kgg_weltkrebstag_040221_4c_1
+
Mit dem gebotenen Abstand arbeiten Heidi Bahrenberg (links), Initiatorin der Selbsthilfegruppe Krebs unabhängig von der Art der Erkrankung, und Silke Schöck, Mitarbeiterin der Selbsthilfekontaktstelle Bürgeraktive Bad Vilbel, daran, auch in Zeiten der Pandemie Selbsthilfe-Angebote am Leben zu halten.

Weltkrebstag

Bad Vilbeler Krebspatientin über Corona-Zeit: Der persönliche Austausch unter Gleichgesinnten fehlt

Silke Schöck von der Selbsthilfekontaktstelle und Heidi Bahrenberg, Krebspatientin und Gruppenleiterin der Selbsthilfegruppe Krebs, sprechen zum heutigen Weltkrebstag über ihre persönlichen Erfahrungen während der Pandemie.

Fast ein Jahr ist heute, am Weltkrebstag, vergangen, seit die Bundesregierung den ersten Lockdown ausgerufen hat. Wie ist es den Selbsthilfegruppen in den vergangenen elf Monaten ergangen?

Schöck: Die Gruppen gehen sehr unterschiedlich damit um, dass persönliche Treffen aktuell nicht möglich sind. Viele haben mittlerweile den für sie passenden Kontaktweg gefunden: Sie bleiben über Telefonanrufe oder Whats-App-Gruppen im Austausch. Einige setzen auch konsequent auf Video-Treffen: Die Anonymen Alkoholiker etwa treffen sich regelmäßig einmal pro Woche.

Bahrenberg: In meinem Fall ist das leider völlig anders…

Frau Bahrenberg, Ihre Gruppe für Patienten mit Krebs wurde ziemlich genau vor einem Jahr erst ins Leben gerufen, wir hatten uns damals für ein Interview getroffen…

Bahrenberg: Ja, wir waren damals sehr motiviert. Doch nach der Neugründung haben wir uns gerade zweimal getroffen, als der erste Lockdown ausgerufen wurde. Obwohl die Motivation da schon einen ersten Dämpfer erfahren hatte, waren wir kreativ, haben uns im Sommer etwa zu Spaziergängen getroffen. Doch dann sind die Infektionszahlen wieder gestiegen und neue Beschränkungen folgten. Wir haben uns einfach zu selten gesehen, um als Gruppe zusammenzuwachsen. Die Stabilität, die andere Gruppen bereits hatten, fehlte uns. Videokonferenzen möchte meine Gruppe nicht. Und ich muss das auch erst lernen…

Schöck: In der Tat war es für viele Neuland, sich per Video zu treffen. Als Kontaktstelle haben wir 2020 dazu mehrere Fortbildungen angeboten, um zu unterstützen. Aktuell entwickeln wir neue Angebote für die Vernetzung Selbsthilfeaktiver während der Corona-Pandemie. So haben wir jüngst die Kontaktpersonen unserer Gruppen zu einem virtuellen Austausch eingeladen. Die Teilnehmer konnten die Plattform Jitsi kennenlernen und wie man solche digitalen Treffen überhaupt startet.

Kann Selbsthilfe aber wirklich 1:1 ins Digitale verlagert werden?

Bahrenberg: Ich finde das schwierig. Wir können virtuell zwar eine Agenda abarbeiten und Organisatorisches besprechen. Aber in der Selbsthilfe sprechen wir über hochsensible Themen, über unsere Gefühle - das geht vor dem Bildschirm nicht so einfach. Ich persönlich weiß da oft nicht, wie ich ein Thema beginne oder in eine Gruppendiskussion einsteige.

Was fehlt Ihnen persönlich, auch als Patientin, am meisten?

Bahrenberg: Der Austausch mit Gleichgesinnten!

Schöck: Das macht ja den Kern der Selbsthilfe aus.

Bahrenberg: Als ich vor knapp zwei Jahren die Diagnose Krebs erhielt, musste ich am eigenen Leib erfahren, dass das, was ich bis dahin gelehrt hatte - ich hatte jahrelang über Gesprächsführung referiert -, nicht auf diese besondere Lebenssituation zu übertragen ist. Freunde und Angehörige sind mit der Diagnose überfordert, sie wissen plötzlich nicht mehr, wie sie mit dir reden können. Gleichzeitig entsteht bei dir ein Schuldgefühl, weil du sie nicht überfordern willst. Viele dieser Gedanken und Gefühle kann - oder will? - ein Angehöriger nicht verstehen. Die Selbsthilfegruppe ist da ein wichtiger Ort des Austauschs, übrigens auch für Angehörige.

Schöck: Ja, genau, die Diagnose Krebs betrifft ja nicht nur den Erkrankten. Auch das Leben ihrer Familien verändert sich. In unseren Gruppen kann man über seine Ängste und Sorgen sprechen und für seine eigenen Gefühle Verständnis finden. Deswegen ist unser Ziel, eine neue Gruppe für Angehörige von Krebserkrankten aufzubauen - leider auch ein Vorhaben, das aufgrund der Pandemie erschwert wurde.

Dabei kann man sich gut vorstellen, dass die Corona-Pandemie solche Überforderungen noch verstärkt?

Schöck: Absolut. Ich hatte kürzlich eine Frau am Telefon, deren Mann mit Ende 40 an Krebs erkrankt ist. Sie haben Kinder, die aktuell daheim beschult werden müssen, und die Frau leidet darunter, immer die »Starke« sein zu müssen. Gleichzeitig bringt die Pandemie teils neue Ängste, etwa weil der Partner zur Risikogruppe zählt, eine Impfung zumindest in diesem jungen Alter aktuell aber erst in der dritten Priorisierungsstufe vorgesehen ist. Das ist eindeutig eine zusätzliche Belastung.

Was raten Sie dann?

Schöck: Kontakt zu uns aufnehmen, damit wir gemeinsam schauen, welche Unterstützungsmöglichkeiten und Angebote es gibt. Wir planen aktuell etwa einen Online-Schnupperkurs, um die Selbsthilfe kennenlernen zu können.

Blicken wir in die Zukunft: Was wird Corona für die Selbsthilfe nachhaltig verändern? Denken Sie, dass der persönliche Austausch künftig noch mehr wertgeschätzt wird als bisher oder bleiben Kratzer zurück?

Bahrenberg: Ich werde mit meiner Gruppe wohl von neu anfangen müssen und lade Menschen, die an Krebs erkrankt sind, unabhängig von ihrer Erkrankung, herzlich zur Teilnahme ein. Der Abstand zwischen den Treffen war einfach zu groß - so wird es vermutlich auch anderen Gruppen gehen. Ich denke daher schon, dass der persönliche Kontakt noch einmal neuen Wert erhält.

Schöck: Das glaube ich auch. Gruppen, die schon länger bestehen, scharren mit den Hufen, dass ihre Treffen wieder stattfinden dürfen. Darüber hinaus glaube ich aber, dass der Schritt ins Digitale gelungen ist und virtuelle Angebote - ergänzend zu persönlichen Treffen - bleiben könnten. Blogs oder Chats beispielsweise sind zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar, ohne feste Termine. Das ist gerade für Menschen mit psychischen Leiden oft von großem Wert. Ich denke, dass solche Angebote als Ergänzung der persönlichen Treffen ausgebaut werden.

Die Selbsthilfekontaktstelle Bürgeraktive Bad Vilbel bietet aktuell ein Angebot an, auch in der Corona-Pandemie in die Selbsthilfe reinzuschnuppern: Dabei steht nicht das Thema im Fokus, sondern zunächst einmal der Wunsch, aktiv zu werden und das eigene Problem in die Hand zu nehmen. Die Online-Treffen über die Plattform Jitsi Meet finden an drei aufeinanderfolgenden Mittwochabenden (17. Februar, 24. Februar und 3. März) jeweils zwischen 18 und 19.30 Uhr, statt. Die Teilnahme ist kostenlos, die technische Voraussetzungen sind PC oder Laptop mit Mikrofon, Lautsprecher und Kamera.

Weitere Infos und Anmeldung unter Tel. 0 61 01/13 84 oder per E-Mail an info@buergeraktive-bad-vilbel.de. jkö

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare