BV_AleaBauprojekt_010221_4c_2
+
In der Frankfurter Straße 32 hat die Alea ein Wohn- und Geschäftshaus errichtet. Der Erdaushub dafür musste auf eine Deponie gebracht werden.

Hohe Baukosten

Baustellen in der Wetterau: Erdaushub wird zum Kostentreiber

  • vonRedaktion
    schließen

Deponien sind in Hessen Mangelware. Die Entsorgung des Erdaushubs zählt daher zu einem wesentlichen Kostentreiber beim Bau von Immobilien. Das zeigen auch Beispiele aus Bad Vilbel.

Die Nachfrage nach Wohnraum, vor allem nach bezahlbarem, ist hoch und übersteigt seit Langem das Angebot. Das gilt auch und vor allem für die südliche Wetterau. Wer nun nach den Ursachen für teures Bauen und den entsprechend teuren Wohnraum sucht, könnte auch auf etwas stoßen, das gar nicht so bekannt ist.

Einer der Kostentreiber nämlich ist die Entsorgung des Erdaushubs. Die Lkw müssen oft viele Kilometer bis zu den Deponien fahren. »Die Entsorgung lässt sich kaum noch planen. Sie kann mittlerweile bis zu einem Viertel der Kosten des Auftragsvolumens ausmachen«, sagt etwa Thomas M. Reimann, Vizepräsident der Vereinigung hessischer Unternehmerverbände (VhU) und Vorstandsvorsitzender der Alea Hoch- und Industriebau AG mit Sitz in Frankfurt und Bad Vilbel.

Erdarbeiten entscheiden, welche Deponie angefahren wird

Das familiengeführte Bauunternehmen mit mittlerweile 150-jähriger Tradition hat für dieses Jahr ein Wohnhausprojekt in Bad Vilbel kalkuliert und würde es auch gerne errichten. Dabei handelt es sich um ein größeres Mehrfamilienhaus. Weil auch eine Tiefgarage vorgesehen ist, wird der Erdaushub nicht unerheblich ausfallen. Die dafür in Betracht kommende Deponie wäre - theoretisch zumindest - die in Flörsheim-Wicker oder alternativ eine bei Gießen.

Ob sie es auch tatsächlich werden, wird sich allerdings erst bei den Erdarbeiten zeigen. Die Alea hat in Bad Vilbel erst kürzlich größere Baumaßnahmen in der Frankfurter Straße 32 und am Nordbahnhof hochgezogen, und in Karben ein Hochregallager gebaut. »Bei diesen Vorhaben lagen zwischen unserer Kalkulation und dem beginnenden Erdaushub jeweils nur wenige Monate. Die kalkulierten Entsorgungskosten haben sich jedoch nahezu verdoppelt. Das verteuert den Quadratmeter neu geschaffener Fläche erheblich und treibt den Baupreis in die Höhe«, sagt Reimann

Erdaushub bis in die Niederlande gebracht

Für das mögliche neue Projekt in Bad Vilbel will Reimann vom möglichen Entsorger eine erste Kostenschätzung einholen, ein Bodengutachten soll dann vorliegen. Vorsichtshalber lässt der Bauunternehmer in solchen Fällen noch Preise für bessere oder schlechter zu erwartende Qualität abfragen.

Grund für den rapiden Aufschlag und die teure Entsorgung war bei der Baumaßnahme am Nordbahnhof, dass die Lkw die Ladungen zu weit entfernten Deponien fahren mussten, da die unmittelbar erreichbaren den Aushub nicht angenommen haben. »Bei einem anderen Bauprojekt gingen die Fahrten sogar bis in die Niederlande«, berichtet Reimann. Ganz so weit werde die Strecke diesmal nicht werden, aber »wir müssen davon ausgehen, dass, sollte es Flörsheim-Wicker oder Gießen nichts werden, mindestens bis hinter Mainz gefahren werden muss, eventuell auch zu einer Deponie hinter Gießen«, vermutet er.

Äste und Wurzeln »verunreinigen« die Erde

Als weiteren Grund hat der Bauunternehmer strengere Auflagen ausgemacht. Deponien dürfen nämlich nicht jeden Bau- und Abbruchabfall annehmen, sondern nur den der ihnen zugewiesenen Klassen. »Der Großteil der Abfälle ist ökologisch unschädlich. Trotzdem muss er sachgerecht verwertet, recycelt oder entsorgt werden. So verlangt es das Kreislaufwirtschaftsgesetz.«

Reimann wird daher auch in Bad Vilbel schon an der Baugrube erste Analysen entnehmen lassen. »Erde gilt bereits als verunreinigt, wenn sie Äste und Baumwurzeln enthält«, erläutert er. Eine Deponie darf nur mit aktuellem Nachweis eines Labors den Aushub annehmen, es wird also beim Aushub neu beprobt. Zunächst die ersten 500 Kubikmeter, dann muss eine weitere Probe für die nächsten 500 Kubikmeter erstellt werden. »Mit dem Ergebnis dieser Probe entscheidet sich, welche der Deponien zur Entsorgung in Frage kommt«, informiert der Unternehmer weiter.

12 000 Kilometer für 100 Lkw-Fahrten

Etwas widerstrebt ihm dabei gewaltig: »Die Lkw, die für das Projekt am Nordbahnhof eingesetzt waren, entsorgten rund 6300 Tonnen Erdaushub. Das waren 100 Fahrten, die Fahrzeuge legten dafür insgesamt nahezu 12 000 Kilometer zurück. Der Entsorger erzählte mir, dass sie dabei rund 2400 Liter Lkw-Diesel verfahren hätten. Ein solcher CO2-Ausstoß kann doch nicht im Sinne des Klimaschutzes sein«, kritisiert Reimann. Vor diesem Hintergrund fordert Reimann, Umweltschutz und bezahlbares Bauen als Einheit zu sehen. »Das geht aber nur mit ortsnahen Verwertungsmöglichkeiten. Hessen braucht zwangsläufig neue Deponien, und auch das Baustoffrecycling muss an Attraktivität gewinnen.«

Eine Möglichkeit sieht er in der Förderung des Kiesabbaus. Kies wird für die Herstellung von Beton benötigt. Die leeren Gruben könnten zur Entsorgung von Erdaushub genutzt und zu später Naherholungsgebieten renaturiert werden.

2019 stellte der Verband baugewerblicher Unternehmer Hessen beim Umweltministerium die Anfrage, wie es um die Kapazitäten von Deponien in Hessen bestellt sei. Das Regierungspräsidium Darmstadt antwortete, sie seien innerhalb von fünf Jahren um rund 43 Prozent zurückgegangen. Für die Bauwirtschaft gilt laut Zentralverband Deutsches Baugewerbe: Im Vergleich zu 2018 hat sich die Entsorgung gering belasteter Böden bei jedem zweiten Bauvorhaben um bis zu 50 Prozent erhöht, bei jedem dritten bis zu 100 Prozent. Bei höher belasteten Böden zahlen die Bauherren für die Entsorgung bei jedem fünften Bauvorhaben 200 beziehungsweise 400 Prozent mehr. bf

Wo gebaut wird, fällt viel Erdaushub an. Der muss kostenträchtig entsorgt werden. Den Bauunternehmen macht das allmählich Kopfzerbrechen, denn die weiten Touren treiben die Baupreise hoch und schaden der Umwelt. SYMBOLFOTO: PEGELOW

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare