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Blitzschnelle Reime, scharfe Prosa und intelligente Songs: Philipp Scharrenberg begeistert in der Trinkkuranlage mit seinem Programm »Realität für Quereinsteiger«.

Wortgeflechte mit Tiefgang

  • VonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Philipp Scharrenberg, der Wortakrobat für HD, Hohe Dichtkunst, mit perfekter Performance, war bereits zum vierten Mal Gast in der Bad Nauheimer Kleinkunstreihe. Mit seinem neuen Programm »Realität für Quereinsteiger« faszinierte er an zwei Abenden ein anspruchsvolles Publikum in der Trinkkuranlage.

Man muss aufpassen, dass man nicht zu lange lacht, sonst verpasst man den nächsten klugen Gedanken. Und wenn es ruhig ist im Saal, liegt es nur daran, dass die Synapsen gerade höchst angespannt versuchen, die genialen Zusammenhänge zu verknüpfen, mit denen der preisgekrönte Kabarettist sein Publikum verzückt. Wer Tiefgang sucht, Reime liebt und sich nicht scheut, in die Erkenntniskiste zu greifen, der ist bei ihm richtig.

Feuerwerk aus Rap und Lyrik

Das zweistündige Feuerwerk begann der Bühnendichter mit einem Rap. Und schon war man gefangen in seinen Wortknäulen, die er ver- und wieder entwirrte, deren Anfang vom Ende immer eine Lehre war oder besser vielleicht eine Entscheidungshilfe.

Er schlüpfte in die Rolle eines Coachs, der in einem Crash-Kurs der VHS (Vers-Humor-Schmiede), von Pandemie bis Politik, von Digitalisierung bis zur Kinderliteratur die Realität spiegelte. Sein Germanistikstudium, mit dem er sich eigentlich von seiner überbordenden Wortkreativität heilen wollte, bewirkte genau das Gegenteil: Er weiß wovon er spricht, singt, performt, und verwendet dabei alle Mittel vom Hörspiel bis zur Ballade. So entsteht ein dichtes, temporeiches Programm mit (wort)sportlichen Ambitionen.

Wer sich der Realität stelle, könne selbst der Pandemie etwas Gutes abgewinnen. Das sind bei Scharrenberg neue Begriffe wie »ein Spahn«, also der Abstand von 1,5 Metern. Oder »ein Altmaier« passend für ein Hohlmaß und natürlich »25 Lauterbach«. Die Kunst des Anagramms, des Umstellens von Buchstaben zu neuen Wörtern, beherrscht er politisch perfekt. So hat er herausgefunden, dass Angela Merkel auch »klare Mangel« heißen könnte oder Armin Laschet »Arsch mit Elan«.

Doch genug der geworfenen Pointen, es gilt in blitzschnellem Reim, scharfer Prosa und mit intelligenten Songs die Realität zu begreifen. Dabei steht die Gesellschaftskritik, aber auch die individuelle Entscheidungsfreiheit etwa über Konsumverhalten - »Ich brauch’ das nicht, ich bin zufrieden« - im Mittelpunkt. Er vollführt den Relevanztanz, zwingt sich sprachgewaltig durch die Niederungen des kleinen Mobs und erlebt hörbar genussvoll den Egotrip im Konsumrausch. Dabei stellt er bedauernd fest, dass die GruFu, die Grundfunktion, hinter der MuFu, der Multifunktion, immer mehr verschwinde.

Die Absurdität einer Hotline für »Windows home« verarbeitet er in einem Sketch mit unzähligen Doppeldeutungen und Missverständnissen. Dabei gibt er seinen Figuren unterschiedliche Stimmen und Dialekte, Mimik und Tempo. Es entsteht ein Hörspiel über »Fäustchen und der schwarze Pudel« angelehnt an wen wohl? Man dürfe Kinderliteratur nicht mit Zuckerwatte bestreuen, sondern sei es den Kleinen schuldig, zu zeigen, wie die Welt ist. Das endet dann in der Mahnung: »Kinder gebt fein acht, was ihr mit der Erde macht.« So arbeitet er den Wunschtraum des kleinen Linu Looser als Paketbote auf und landet bei Amazon-Methoden.

Witze über Merkel und Laschet

Für Realitätsverweigerer bietet er »Onkel Trumps Hütte« an, wobei die Liste der Onkel von Tönnies bis VW reicht. Der Refrain: »Onkel, wann checkst du’s, wer ist hier Opfer, wer Täter, der weg muss«. Zu guter Letzt macht er sich selbst »nackig«in einer Arbeitsagentur, will heißen, er vollführt einen perfekten Striptease als »German’s next Jobtrottel«.

Und als das Publikum ihm einen Applaus mit tiefer Verbeugung spendet, setzt er noch eins drauf: »Lyrik ist lang(weilig), da muss man durch. Ein Gedicht ist was Schönes.«

Scharrenberg serviert diesmal Lyrik: die balladenhaften Fortsetzung der »Made«, eines witzig, winzigen Gedichts von Heinz Erhard. Dabei landet er wortspielreich bei der Textilindustrie und dem Fair Trade Label. »Schaut einfach mal aufs Etikett!«, lautet sein letzter Hinweis für das, über seinen Ideenreichtum staunende Publikum.

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