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»Alice« bei den Burgfestspielen

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Bad Vilbel (jas). »Gestern war noch alles wie gewöhnlich. Bin ich vielleicht über Nacht vertauscht worden? Wer bin ich?«, fragt sich Alice und rauft sich angesichts der verqueren Situation, in die sie da geraten ist, die Haare. In eine gänzlich merkwürdigen Welt fanden sich auch die Besucher der Premiere von »Alice im Wunderland«.

Kaum Platz genommen im Theaterkeller, ging die turbulente Reise in konfuse Traumwelten und abstruse Szenen auch schon los. Die ersten Eindrücke überrumpelten, überforderten und verwirrten sicher auch. Wie Alice, die zu den Klängen von »Let the sky fall« im Stil eines Fallschirmspringers aus der Realität ins Wunderland gefallen war, fielen die Zuschauer mit ihr in eine Welt, in der hektische weiße Kaninchen mit Taschenuhren, laszive Raupen, Märzhasen und Siebenschläfer sowie unerbittliche Herzdamen lebten.

Einige Minuten dauerte es, bis man in der mit schwarzen Heliumballons und dicken Schaumstoffmatten (Bühne: Claus Stump) ausgestatten Fantasiewelt ein wenig Orientierung gefunden hatte - wenn man die Geschichte von Lewis Carroll kannte. Wer gänzlich Alice-unerfahren gekommen war, hatte mit Sicherheit größere Startschwierigkeiten. Faszinierend aber war allemal, was da auf der kleinen Bühne passierte. Wie schon im Junk-Musical »Shockheaded Peter« und im Alpenmusical »Die Geierwally« konnten die Zuschauer sich der Ausstrahlung Anne Simmerings auch im Wunderland der Träume nicht entziehen. Mit schier unglaublicher Energie, fesselnder Gestik und Mimik und einer Stimme, von der man mehr hören möchte, machte die Schauspielerin Alice’s Welt zu ihrer.

Dabei verkörperte sie nicht nur die junge Frau, die von einer verqueren Szene in die nächste sprang, tanzte und stolperte, sondern auch gleich noch die gesamte Schar der höchst ungewöhnlichen Bewohner.

In Sekundenschnelle wurde aus der nach Orientierung suchenden Alice die brachiale Herzkönigin, das weiße Kaninchen, das sich unablässig über Nase und Ohren strich, oder die laszive Raupe, die sich mit einer Zigarette im Rotlicht räkelte und mit verruchter Stimme »Alice baby« hauchte. Scheinbar mühelos war sie mal depressiver Suppenschildkröterich, der vom Tanz mit Hummern im Wiegeschritt schwärmte, mal quirlige Alice. Auch, um die verrückte Teegesellschaft samt Märzhasen, Siebenschläfer und arrogantem Hutmacher darzustellen, reichten Anne Simmering ein paar Ballons, drei Matten und ihre Schauspielkunst. Selbst kaum Darstellbares bekam bei ihr Ausdruck. Wenn sich Alice Dank eines Stückes Lakritze oder eines Marshmallows auseinanderschob wie ein Teleskop oder aber auf eine Größe von drei Zentimetern schrumpfte, zitterte Anne Simmering und riss die Augen weit auf, sprang hoch, runter und schob ihren Körper zusammen. Doch nicht nur darstellerisch lieferte die erfahrene Burgfestspiel-Mimin im Musical, das Kirsten Uttendorf inszenierte, eine Meisterleistung.

Auch gesanglich beeindruckte sie, ob bei den umgedichteten Kinderliedern »Eia popeia, was raschelt im Schuh?«, »Alice in der Grube« und »ABC, die Katze...« sowie bei Hits wie »Short people« oder dem Mary Poppins Song »A spoonful of sugar«. Dabei schreckte Simmering vor keiner Herausforderung zurück. Sang sie in »Shockheaded Peter« bereits im Kopfstand »Miau mio«, stellte sie diesmal unter Beweis, dass Singen auch mit einem Mund voller Marshmallows oder Lakritzschnüre möglich ist.

Fabelhafter Partner an ihrer Seite war Markus Höller, der nicht nur als Alice’ Alter ego in Partnerlook unterstützte, sondern vor allem musikalisch das Wunderland zum Leben erweckte. Bei ihm bekamen Orangemarmelade und das Krocketspiel der Königin einen eigenen Sound, er holte effektvoll die unsichtbare Grinsekatze auf die Bühne, ließ Alice geräuschvoll ihre Größe ändern und sorgte für eine gruselig-musikalische Kulisse bei der abschließenden Gerichtsverhandlung. Darüber hinaus unterstützte er Anne Simmering immer wieder gesanglich. Für perfekte Harmonie waren nur kurze Blicke notwendig. Für das Gesamtpaket »Alice im Wunderland« gab’s vom Premierenpublikum langanhaltenden Applaus.

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