Sie machen die Nacht zum Tage: Wenn’s morgens dämmert, haben Zeitungsboten Dienstschluss. Auf ihren Touren erleben Sabine und Jörg Hildebrand so manches. Seit dem Lockdown aber ist es auch nachts ruhig in der Stadt.		FOTO: PV
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Sie machen die Nacht zum Tage: Wenn’s morgens dämmert, haben Zeitungsboten Dienstschluss. Auf ihren Touren erleben Sabine und Jörg Hildebrand so manches. Seit dem Lockdown aber ist es auch nachts ruhig in der Stadt. FOTO: PV

Auch für Zeitungsboten gelten AHA-Regeln

Zeitungszusteller: Dank Ausgangssperre ist es nachts absolut ruhig

  • Jürgen Wagner
    vonJürgen Wagner
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Zeitungsboten stehen so früh auf, dass sie denen begegnen, die sehr spät heimkommen. Da sieht man allerhand. Zeitungszusteller Jörg Hildebrand hat wieder ein ereignisreiches Jahr hinter sich.

Am ersten Tag des Lockdowns, ein nebliger, grauverhangener Tag, herrschte mittags in der Bad Nauheimer Innenstadt eine beklemmende Stille. Die Läden zu, kaum jemand auf der Straße, nicht mal Autos. Gespenstisch. Jörg Hildebrand kennt diese Stille. Die Kernarbeitszeit von Zeitungszustellern reicht von 0.30 bis 6 Uhr. Aber ganz so leer und still sei die Innenstadt nachts nicht, sagt Hildebrand. »Normalerweise. Seit Corona hat sich das geändert. Jetzt ist die Stadt nachts wie tot.«

Die Ausgangssperre sei deutlich zu spüren, hat Hildebrand beobachtet. Seit 27 Jahren tragen er und seine Frau Sabine die Wetterauer Zeitung, die Wochenpost und die Frankfurter Zeitungen in Bad Nauheim aus. Da bekommt man einiges mit. An Wochenenden sei am Marktplatz nachts einiges los. Jetzt: Nichts. »Total ruhig. Nur ein paar Leute, die zur Arbeit gehen.« Die Hildebrands haben im Handschuhfach eine Bescheinigung des Verlags liegen, falls die Polizei die Ausgangssperre kontrolliert. »Vor einem halben Jahr beim ersten Lockdown wurde ich tatsächlich kontrolliert.«

Zu Beginn der Pandemie waren auch die Zeitungszusteller unsicher, welche Hygienemaßnahmen sie ergreifen müssen. Briefkästen wurden nur noch mit Handschuhen angefasst, Kontakte zu Kollegen vermieden. Auch nachts gelten Abstandsregeln. Mittlerweile habe sich das eingespielt, sagt Hildebrand. Und die Leser seien froh, dass trotz Lockdowns die Zeitung pünktlich kommt.

Abgesehen von Corona sei das Jahr gut gelaufen. Hildebrand erinnert sich ans Glatteis von 2019. Als gar nichts mehr ging, die Stadt lahmgelegt war. »Das war in 27 Jahren das erste Mal, dass wir die Zeitung erst austragen konnten, als es hell war.« Spektakulär war der Brand des »Bistro« am Marktplatz im November 2015. Hildebrand bemerkte ihn, rief die Feuerwehr, klingelte die Nachbarn aus den Betten.

In diesem Jahr habe es »die üblichen kleineren Vorfälle« gegeben, einer erst vergangene Woche. Einer seiner Mitarbeiter rief ratlos an: Mitten in der Nacht stapfte ein kleines Kind, etwa fünf Jahre alt, im Schlafanzug barfuß über die Ringstraße. Bei Temperaturen unter Null! Was tun? Normalerweise wird die Polizei geholt. Glücklicherweise ging in einem Hausflur das Licht an und eine geschockte Mutter holte ihren Jüngsten von der Straße weg.

Mehrfach hat Hildebrand ältere, orientierungslose Menschen aufgesammelt. »Im November oder Dezember ist so ein Mensch verloren.« Mittlerweile kennt er den Trick der Polizei, wie die Ausreißer wieder in ihr Heim kommen: Im Kragen der Jacke befindet sich oft eine Markierung der Senioreneinrichtung.

»Verkehrspolizist« nachts im Einsatz

Einmal beobachtete er einen Mann, der mitten auf der leeren Straße den nicht vorhandenen Verkehr zu regeln versuchte. Ein anderes Mal habe ihn ein Mann in der Fußgängerzone nach einer Person befragt. Diese Person sah er wenige Minuten später mit blutüberströmter Stirn, ein Rettungswagen kümmerte sich um den Mann.

Solche Ereignisse seien die Ausnahme. Normalerweise ist es ruhig, wenn Jörg und Sabine Hildebrand unterwegs sind. Die beiden machen ihren Job sehr gewissenhaft, so gewissenhaft sogar, dass in den letzten 20 Jahren nur vier Urlaubsreisen drin waren. Seit zwei Jahren haben die Hildebrands ihr Pensum etwas heruntergefahren, haben drei feste Aushilfen und eine Teilzeitkraft angestellt. Die Zeitung soll auch dann pünktlich kommen, wenn sie Pause machen. »Gibt es wenige Reklamationen, zeigen sich die Leser erkenntlich.« Im Advent gibt’s Geschenke. Manchmal steckt im Zeitungsrohr eine Weihnachtskarte, eine Flasche Sekt oder Schokolade, andere Leser schicken Karten oder geben Briefe mit 10 oder 20 Euro drin für die Zusteller in der WZ-Geschäftsstelle ab. »Es ist schön zu sehen, wenn unsere Arbeit anerkannt wird.« Jörg und Sabine Hildebrand antworten ihren rund 1000 Kunden mit einem Weihnachtsbrief: Ein paar persönliche Zeilen, Wünsche fürs Weihnachtsfest und das neue Jahr, bebildert mit Weihnachtsmotiven. Die Hildebrands wünschen ihren Lesern in diesem Jahr »ein frohes Fest und natürlich Gesundheit, Glück und Zufriedenheit für das Jahr 2021«. Wünsche, denen man sich nur anschließen kann.

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