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Zuschuss mit Hindernissen

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Klaus Müller ist froh über die abgesenkte Arbeitsfläche in seiner Küche. Nach der Intervention von »defacto« hat die Krankenkasse den Umbau bezuschusst.	(Foto: hau)
Klaus Müller ist froh über die abgesenkte Arbeitsfläche in seiner Küche. Nach der Intervention von »defacto« hat die Krankenkasse den Umbau bezuschusst. (Foto: hau) © Annette Hausmanns

Bad Nauheim (hau). Wenn Klaus Müller am Aliceplatz Freunde und Bekannte trifft, gibt es immer viel zu bereden. Im Mittelpunkt steht meist die Barrierefreiheit in Bad Nauheims Innenstadt. Jetzt hatte der 59-Jährige im eigenen Wohnumfeld ein Anliegen – und wäre fast gescheitert.

Fragt man am Aliceplatz nach Klaus Müller, dann weiß fast jeder gleich Bescheid. Kaum ein Tag vergeht, an dem Müller sich nicht für eine barrierefreie Stadt einsetzt oder anderen Menschen mit Behinderung Tipps gibt, beispielsweise im Umgang mit Behörden. »Das ist mein Ego«, umschreibt Müller schmunzelnd seine Beharrlichkeit. In den 34 Jahren, die er mittlerweile nach einem Autounfall querschnittgelähmt an den Rollstuhl gefesselt ist, hat Klaus Müller viele Schlachten geschlagen – immer bemüht, selbstständig zu bleiben und niemandem zur Last zu fallen.

Wie kräftezehrend das Leben im Rollstuhl sein kann, ist Müller anzusehen, wenn er von der Innenstadt zu seiner Wohnung gerollt ist. »Das wird nicht besser mit den Jahren«, räumt Müller ein, »der 60. Geburtstag steht bald vor der Tür«. Trotz aller Anstrengung genießt es der gelernte Koch, sich seine Mahlzeiten zuzubereiten. Um sich weiterhin selbst versorgen zu können, wollte sich Müller nun einen Teil seiner Küche umbauen lassen: Arbeitsflächen und Spüle sollten auf eine aus dem Rollstuhl zu bedienende Höhe abgesenkt werden.

Vor Beginn des Umbaus stellte der Rollstuhlfahrer bei seiner Krankenkasse einen Antrag auf Bezuschussung des Möbelumbaus, wie es das Sozialgesetz für »wohnraumverbessernde Maßnahmen« vorsieht. Die Kasse lehnte ab und forderte im Hinblick auf Müllers Widerspruch eine Erklärung, wie er denn in den vergangenen 34 Jahren klar gekommen sei. »Das ist diskriminierend«, ärgert sich Müller bis heute – und ist froh, in seiner Not das Fernsehen eingeschaltet zu haben.

803 Euro von der Krankenkasse

Nachdem sich Müller an die Redaktion von »Jetzt reicht’s« bei der Sendung »defacto« im Hessischen Fernsehen gewandt hatte, bekam er seinen Krankenkassen-Zuschuss: Immerhin 803 Euro für die Teilabsenkung der Küchenmöbel. Die wurde im Dezember erledigt, als Müller nach einer Operation einen mehrwöchigen Krankenhausaufenthalt unterbrechen konnte. Mit der Krankenkasse hatte in der Zwischenzeit Redakteurin Ramona Petrov Rücksprache gehalten und sich für Klaus Müller eingesetzt.

Petrov war es auch, die dieser Tage mit Reporterin Claudia Banse und einem Fernsehteam nach Bad Nauheim kam, um den Fall für den Hessischen Rundfunk zu drehen. Ausgestrahlt wird die »defacto«-Sendung im HR-Fernsehen am Sonntag, 28. Februar, um 18 Uhr.

Laut Sozialgesetzbuch können Pflegekassen subsidiär finanzielle Zuschüsse gewähren, die zur Verbesserung des individuellen Wohnumfeldes erforderlich sind. Voraussetzung ist unter anderem, dass »eine möglichst selbstständige Lebensführung wiederhergestellt werden kann«. Zu sogenannten »wohnumfeldverbessernden Maßnahmen« zählen Umbauten und technische Hilfen im Haushalt. Pflegekassen können im Rahmen ihres Ermessens einen Betrag von bis zu 4000 Euro je Maßnahme gewähren. Beispiele sind der Einbau von Liftsystemen im Badezimmer, Treppenlifter, Rampen oder Türverbreiterungen, außerdem der Ein- beziehungsweise Umbau von vorhandenem Mobiliar.

Hilfe via Fernsehen

»Defacto« heißt eine Sendung im Hessischen Rundfunk (sonntags 18 Uhr). In der Rubrik »Jetzt reicht’s« wird Zuschauern Hilfe bei Ärger mit Ämtern, Behörden, öffentlichen Einrichtungen oder Krankenkassen angeboten. Die Redakteure setzen sich für Hilfesuchende ein und sprechen mit Verantwortlichen, um Menschen zu ihrem Recht zu verhelfen. Kontakt per Post: Redaktion defacto, Postfach 3145 in 65021 Wiesbaden, oder via E-Mail an defacto@hr.de.

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