Historikerin Dr. Heide Wunder erzählt bildhaft und lebendig über ihr Forschungsgebiet. FOTO: HMS
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Historikerin Dr. Heide Wunder erzählt bildhaft und lebendig über ihr Forschungsgebiet. FOTO: HMS

Historikerin aus Bad Nauheim

"Es wurde schon mal mehr gegendert"

  • vonHanna von Prosch
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Stand ausgerechnet im Mittelalter das Gendern höher im Kurs? Die 81-jährige Historikerin Dr. Heide Wunder aus Bad Nauheim erforscht Geschlechterverhältnisse. Auf diesem Gebiet gilt sie als Pionierin.

Bücherregale, Stapel von Skripten, Ordner mit Veröffentlichungen, Recherchematerial - jeder Zentimeter Platz ist belegt, jeder Winkel genutzt in der eleganten Altbauetage in Bad Nauheim. Mittendrin agiert Dr. Dr. hc. Heide Wunder. Die 81-jährige Historikerin ist Pionierin auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Genderforschung.

Ein gewinnendes Lächeln geht von ihr aus, eine große Bescheidenheit bei einer, in ihrem Leben stets notwendigen Portion Selbstbewusstsein. Ihr Wissen über den Stand der Frauen in Beruf und Familie von der Reformation bis zum Ende der Französischen Revolution 1799 (Epoche der Frühen Neuzeit) ist immens, ihr Drang, zu immer mehr Erkenntnis zu gelangen, unerschöpflich.

Forschung statt Schule

"Meine Mutter war Kriegerwitwe, und es war ihr ein Anliegen, dass ich die Höhere Schule besuche und studiere", erzählt sie. Mutter und Tanten kamen aus der Landwirtschaft und hätten in ihrer Generation keine Chance gehabt, das zu werden, was sie wollten.

Wahrscheinlich hat diese persönliche Erfahrung Heide Wunder zu ihrem späteren Forschungsthema gebracht. Sie studierte Geschichte, wie viele andere junge Frauen auch. "Die wollten aber ins Schulfach. Und ich wollte forschen", erklärt sie.

Anstoß durch 68er-Bewegung

In ihrer Dissertation zur Siedlungs- und Bevölkerungsgeschichte im Ordensstaat Preußen standen die Bauern im Mittelpunkt, erst danach wandte sie sich der Historischen Frauenforschung zu.

Den Anstoß dazu gaben die Studentinnen und Studenten der 68er-Bewegung. Gemeinsam mit ihnen beschritt sie Neuland. Dabei konnte sie von den Anregungen der Anthropologie profitieren, die ihr bereits in ihren Forschungen zur ländlichen Gesellschaft der Frühen Neuzeit neue Perspektiven eröffnet hatten.

Gemeinsamer Unterricht

"Es wurde schon mal mehr gegendert als heute", sagt Heide Wunder. Bereits im späten Mittelalter hätten Frauen allein oder mit ihren Männern Handwerksbetriebe geführt und seien auch dementsprechend zum Beispiel als "Schneiderin" bezeichnet worden.

Gleiches galt für den Lehrberuf. In den vielen privaten Schulen unterrichteten Lehrerinnen, häufig gemeinsam mit dem Ehemann, Mädchen wie Knaben im Lesen, Schreiben und Rechnen. In den Schulorden der Englischen Fräulein oder der Ursulinen gab es nur Lehrerinnen.

Ausbildung für soziale Berufe

Nach der Französischen Revolution ging es damit erst einmal bergab. Im 19. Jahrhundert waren Mädchen von den öffentlichen Höheren Schulen und damit zum Beispiel von Beamtenkarrieren ausgeschlossen.

An den privaten Höhere-Töchter-Schulen war kein berufsqualifizierender Abschluss möglich. Eine Ausbildung für soziale Berufe schufen vor allen von Frauen gegründeten Schulen.

Mit der Gleichstellung der Frau im Privat- und Familienrecht dauerte es noch weitere rund 100 Jahre. 1977 war Wunder zunächst die einzige Professorin am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften in Kassel. Inzwischen hat sie viele Doktorandinnen begleitet.

Überdehnungen in Gendersprache

Man kann Wunder stundenlang zuhören, wenn sie bildhaft und lebendig über ihr Forschungsgebiet erzählt. Zu den aktuellen Genderdiskussionen meint sie: "Quoten sind nicht unwichtig. Jede geforderte Qualifikation hat ein gewisses Spektrum. Es kann ja auch ausschlaggebend sein, dass Frauen andere Qualitäten mitbringen, und einen anderen Ton. Ich glaube aber auch, dass Frauen - wenn sie denn überhaupt die Wahl haben - oft die Folgen der Entscheidung nicht überblicken, wenn sie die Familienrolle der beruflichen Chance vorziehen."

In der aktuellen Gendersprache gebe es zweifellos Überdehnungen. Die Frage sei, ob es jeweils die Einsicht weiterbringe. Die Diskussionen hätten etwas Diktatorisches. "Wenn man sich dem nicht anschließt, ist man altmodisch. Dann bin ich es eben", sagt die Frau, die überzeugt im Leben ihren Mann stand und steht.

Autorin, Rednerin, Moderatorin

Seit 1984 wohnt Heide Wunder mit ihrem Mann, jetzt Adels- und Landjudendforscher, in Bad Nauheim. Die gebürtige Fränkin machte in Hamburg Abitur und studierte dort Geschichte und Anglistik. 1964 promovierte sie mit der Dissertation "Siedlungs- und Bevölkerungsgeschichte der Komturei Christburg. (13.-16. Jahrhundert)". 1971 nahm sie ihre erste Stelle als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Geschichtswissenschaft an der Uni Hamburg an.

1977 wechselte sie als Professorin für Sozial- und Verfassungsgeschichte nach Kassel und blieb es bis 2004. 2008 wurde sie mit der Ehrendoktorwürde der Universität Basel ausgezeichnet. 2017 erhielt sie den Brüder-Grimm-Preis der Philipps-Universität Marburg.

Wunder ist Buchautorin ("Er ist die Sonne, sie ist der Mond" Frauen in der Frühen Neuzeit; Die bäuerliche Gemeinde in Deutschland) und Verfasserin unzähliger wissenschaftlicher Aufsätze sowie Herausgeberin von Aufsatzbänden. Als Rednerin und Moderatorin ist sie bis heute gefragt.

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