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Ehemalige Zahnfabrik in Bad Nauheim weicht neuen Wohnungen

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Von: Bernd Klühs

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Keine Schönheit: Die ehemalige Zahnfabrik kann bald abgerissen und durch drei Gebäude mit 54 Eigentumswohnungen ersetzt werden. Die Stellplätze entstehen in einer Tiefgarage.
Keine Schönheit: Die ehemalige Zahnfabrik kann bald abgerissen und durch drei Gebäude mit 54 Eigentumswohnungen ersetzt werden. Die Stellplätze entstehen in einer Tiefgarage. © Nicole Merz

Die Zahnfabrik Bad Nauheim ist ein ehemaliger Industriebetrieb mit interessanter Historie. Als Schmuckstück kann das Gebäude nicht bezeichnet werden. Bald macht es Platz für Eigentumswohnungen.

Bad Nauheim – Weitere 54 Eigentumswohnungen sollen in nicht allzu ferner Zeit auf den Bad Nauheimer Immobilienmarkt geworfen werden, der nach wie vor durch große Nachfrage geprägt ist. Die Rede ist von der ehemaligen Zahnfabrik in der Frankfurter Straße 70. Nach dem Abriss des alten Fabrikgebäudes will ein Investor aus Aschaffenburg hier drei Mehrfamilienhäuser mit bis zu fünf Stockwerken (vier Etagen plus Staffelgeschoss) errichten.

Der Käufer des 7000 Quadratmeter großen Grundstücks in bester Lage direkt am Kurpark könnte in Kürze loslegen. Nach dem einstimmigen Satzungsbeschluss des Bauausschusses zum Bebauungsplan »Ehemalige Zahnfabrik« ist die endgültige Entscheidung durch das Stadtparlament reine Formsache.

Bad Nauheim: Warnung vor Hochwasserrisiko in Neubaugebiet

Vor der Abstimmung befassten sich die Ausschuss-Mitglieder kurz mit den Stellungnahmen der sogenannten Träger öffentlicher Belange. Die beteiligten Behörden hatten zu einigen Themen kritische Anmerkungen gemacht, mit denen sich der Fachbereich Stadtentwicklung im Vorfeld befasst hatte. So warnen Kreisausschuss, Regierungspräsidium und Regionalverband vor der Hochwassergefahr. »Der vorhabenbezogene Bebauungsplan liegt in einem Risikogebiet«, heißt es unter anderem.

Das geht auch aus einer Karte hervor, den dem B-Plan beigefügt ist. Die neuen Wohnungen werden in unmittelbarer Nähe zur Usa errichtet, liegen im potenziellen Überschwemmungsgebiet. Die Stadtverwaltung weist allerdings auf den vor etlichen Jahren errichteten Damm zum Hochwasserschutz hin. Gleichwohl soll der Bauherr bei seiner Planung entsprechende Vorsorge treffen.

Bad Nauheimer Gaststätte in direkter Nachbarschaft

In ihren besten Zeiten wurde in der ehemaligen Zahnfabrik auch mit Stoffen gearbeitet, die aus heutiger Sicht als umweltbelastend gelten. Deshalb haben die Behörden angekündigt, die Erdarbeiten intensiv zu begleiten, um bei etwaiger Kontamination eingreifen zu können.

Zudem wird es auf dem Gelände künftig ein Nebeneinander von Wohnen, Gastronomie und Einzelhandel geben. Seit geraumer Zeit existieren dort ein Tapas-Restaurant und ein Weinhandel, beide Betriebe bleiben erhalten. In der Ausschuss-Sitzung meldete sich diesbezüglich Jochen Ruths (FDP) zu Wort und fragte nach möglichen Konflikten. Heiko Heinzel, Leiter des Fachbereichs Stadtentwicklung, verwies auf konstruktive Gespräche, die Interessen der ansässigen Geschäftsleute seien berücksichtigt worden. »Ich habe diesbzüglich keine Bedenken«, sagte Heinzel. Vorsichtshalber sollen die Stellplätze des Restaurants eingehaust werden, um nachts eine zu große Lärmbelastung zu vermeiden. Für die Kosten will der Investor aufkommen.

Bad Nauheim: Investorenabgabe fließt erstmals

Auf einen erfreulichen Nebenaspekt des Projekts ging Bürgermeister Klaus Kreß ein. Die 2020 vom Parlament auf Vorschlag des Magistrats beschlossene Investorenabgabe wird erstmals gezahlt. Die Aschaffenburger Firma verpflichtet sich, für 15 Prozent der Wohnfläche, die entsteht, pro Quadratmeter 700 Euro ans Rathaus zu zahlen. Dieses Geld soll von der städtischen Wohnungsbau-Gesellschaft dazu verwendet werden, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. »Im Fall der Zahnfabrik wird die Abgabe 546 000 Euro betragen, die vier Wochen nach Erteilung der Baugenehmigung fällig werden«, erläuterte Kreß.

Inzwischen liegt ein Antrag der Kenia-Koalition zu diesem Thema vor. Die Regeln der Investorenabgabe sollen verändert werden. So soll die Abgabe 2022 für 20 Prozent und ein Jahr später für 25 Prozent der Wohnfläche erhoben werden. »Alternativ können vom Investor weiterhin 15 Prozent der geplanten Wohnfläche als sozialgebundene Wohnungen gebaut werden«, heißt es in dem Antrag von CDU, Grünen und SPD.

Dieser Vorschlag sollte eigentlich ebenfalls im Rahmen der Bauausschuss-Sitzung behandelt werden. Die Beratung wurde allerdings vertagt, weil die Koalition die Antworten des Magistrats auf ihre Anfrage zu diesem Thema abwarten möchte. Möglicherweise wird der Antragstext noch einmal verändert.

Bad Nauheim: Firmengründer von Nazis vertrieben

Als Wohnhaus samt Kneipe wurde das Gebäude, das 1906 in der Frankfurter Straße 70 errichtet worden war, zunächst genutzt. Erst 1927 zog die elf Jahre zuvor von Dr. Josef Hoddes gegründete Zahnfabrik dort ein. Hoddes gehörte zu den vielen erfolgreichen Bad Nauheimer Geschäftsleuten, Ärzten und Wissenschaftlern jüdischen Glaubens, die vom Nazi-Regime ermordet oder vertrieben wurden. Der Unternehmer wurde 1939 zum Verkauf des Betriebs gezwungen und ging ins Exil. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erreichte der Firmengründer eine Rückgabe. Unter der Führung seines Schwiegersohns Adolf Schönleber erlebte die Fabrik ihre Blütezeit, beschäftigte teilweise bis zu 450 Mitarbeiter. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer Verlagerung der Produktion uns Ausland. Zuletzt war das Gebäude Eigentum einer Firma, die Torsten Griess-Nega gehört. 2017 wurde er zum Honorarkonsul der Philippinen ernannt, wo die Zahnfabrik ihren Hauptproduktionsstandort hat. Sein Konsulat brachte Griess-Nega ebenfalls in dem Gebäude unter.

Schon seit etlichen Jahren gaben sich bei dem Unternehmer Bauinvestoren, die das Grundstück in Toplage erwerben wollten, die Klinke in die Hand. Eine Einigung kam zunächst nicht zustande. 2017 hatte Griess-Nega gegenüber der WZ erklärt, die Verkaufsüberlegungen zurückgestellt zu haben. Stattdessen werde das Fabrikgebäude Stück für Stück saniert. Etwa zwei Jahre später wurde der Kaufvertrag mit dem Aschaffenburger Investor unterzeichnet.

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