Burgfestspiele

Berührend und aufwühlend

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Berührend und aufwühlend gestaltet Vera Maria Schmidt das Ein-Frau-Stück "Das Tagebuch der Anne Frank" im Theaterkeller. Vassily Dück untermalt die Szenen mit Akkordeonmelodien.

Dämmrig ist das Licht im Theaterkeller. Auf unterschiedlich langen Metallstangen sind nackte Glühbirnen montiert, eine Wand aus Paletten grenzt die Bühne nach hinten ab. Bereits als die Besucher den Raum betreten, sitzt Anne Frank (Vera Maria Schmidt) mit dem Rücken zum Publikum auf zwei aufeinander gestapelten Paletten. In der linken Ecke der Bühne sitzt Akkordeonspieler (Vassily Dück). Karg ist das Bühnenbild (Dorothea Mines) bei der Generalprobe von "Das Tagebuch der Anne Frank" am Sonntagnachmittag.

"Kitty" hat Anne Frank ihr Tagebuch genannt, das Menschen weltweit bewegt. Das jüdische Mädchen ist in Frankfurt geboren und wanderte mit ihrer Familie in die Niederlande aus, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Ab Juli 1942 lebte sie mit ihrer Familie versteckt in einem Hinterhaus in Amsterdam. Vom 12. Juni 1942 bis 1. August 1944 hat sie ihre Gedanken und Gefühle ihrem Tagebuch anvertraut. Daraus hat Ulrich Cyran eine berührende Bühnenfassung entwickelt.

Ihre Freunde, Konflikte mit den Eltern und der älteren Schwester, sowie die Veränderung des eigenen Körpers während der Pubertät beschäftigen Anne Frank. Für Peter, der mit seinen Eltern ebenfalls im Hinterhaus lebt, entwickelt sie Gefühle. Vera Maria Schmidt tanzt über die Bühne, probiert Rock und Stöckelschuhe an. "Ich will Sprachen lernen, Kunstgeschichte studieren, ich will was sehen von der Welt", träumt Anne Frank. Doch in der nächsten Szene klammert sie sich an den Paletten fest, als sie beschreibt, dass die acht im Versteck lebenden Personen Schritte hören, die sich dem Drehschrank nähern, der zum Hinterhaus führt. Mit klopfenden Herzen halten sie den Atem an, panisch vor Angst entdeckt zu werden. "Es beklemmt mich doch mehr als ich sagen kann, dass wir niemals hinaus dürfen", beschreibt Anne Frank. Der Blick aus dem Dachfenster auf den blauen Himmel und den kahlen Kastanienbaum wird zum Luxus.

Beeindruckend füllt Vera Maria Schmidt die Texte von Anne Frank mit Leben. Sie spielt eine lebendige, fröhliche Jugendliche, die aber auch nachdenklich, wütend und ängstlich ist und mit der Zeit reifer und nachdenklicher wird. In einigen Szenen spielt sie weitere Personen, die von Anne Frank detailreich beschrieben werden.

Vassily Dück begleitet verschiedene Szenen am Akkordeon. Er findet die passenden leichten, wütenden und melancholischen Klänge. Immer wieder singen die beiden Künstler einzelne Strophen des jiddischen Volkslieds "Tsen Brider" (Zehn Brüder). In jeder Strophe stirbt einer von ihnen.

"Das ist eine wahnsinnige schauspielerische Leistung, alle Personen lebendig werden zu lassen", urteilen Susanne und Claus Scherer, Kerstin Wachter und Dirk Schuster nach der Vorstellung. "Das ist ein schweres Thema. Das Bühnenbild hat gut gepasst, die Stimmung wurde beklemmend. Das Stück macht nachdenklich." Jolina (15), Florian (14) und Falk (15) haben schon im Unterricht über Anne Frank gesprochen: "Aber es ist viel berührender, wenn man das über die Berichte von ihr selbst erfährt."

Weiterleben nach dem Tod

Nach dem letzten Tagebucheintrag vom 1. August 1944 singt Akkordeonspieler Vassily Dück: "Ein Bruder bin ich mir geblieben, handel ich mit Licht, sterben tu ich jeden Tag." Anne Frank geht mit ruhigen Schritten hinter die Palettenmauer. Vera Maria Schmidt wird auch zum Schlussapplaus nicht mehr auf die Bühne zurückkommen. Die Besucher erfahren, dass die Polizei am 4. August 1944 in das Amsterdamer Hinterhaus einfiel. 1945 starben Anne Frank und ihre Schwester in Bergen-Belsen an Typhus. Von den acht versteckten Personen überlebte nur Annes Vater Otto Frank, der ihr Tagebuch veröffentlichte. Die Inszenierung von "Das Tagebuch der Anne Frank" berührt, sie beschäftigt noch lange nach der Vorstellung. An einer Stelle sagt Anne Frank: "Ich will weiterleben, auch nach meinem Tod."

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