Im aktiven Unruhestand

  • vonChristine Fauerbach
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Ihren Geburtstag feiert Erika Fellner nicht etwa zu Hause in Bad Vilbel. Natürlich nicht. Denn die Ex-Politikerin, engagierte Christin und studierte Sozialpädagogin will sich auch im hohen Alter nicht langweilen. Also geht’s hinauf an die Elbe.

O hne Krimi geht die Mimi nie ins Bett", sang 1962 Jazz- und Schlagersänger Bill Ramsey. Das trifft auch auf die ehemalige Politikerin und Hochschullehrerin Erika Fellner zu. "Ich liebe gute Krimis. Zurzeit lese ich von Charlotte Link ›Die Suche‹, erzählt sie. Die passionierte Fotografin liest am liebsten Biografien, wie die über die Malerin und Fotografin Gabriele Münter oder politische Schriften.

Langweilig ist es der ehemaligen SPD-Landtagsabgeordneten aus Bad Vilbel jedenfalls auch im "Unruhestand" nicht. Fellner: "Ich habe ausgefüllte Tage und einen großen Freundeskreis, in dem ich sehr aktiv bin." Ihren 85. Geburtstag am Karfreitag feierte die gebürtige Stettinerin mit Freundinnen in Hamburg. "Ich freue mich auf einen schönen, trödeligen Tag mit guten Gesprächen. Und plane, im Michel einen Gottesdienst zu besuchen", sagt die frühere stellvertretende Vorsitzende der Ehrenamtsakademie der Evangelischen Kirche dieser Zeitung kurz vorher.

Mit ihren Freundinnen geht sie heute chic Essen. Sie freut sich auf ihren Geburtstag, auch wenn er in diesem Jahr auf Karfreitag fällt. "Ich liebe Hamburg und den Norden. In der Hansestadt habe ich Loki Schmidt mal zufällig in einem Park getroffen. Wir durften sie auf ihrem Rundgang mit einem Gärtner begleiten, das war sehr interessant", erinnert sich die Vilbelerin.

Vor einem Jahr besuchte sie ein Klavierkonzert in der Elbphilharmonie, sah sich eine Ausstellung an. Zu ihren bevorzugten Urlaubsorten im Frühling gehört die Nordseeinsel Helgoland, wo sie gern Vögeln beim Brüten und Aufziehen ihrer Jungen zusieht. Neben Lesen und Fotografieren gehören Kunst und Kultur zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. "Ich habe eine Museumskarte, besuche viele Ausstellungen in Frankfurt und Bad Homburg." Zudem schreibt sie für Sohn Gerhard die Geschichte ihrer Familie auf.

Groß geworden ist Erika Golling, wie sie mit Mädchennamen heißt, mit drei Schwestern und einem Halbbruder in Dresden und in Landsberg an der Warthe. "Ich bin in der Tradition aufgewachsen, dass man den Beruf der Eltern – der Vater war Diplom-Landwirt – weitermacht." Heute sei das anders, glaubt sie: "Es gibt nicht mehr viele Traditionen, die weitergegeben werden können. Die Jugend entscheidet selbst über ihren Weg, was beim Wandel in der Berufswelt auch richtig ist."

Zwei Legislaturperioden im Landtag

Sie habe durch das Leben auf dem Land landwirtschaftliche Lehrerin werden wollen. "Später habe ich noch Ausbildungen als Kindergärtnerin und Sozialarbeiterin gemacht." Sie studierte Sozialarbeit an der FH Darmstadt. Ab 1961 bis 2014 war sie als Dozentin in den Fachbereichen Sozialarbeit und Sozialpädagogik an Fachhochschulen in Darmstadt, Hamburg und Frankfurt tätig. Nach der Wende wurde sie 1991 als Dekanin an die Fachhochschule Jena berufen. "1978 wurde ich als Professorin für Sozialwissenschaften verbeamtet, obwohl ich weder promoviert noch habilitiert habe", erinnert sie sich.

In die SPD eingetreten ist Fellner 1970 in einen der beiden Ortsvereine in Frankfurt-Sachsenhausen. Sie war bereits zuvor in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) aktiv. Überraschend sei für sie die Anfrage der Wetterauer SPD gekommen, ob sie für den Hessischen Landtag kandidieren wolle. Diesem gehörte sie zwei Legislaturperioden – von 1995 bis 2003 – als Abgeordnete an.

"Für mich war die parlamentarische Arbeit eine größere Veränderung, als ich anfangs dachte. Ich konnte meine Berufstätigkeit nicht fortsetzen. Ich musste lernen, dass Parteiarbeit heißt, im Bündnis mit der eigenen Partei gemeinsam Ziele zu entwickeln, in denen sich zwar die einzelnen Ziele wiedererkennen, sich Einzelziele aber nicht alleine durchsetzen lassen", sagt Fellner heute. "Eine Partei muss mit einer Stimme sprechen und nicht so, wie wir es heute in allen Parteien erleben."

Von 1998 bis 2004 gehörte sie der Neunten Kirchensynode der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau an, war zeitweise im Vorstand der Evangelischen Akademie Arnoldshain und Vorsitzende des Hochschulrates der Hochschule Darmstadt. 2003 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Sie habe viele ihrer Ämter abgegeben, versuchte immer, junge Leute zu fördern und für die Aufgaben geeignete Nachfolger zu finden. Nach ihrer jahrzehntelangen Arbeit für die Wissenschaft und Politik, die Frauenarbeit und die Kirche genießt Erika Fellner heute ihre "Gestaltungs- und größere Bewegungsfreiheit", die ihr Zeit für Familie, Freunde und Reisen lässt.

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