+

Zwei Religionen im Gespräch

  • schließen

Bad Nauheim(hms). Ein glänzendes Schild am Haus in der Otto-Weiß-Straße 2 weist darauf hin, dass hier die Buber-Rosenzweig-Stiftung zu Hause ist. Hier hat auch der Deutsche Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit (DKR) seinen Sitz. Vor 70 Jahren, am 10. November 1949, wurde er in Bad Nauheim gegründet. Eine der mehr als 80 lokalen und regionalen Gesellschaften wurde vor 35 Jahren für die Wetterau hier ins Leben gerufen. Seit 2013 kommt sogar der evangelischer Präsident des DKR aus der Kurstadt, Pfarrer Friedhelm Pieper.

Bad Nauheim ist also die Schaltzentrale für die gesamte deutsche Bewegung. Eine Bewegung, die bis heute um Verständigung zwischen Christen und Juden ringt, die Geschichte aufarbeitet, jungen Leuten "Erinnerung" ins Lehrbuch schreibt, die religionsübergreifend gegen Judenfeindlichkeit, Fanatismus und Intoleranz vorgeht und die Ursprünge und Zusammenhänge von Judentum und Christentum thematisiert. Das geschieht in Vorträgen und Begegnungen, Tagungen, Publikationen, Schularbeit und politischen Gesprächen national und international.

Alljährlich rückt ihre Arbeit mit der zentralen Eröffnungsfeier der Woche der Brüderlichkeit in die mediale Aufmerksamkeit. Dabei wird auch die Buber-Rosenzweig-Medaille für entschlossenes, antisemitisches Denken und Handeln an Gruppen oder Personen verliehen. 2004 ging sie an den Dirigenten Daniel Barenboim, was dem damaligen Nauheimer Bürgermeister Bernd Rohde mit zu verdanken war.

Darum ging es hier los

Aber warum gerade Bad Nauheim? Als nach dem Krieg die amerikanische Militärregierung Standorte für ihre Verwaltungen suchte, wählte sie das damalige Parkhotel neben der Dankeskirche für die Bereiche Erziehungsarbeit und Demokratisierung. Von hier ging der Impuls aus, denn in Amerika bestanden bereits christlich-jüdische Gesellschaften. Nach deren Modell wurden die ersten fünf in Deutschland gegründet mit je einem evangelischen, katholischen und jüdischen Präsidenten. Inzwischen sind es über 80 mit mehr als 20 000 Mitgliedern. Es war ein Glücksfall, dass ein Pfarrer Ende der 80er Jahre sein Haus dem DKR schenkte. Mit der Gründung der Buber-Rosenzweig-Stiftung am 5. November 1989 ging es in ihren Besitz über.

Seit 19 Jahren ist Rudolf W. Sirsch Generalsekretär des DKR: "Die Schwerpunkte der Aktivitäten ändern sich, mal geht es mehr ins Erzieherische, mal mehr ins Politische oder Theologische", sagt er. Ihm liegen die Lehraufträge an den Universitäten und die neue Stiftungsprofessur in Berlin besonders am Herzen: "Zu wenig wird bisher an den Unis über das christlich-jüdische Gespräch vermittelt." Bewusstsein schaffen bei den Lehrkräften, Schülerinnen und Schüler konfrontieren, sie erleben lassen, das sei wichtig, wolle man gegen Intoleranz und den wachsenden Antisemitismus angehen: "Wir sehen die Früchte unserer Arbeit leider erst nach Jahren oder Generationen." Auch in der Wetterau gibt es unter dem Vorsitz von Britta Weber zahlreiche Veranstaltungen. Das DKR-Motto in diesem Jahr: "Mensch, wo bist du? Gemeinsam gegen Judenfeindschaft." Mit der Buber-Rosenzweig-Medaille wurden 2019 dazu die Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus und das Netzwerk für Demokratie und Courage ausgezeichnet.

Einmal im Jahr hält an wechselndem Ort eine herausragende Persönlichkeit die Rabbiner-Brand-Vorlesung, bei der es um Positionen und Impulse zum christlich-jüdischen Dialog geht. "Wir arbeiten an einer 2000-jährigen Geschichte. Da war vieles festgefahren, aber wir bemerken seit geraumer Zeit eine Öffnung. Beide, Christen und Juden erkennen inzwischen die jeweils andere Religion an", sagt der Theologe Pieper. Und Sirsch: "Ich bin unglaublich dankbar, dass Christen und Juden im Gespräch sind". Der DKR und die Gesellschaften haben eine Stimme in der Öffentlichkeit. Und sie lassen sie laut werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare