zu halten zwischen einem Negieren der Gefahr und der kopflosen Panik.

In der Wetterau ist bisher noch kein Coronavirus-Fall bestätigt worden. Allerdings befinden sich einige in häuslicher Quarantäne. Die Landesregierung hat empfohlen, Großveranstaltungen abzusagen. Die ersten Veranstaltungen in der Wetterau sind bereits abgesagt.

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