Wie entwickelt sich die Nachfrage? Noch ist die soziale Schieflage vieler, verursacht durch die Pandemie, bei der AWO-Schuldnerberatung nicht angekommen. SYMBOLFOTO: DPA
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Wie entwickelt sich die Nachfrage? Noch ist die soziale Schieflage vieler, verursacht durch die Pandemie, bei der AWO-Schuldnerberatung nicht angekommen. SYMBOLFOTO: DPA

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Betroffene kommen oft zu spät

  • vonAnne-Rose Dostalek
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Die Corona-Krise beutelt viele Menschen. Finanziell kann die Pandemie für große Probleme sorgen, wenn der Minijob weg ist, durch Kurzarbeit weniger Geld zur Verfügung steht oder sogar die Arbeits- losigkeit droht. In Karben und Bad Vilbel berät die AWO Schuldnerberatung Bürger, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen können.

D ie Wirtschaftsauskunftei Creditreform warnt in ihrem "Schuldneratlas 2020" vor einer Verschärfung der Schuldenkrise bei Privathaushalten. Besonders stark seien die Senioren betroffen. Seit 2013 hat sich die Zahl der überschuldeten Verbraucher ab 70 Jahren mehr als vervierfacht auf mittlerweile rund 470 000 Betroffene.

In Karben und Bad Vilbel berät die AWO Schuldnerberatung Bürger, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen können. Aber noch ist die soziale Schieflage vieler, verursacht durch die Pandemie, dort nicht angekommen. "Wir haben bislang nicht mehr Klienten, sondern weniger", sagt Berater Jacques Indemans. Das könnte damit zusammenhängen, dass Gerichtsvollzieher weniger oft tätig gewesen seien. Vielleicht spiele auch die Umstellung auf telefonische Beratung statt offener Sprechstunden eine Rolle. Wie sich die Nachfrage nach Beratung im kommenden Jahr entwickeln werde, wisse man nicht. Aber man gehe von einem steigenden Bedarf aus. "Leider kommen die meisten Betroffenen erst zu uns, wenn es fast zu spät ist", sagt Indemans.

Häufig würden Menschen in der Schuldenfalle wochenlang keine Briefe aufmachen und Fristen versäumen, statt Kontakt aufzunehmen mit den Gläubigern. Die Folgen seien schwerwiegend: Es türmen sich mehr Schulden auf durch Strafgebühren und Inkassokosten . Plötzlich ist das Konto gepfändet und der Gerichtsvollzieher steht vor der Tür und klebt den Kuckuck auf die Besitztümer. "Wir sehen häufig, dass Trennungen und Scheidungen zu einer Schuldenkrise führen", sagt Indemans. Denn auf einmal müssen Menschen alleine die finanziellen Lasten tragen, die sie sonst mit zwei Gehältern bestritten haben. Oft fallen Partner aus allen Wolken, wenn sie merken, dass sie für finanzielle Verpflichtungen mit aufkommen müssen, die ihr Partner eingegangen ist.

Auch Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit trifft die Menschen. Zu viele Kredite müssen abgestottert werden und die Mieten sind hoch. "Generell können wir aber nicht bestätigen, dass Senioren überschuldet sind und verstärkt die Beratungsstelle in Anspruch nehmen", erläutert Indemans mit einem Blick auf die Statistik: Die meisten Ratsuchenden stehen mitten im Erwerbsleben und sind zwischen 35 und 55 Jahr alt. Vereinzelt kommen auch Menschen über 65 Jahre . Alleinstehende überwiegen in allen Altersgruppen, der Männeranteil beträgt 60 Prozent.

Nur telefonische Sprechstunden

Aktuell kann die AWO Schuldenberatung wegen der Pandemie keine offenen Sprechstunden anbieten, aber telefonisch sind die Berater erreichbar und bearbeiten die Fälle. "Das klappt gut", sagt Indemans, denn wenn ihnen die notwendigen Unterlagen zugeschickt würden, würden sie sie studieren und dementsprechend beraten. Sie könnten mit Gläubigern verhandeln, eine Stundung beantragen und versuchen, eine außergerichtliche Einigung zu erzielen. "Dazu brauchen wir aber Zeit und einen Verhandlungsspielraum von mehreren Monaten", mahnt Indemans. Eine außergerichtliche Einigung ist einer Insolvenz immer vorzuziehen. Denn eine Insolvenz kostet Gerichtsgebühren, zieht einen Schufa-Eintrag nach sich und verbaut auf Jahre den Zugang zu Krediten, neuen Mietverträgen oder günstigen Anbietern von Gas, Strom, Telefon und Internet.

"Die meisten Gläubiger gehen darauf ein, wenn wir bei dem außergerichtlichen Einigungsversuch etwas mehr anbieten als der pfändbare Teil des jetzigen und zukünftigen Einkommens hergibt. Der Vorteil für sie ist, dass sie mehr bekommen als sie bei einer Insolvenz zu erwarten hätten", erklärt Indemans Der Schuldner müsse aber absolut ehrlich sein und darf Einkommen und Vermögen nicht "verstecken". Wer diesen Weg wählt und über eine Laufzeit von üblicherweise 36, 60 oder 72 Monate die vereinbarten Zahlungen leistet, hat wieder eine schuldenfreie Zukunft vor sich. Denn der außergerichtliche Vergleich ist erfüllt, die Forderungen daraus sind erloschen.

Die ehrenamtliche Schuldnerberatung der AWO besteht seit 16 Jahren. Sie hat seit 2017 vom Regierungspräsidium Darmstadt den Status als anerkannte Schuldner- und Insolvenzberatungsstelle nach § 305 InsO und kann außergerichtliche Einigungen herbeizuführen beziehungsweise deren Scheitern bestätigen, damit der Schuldner einen Insolvenzantrag stellen kann. Der Wetteraukreis hat die Beratungsstelle als Anlaufstelle für Karbener und Bad Vilbel Bürger eingesetzt. In den Sprechstunden (zurzeit wegen der Pandemie ausgesetzt) sind immer zwei ehrenamtliche Berater anwesend. Für juristische Fragen steht ein Rechtsanwalt zur Verfügung. Präventiv wird beraten in Fragen der Haushalts-und Rechnungsführung.

Das Team der ehrenamtlichen Berater sucht auch Verstärkung, vorzugsweise von Menschen mit Berufserfahrung aus dem kaufmännischen Bereich oder als Banker.Die AWO Schuldnerberatung in der Friedberger Straße 84 in Bad Vilbel ist unter 01 76/51 00 79 04 (Bitte auf Mailbox sprechen.) oder per E-Mail an

info@schuldnerberatung-badvilbel.de zu erreichen. dos

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