Mithilfe von hochprozentigem Alkohol, den Brennereien liefern, stellen Praktikantin Rukiye Günes (l.) und die Pharmazeutisch-technische Assistentin Lisa Ott in der Kur-Apotheke Desinfektionsmittel her.
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Mithilfe von hochprozentigem Alkohol, den Brennereien liefern, stellen Praktikantin Rukiye Günes (l.) und die Pharmazeutisch-technische Assistentin Lisa Ott in der Kur-Apotheke Desinfektionsmittel her.

Desinfektionsmittel-Produktion

In Zeiten von Corona: Hochprozentiges für die Apotheke

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Das hätte sich der Schnapsbrenner aus Ockstadt nicht träumen lassen: Er liefert hochprozentigen Alkohol an die Kur-Apotheke in Bad Nauheim, damit Desinfektionsmittel hergestellt werden kann.

Als die Corona-Krise so richtig Fahrt aufnahm, musste das Team des Bad Nauheimer Apothekers Dr. Dirk Hildebrand in den Krisenmodus umschalten. »In den ersten Tagen stieg das Kundenaufkommen gewaltig. Die Leute wollten Vorräte anlegen«, erinnert sich der Inhaber der Kur-Apotheke. Vor allem fiebersenkende Präparate und Thermometer waren gefragt. Hildebrand und seine Kollegen haben bestimmte Artikel rationiert, um Hamsterkäufe zu verhindern.

Die anfängliche Unsicherheit ist einer gewissen Corona-Normalität gewichen. Jetzt wollen die Kunden vor allem Mundschutz und Desinfektionsmittel. »Bei einfachen Schutzmasken können wir nur auf 200 bis 300 Exemplare pro Woche zurückgreifen, die eine Schneiderin näht«, sagt der Pharmazeut. Zwar hat er bei Herstellern bestellt, es ist aber nichts erhältlich.

In Sachen Desinfektionsmittel geht Hildebrand ebenfalls flexible Wege. »Das Know-how und die technischen Voraussetzungen zur Produktion sind bei uns vorhanden, doch es ist schwierig, die Grundsubstanzen zu organisieren.« Das gilt etwa für Industriealkohol. Der Apotheker wandte sich deshalb an Brennereien, unter anderem in Ockstadt, und bezieht von dort hochprozentigen Alkohol. Eine Mitarbeiterin steht ständig im Labor, um Desinfektionsmittel herzustellen, pro Woche um die tausend Liter. Das Produkt wird auch an Klinik-Ambulanzen, Seniorenheime oder Arztpraxen geliefert.

Rechtzeitig wurde in der Kur-Apotheke an den Schutz von Mitarbeitern und Kunden gedacht. Mitte März ließ Hildebrand im Verkaufsraum Plexiglaswände installieren. Die Zahl der Kassen wurde von fünf auf drei bis vier reduziert, damit die Kunden größeren Abstand halten können. Wer die Räumlichkeiten betritt, wird von Informationsplakaten und einer Desinfektionsstation empfangen.

Corona Wetterauer Apotheke: Zwei-Schicht-Betrieb

Hildebrand hat eine ungewöhnliche Bitte an die Kunden. »Wer sich die Hände desinfiziert, sollte dabei nicht das Rezept mit dem Mund festhalten, was zur Ansteckung führen kann.« Zudem gibt es Zugangsbeschränkungen, zeitweise bildet sich vor der Apotheke eine Schlange. Die Kunden zeigten sich aber viel verständnisvoller als in anderen Zeiten, nähmen Rücksicht aufeinander.

Im Zuge der Corona-Krise mussten in Hessen bereits sechs Apotheken schließen, weil ein Mitarbeiter infiziert war und sich alle anderen in Quarantäne begeben mussten. In der Kur-Apotheke wurde deshalb sehr früh auf Zwei-Schicht-Betrieb umgestellt. Die eine Hälfte des Verkaufsteams arbeitet morgens, die andere mittags, in der Pause wird desinfiziert. Die Angestellten tragen Einweg-Handschuhe, Mundschutz ist bislang nicht vorgeschrieben. Beschäftigte der Verwaltung haben sich ins Homeoffice zurückgezogen.

»Die Zahl der Medikamente, die ausgeliefert werden, hat sich in den letzten Wochen um 400 Prozent erhöht«, berichtet Hildebrand. Früher war ein Fahrer unterwegs, aktuell sind es vier. Der Apotheker findet es sehr erfreulich, dass Kunden aus der Risikogruppe diesen Service konsequent nutzen.

Auf den seit Monaten andauernden Lieferengpass für bestimmte Medikamente hat die Corona-Krise Hildebrand zufolge kaum Einfluss - abgesehen von Produkten wie Mundschutz oder Desinfektionsmittel. Nach wie vor gilt: Jeder Patient erhält den nötigen Wirkstoff, wenn auch nicht unbedingt das Produkt eines bestimmten Herstellers.

Corona Wetterau: Apotheker-Lob für Krankenkassen

Lob spendet der Pharmazeut den Krankenkassen, die wegen des Coronavirus die Gültigkeit der Rabattverträge ausgesetzt hätten. Normalerweise darf Kassenpatienten nur das Präparat eines bestimmten Herstellers ausgehändigt werden, mit dem die Krankenkasse einen Rabattvertrag geschlossen hat. Ist das Medikament nicht vorrätig, muss bestellt werden. Um die Zahl der Besuche in den Apotheken zu verringern, haben die Kassen diese Regel vorübergehend abgeschafft. Apotheken dürfen auch Arzneimittel anderer Hersteller mit demselben Wirkstoff verkaufen.

Wenn die Corona-Krise vorbei ist, rechnet Hildebrand mit Konsequenzen bei Politik und Unternehmen. »Die Pharmaindustrie wird die Produktion wichtiger Medikamente vermutlich nach Europa zurückverlagern und ihre Just-in-time-Strategie hinterfragen.« Von der Politik erwartet er, dass sie die Lagerung größerer Mengen von Schutzbekleidung vorschreibt.

Corona Wetterauer Apotheke: Warten auf Antikörper-Schnelltest

»Wir warten sehnsüchtig auf den neuen Corona-Antikörper-Selbsttest«, sagt der Bad Nauheimer Apotheker Dr. Dirk Hildebrand. Bislang werde das Produkt nur in Kliniken und Laboren eingesetzt, in wenigen Wochen solle es aber in die Apotheken kommen. Nach Angaben von Hildebrand liegt das Ergebnis ähnlich schnell vor wie bei einem Schwangerschaftstest, also in wenigen Minuten. Wobei beim Corona-Test ein Tropfen Blut analysiert wird.

»Mithilfe dieses Tests wird eindeutig ermittelt, ob der Patient die Erkrankung bereits hinter sich hat, also immun ist«, erläutert der Pharmazeut. Ähnlich wird die Bedeutung des neuen Produkts von Virologen eingeschätzt. Damit könne der übliche PCR-Abstrichtest, dessen Auswertung einige Tage in Anspruch nimmt, nicht ersetzt werden. Beim Antikörper-Test werde nämlich nicht zuverlässig ermittelt, ob der Patient das Virus gerade in sich trägt, also noch ansteckend ist. Der gängige Abstrichtest könne eher durch einen Antigen-Schnelltest abgelöst werden, der aber noch nicht ausgereift ist.

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