Gruppenfoto ohne Dame: Ärzte der Inneren Medizin versammeln sich 1920 im Hof der Stadtschule. FOTOS: NICI MERZ; A. WENZEL
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Gruppenfoto ohne Dame: Ärzte der Inneren Medizin versammeln sich 1920 im Hof der Stadtschule. FOTOS: NICI MERZ; A. WENZEL

Ein Ort des zwanglosen Austauschs

Bad Nauheim. Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte (GDNÄ) wurde 1822 von dem Chemiker Lorenz Oken in Leipzig gegründet. Ziel dieser Gesellschaft war es von Beginn an, den Informations- und Gedankenaustausch verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen zu fördern. Dies geschah in jährlichen oder zweijährlichen Versammlungen in verschiedenen Orten in Deutschland.

Eine Disziplin wird als "Fach" - oder deren Untergebiet - verstanden, das an den deutschen Universitäten gelehrt wurde oder in den "Sektionen" (organisatorische Einheiten) der GDNÄ zwischen 1822 und 1914 vertreten war. Zur Verbreitung neuer Forschungsergebnisse und zur Erleichterung wissenschaftlichen Austauschs bot sich der Zusammenschluss interessierter Fachleute in Dachgesellschaften an, welche die Bildung von Einzeldisziplinen ermöglichten.

Abgrenzung gegen veraltete Strukturen

Die angesehene Humboldt-Universität und die GDNÄ ergänzten sich, indem die eine die Ergebnisse der anderen verbreitete. Professoren und Privatgelehrte sämtlicher deutscher Universitäten, die zuvor oft nicht einmal an der eigenen Universität wissenschaftlichen Kontakt mit den Kollegen benachbarter Disziplinen pflegten, trafen sich jetzt zwanglos auf den Naturforscherversammlungen zum Gedankenaustausch über gemeinsame Forschungsprobleme.

Während die Sozialidee der Humboldt-Universität gegen das "akademische Bergwerk" der Aufklärung gerichtet war, musste sich die GDNÄ gegen die veralteten Strukturen der 1652 gegründeten Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften) abgrenzen. 1822 bestand die Hauptfunktion der GDNÄ in der Zusammenfassung aller naturwissenschaftlichen und medizinischen Erkenntnisse.

Wie zukunftsweisend die Gründung der GDNÄ gesehen wurde, zeigte sich daran, dass zwischen 1831 und 1914 in England, Frankreich, Italien, Skandinavien, Ungarn, den USA, Russland, Polen, der Tschechei, Australien, Südafrika, Spanien und Indien ebenfalls naturwissenschaftliche Gesellschaften gegründet wurden. Zum Teil waren sie inspiriert oder direkt mitgegründet durch deutsche Naturwissenschaftler.

Bis 1914 gab es 55 naturwissenschaftliche und medizinische Fachgesellschaften. Hiervon gingen nachweislich 38 aus der GDNÄ hervor. Bei der 86. Versammlung der GDNÄ 1920 in Bad Nauheim, der ersten nach dem Ersten Weltkrieg, waren 30 naturwissenschaftliche Fachgebiete vertreten.

In diesem Jahr wurden die bereits 1913 vorgeschlagenen Satzungsänderungen umgesetzt. Die Spezialgesellschaften erhielten Sitz und Stimme in der GDNÄ, und es wurde der zweijährige Turnus der GDNÄ-Versammlungen eingeführt. Einzelgesellschaften organisierten jetzt selbstständige Tagungen. Ab 1920 wurde der Deutsche Physiker- und Mathematiker-Tag unabhängig von der GDNÄ veranstaltet, so auch vom 20. bis 24. September 1932 in Bad Nauheim.

Schon 1864 Besuch in Nauheim

Bereits am 20. September 1864 hatten einige Teilnehmer der 39. Versammlung der GDNÄ auf Einladung von Bürgermeister Riess Nauheim besucht. Die Versammlung tagte damals in der Universitätsstadt Gießen. Eine zwanzigseitige Schrift "Erinnerung an Nauheim. Eine Festgabe für die 39. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte am 20. September 1864" informierte damals die Gäste über den Kurort und seine heilenden Quellen.

Die Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte hat ihren aktuellen Sitz in Bad Honneff und setzt bis heute in sechs Fachrichtungen die "Tradition des Dialoges zwischen Naturwissenschaften, Medizin und Technik in Wissenschaft und Öffentlichkeit fort" (www.gdnae.de).

Dr. Rainald v. Gizycki, Brigitta Gebauer

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