bk_vergoelst2_010621_4c_1
+
Baugleiche Wohnungen, unterschiedliche Mietpreise: In den Wobau-Mehrfamilienhäusern in der Dieselstraße herrscht Unruhe. Viele Mieter sehen eine Ungleichbehandlung, die behoben werden müsse.

Ungleichbehandlung?

Wobau-Anlage in Bad Nauheim: Miethöhe wird Zankapfel – „Zahle im Jahr 600 Euro mehr als andere“

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
    schließen

In der Wobau-Anlage in der Bad Nauheimer Dieselstraße herrscht ein hohes Preisniveau. Viele Erst-Mieter sind jetzt verärgert, denn wer seinen Vertrag 2021 unterzeichnet hat, zahlt weniger.

Bad Nauheim – Seit gut einem Jahr lebt Kirsten Frank in dem Wohnkomplex, den die Bad Nauheimer Wohnungsbau-Gesellschaft (Wobau) ab 2018 auf dem 6300-Quadratmeter-Grundstück an der Ecke Dieselstraße/Wisselsheimer Straße errichtet hatte. Eine Kaltmiete von 11,70 Euro pro Quadratmeter fällt für ihre Drei-Zimmer-Wohnung an, hinzu kommen monatlich 85 Euro für den Tiefgaragenplatz und mehrere hundert Euro Nebenkosten.

Ein happiger Preis, von »bezahlbarem Wohnraum«, den der frühere Bürgermeister und Wobau-Aufsichtsratschef Armin Häuser einst angekündigt hatte, kann keine Rede sein. Das sieht auch Kirsten Frank so.

Die Dieselstraße wurde seit 2015 durch viele Wohnungsbauaktivitäten zwar deutlich aufgewertet, auch angesichts der Entfernung vom Zentrum handelt es sich aber nicht um eine Spitzenlage. »Zudem entspricht die Ausstattung nicht dem gehobenen Standard. Statt Parkett wurde Linoleum verlegt, es gibt keine elektrischen Rollläden und keine modernen Bäder«, erklärt Kirsten Frank. Trotzdem hat sie die Miete akzeptiert, wollte aus privaten Gründen auf dem angespannten Bad Nauheimer Wohnungsmarkt eine Bleibe finden.

Bad Nauheimer Anwohner schreiben Protest-Brief an Bürgermeister

Inzwischen macht sich unter den Mietern, die bald nach Fertigstellung der 55 Wohneinheiten eingezogen sind, Unzufriedenheit breit. »Für viele Wohnungen hat sich aufgrund der Miethöhe über Monate kein Interessent gefunden. Ende 2020 standen noch 10 bis 15 Wohnungen leer«, sagt Kirsten Frank. Deshalb habe sich die Wobau Anfang dieses Jahres entschlossen, den Quadratmeterpreis auf 11,05 Euro zu senken. Davon profitierten aber nur Bewohner mit neuen Verträgen. »Über diese Ungerechtigkeit ärgere ich mich gewaltig. Ich zahle im Jahr 600 Euro mehr als andere Mieter in einer vergleichbaren Wohnung«, sagt Kirsten Frank. Durch diese Vorgehensweise der Wobau sei viel Unruhe entstanden.

Nicht nur Kirsten Frank ist empört. Im Mai haben sich 28 Bewohner des Komplexes an einer Unterschriftenaktion beteiligt. Sie wandten sich zunächst an die Wobau-Geschäftsleitung und forderten Gleichbehandlung. Das sei abgelehnt worden, weil die Erst-Mieter mit ihrer Vertragsunterschrift den Quadratmeterpreis von 11,70 Euro akzeptiert hätten. Daraufhin haben sich die empörten Mieter schriftlich an Bürgermeister Klaus Kreß gewandt, der auch Vorsitzender des Wobau-Aufsichtsrats ist.

Kreß wird gebeten, auf eine Gleichbehandlung hinzuwirken. »Die Wohnungsbau-Gesellschaft ist in Bad Nauheim als korrekter und fairer Vermieter bekannt, deshalb halten wir es nicht für richtig, dass unterschiedliche Grundmieten für baugleiche Wohnungen verlangt werden. Das könnte auch ein geordnetes Zusammenleben negativ beeinflussen«, heißt es in dem Schreiben an Kreß.

Dieselstraße in Bad Nauheim: Wobau als »Preistreiber«?

Kirsten Frank hält den Quadratmeterpreis von 11,70 Euro für überzogen. Tatsächlich sind die Mieten in besseren Lagen, etwa in der Frankfurter Straße am Kurpark, niedriger - trotz besserer Ausstattung. Gleiches gilt laut Kirsten Frank für vermietete Eigentumswohnungen in direkter Nachbarschaft der Wobau-Anlage. Da es für Bad Nauheim keinen Mietspiegel gibt, möchte sie Vergleichsmieten heranziehen, um juristisch eine Senkung ihres Mietpreises durchzusetzen. »Die Wobau gehört zu 98 Prozent der Stadt. Ein solches Unternehmen darf sich nicht als Preistreiber auf dem Bad Nauheimer Wohnungsmarkt betätigen«, betont Kirsten Frank.

Bürgermeister Kreß will die Angelegenheit prüfen. Seinen Angaben zufolge geht es lediglich um acht Wohnungen, die für einen Quadratmeterpreis von 11,05 Euro vermietet worden sind. Die Mieter aller übrigen Drei- und Vier-Zimmer-Wohnungen müssten 11,70 Euro zahlen. Für Zwei-Zimmer-Wohnungen gelte ein Mietpreis von 12 Euro.

Laut Kreß sind diese unterschiedlichen Miethöhen rechtlich nicht zu beanstanden. »Trotzdem werde ich die jetzige Situation nicht hinnehmen und dem Aufsichtsrat am 16. Juni eine Änderung vorschlagen. Die Wobau muss einen anderen Anspruch haben als ein Privatinvestor.« Wie er einräumt, seien die Mieten in der Wohnanlage recht hoch. Das hänge mit dem Grundstückspreis, den Kosten für Schadstoff-Entsorgung, dem Tiefgaragen-Bau und der Barrierefreiheit zusammen.

Bezahlbarer Wohnraum in der Bad Nauheimer Dieselstraße: Ziel verfehlt

Vor sieben Jahren gab es erste konkrete Überlegungen, auf dem ehemaligen Vergölst-Gelände an der Ecke Dieselstraße/Wisselsheimer Straße von der städtischen Wohnungsbau-Gesellschaft sieben Mehrfamilienhäuser mit 55 Wohnungen errichten zu lassen. Der Baubeginn für das 14-Millionen-Euro-Projekt sollte ursprünglich bereits 2016 erfolgen, es dauerte dann aber zwei Jahre länger. Um den Jahreswechsel 2019/2020 konnten die ersten Mieter einziehen.

Obwohl die Gebäude von Anfang an mit Tiefgaragen und Barrierefreiheit vorgesehen waren, kündigte der damalige Bürgermeister Armin Häuser 2015 einen für breite Bevölkerungsschichten »bezahlbaren« Quadratmeter-Mietpreis von rund 7 Euro an. Später war von einer Kaltmiete von 9 Euro die Rede, 2019 sprach Wobau-Geschäftsführer Reimund Bell schließlich von 10 Euro. Tatsächlich wurden von den Interessenten, die als erstes einzogen, letztlich 11,70 Euro verlangt. Trotz des angespannten Wohnungsmarkts in Bad Nauheim fanden sich zu diesem Preis zunächst nicht genügend Mieter. Deshalb entschloss sich die Wobau Anfang 2021, den Mietpreis für die zu diesem Zeitpunkt leerstehenden Wohnungen auf 11,05 Euro abzusenken. Inzwischen sind so gut wie alle Wohnungen in der Anlage vergeben.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare