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Wie sinnvoll ist die Quarantäne? Expertin aus Bad Nauheim gibt Antworten

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Von: Christoph Agel

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Justizminister Buschmann gab grünes Licht, die Quarantänepflicht nach Corona-Infektion zu streichen. Was passiert, falls Hessen sie wirklich streicht? Antworten aus Bad Nauheim.

Bad Nauheim - Mit der Pflicht, sich mindestens fünf Tage lang in Quarantäne zu begeben, falls der Coronatest positiv ausfällt, könnte es in Hessen bald vorbei sein. Denn erstens hat Gesundheitsminister Kai Klose (Grüne) - gemeinsam mit einigen Amtskollegen - dies gefordert, und zweitens ist Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) nicht gewillt, diesem Ansinnen irgendwelche Steine in den Weg zu legen.

Was aber würde das bedeuten? Zwei Szenarien wären denkbar: Der coronabedingte exorbitante Ausfall von Personal in allen möglichen Branchen würde ausbleiben oder zumindest abgefedert, weil man ja arbeiten dürfte, falls man sich fit fühlen würde. Szenario zwei: Weil sich noch mehr Menschen anstecken, wird es mehr Ausfälle geben. Zeit nachzufragen - bei Dr. Katharina Madlener, der Direktorin der Abteilung Labormedizin & Krankenhaushygiene an der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim.

Sind die fünf Tage Quarantäne aus medizinischer Sicht noch sinnvoll?

Aus Sicht der Krankenhaushygiene seien fünf Tage adäquat und nachvollziehbar, antwortet Madlener. »Viele Menschen sind in diesem Zeitraum leicht erkrankt. Einige Erkrankte entwickeln Fieber und hüten für 2-3 Tage das Bett. Viele fühlen sich abgeschlagen und matt. Einige wenige zeigen gar keine Symptome.« Unabhängig vom Verlauf der ersten drei Tage sei es vorgesehen, dass alle positiv Getesteten weitere zwei Tage symptomfrei zu Hause in Quarantäne blieben. »Im Krankenhaus-Umfeld gibt es dann noch Sonderregelungen, die für die normale Bevölkerung nicht gelten: Unsere Mitarbeitenden dürfen im Anschluss an die Quarantäne erst wieder in die Klinik kommen, wenn der Antigen-Schnelltest negativ ist«, teilt Madlener mit.

Die Erfahrung der letzten Wochen und Monate zeige, dass dies bei den Erkrankten in der Regel auch nach fünf Tagen der Fall sei. »Im Labor haben wir beobachtet, dass gerade in den ersten Tagen einer Infektion eine hohe Viruslast nachgewiesen wird. Diese fällt dann rasch und zeitnah ab. Bei einem negativen Schnelltest ist der PCR-Nachweis gelegentlich noch positiv und zeigt ebenfalls Virusmaterial an. Allerdings ist die Viruslast dann so niedrig, dass keine Ansteckungsgefahr mehr besteht. Insofern ist der Zeitraum von fünf Tagen gut gewählt.«

Expertin aus Bad Nauheim gibt Antworten zur Quarantäne bei Corona

Wäre es möglich, dass der Wegfall der Quarantäne nach hinten losgeht, weil dann noch mehr Arbeitnehmer ausfallen würden?

»Wir kämpfen aktuell mit einem relativ hohen Krankenstand. Neben SARS-CoV-2 sind viele Kolleginnen und Kollegen auch an einer ›normalen‹ Grippe erkrankt«, erläutert Madlener. »In den letzten zwei Jahren haben wir uns in fast allen Bereichen mit Masken geschützt. Es gab insgesamt wesentlich weniger Grippe-Erkrankungen/Erkältungskrankheiten. Im Umkehrschluss haben wir unser Immunsystem nicht so gut trainieren können, sodass wir jetzt wieder vermehrt unter normalen Erkältungserkrankungen leiden.«

Diese Entwicklung spreche dafür, dass sich die Menschen in nachvollziehbarer Weise wieder mehr treffen und dabei auch weniger Masken tragen. Ob sich nach Aufhebung der Quarantänepflicht die Anzahl der Infektions-Erkrankungen wesentlich ändern würde, sei fraglich - »vermutlich nicht«, antwortet die Hygiene-Expertin weiter. »Zumindest nicht, wenn alle Erkrankten zu Hause bleiben. Dies sollte ja für die normale Grippe ebenso wie für eine Corona-Infektion gelten.«

Könnte durch Abschaffung der Quarantänepflicht eine Überlastung von Kliniken drohen?

»Es kommen zur Zeit nur sehr wenige Patientinnen und Patienten ›wegen‹ einer Covid-Erkrankung in die Klinik. Wir haben aber sehr viele Patientinnen und Patienten, bei denen wir eine Infektion bei der Aufnahme nachweisen können,«, informiert Madlener. In der Kerckhoff-Klinik werde bei jeder Aufnahme eine PCR-Untersuchung durchgeführt. »So entdecken wir täglich bisher nicht erkannte Infektionen. Möglicherweise steigt diese Rate nach Aufhebung der Quarantänepflicht an und damit auch der Aufwand in unserer Klinik.

Denn um eine Übertragung des Virus zu verhindern, werden diese Patientinnen und Patienten isoliert. So kommen wir aktuell insgesamt auf eine Anzahl von etwa 10-15 Fällen in Isolation. Eine Überlastung liegt zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht vor. Ob eine Aufhebung der Quarantäne-Pflicht daran etwas ändern würde? Vermutlich kaum, insbesondere dann nicht, wenn alle Erkrankten zu Hause blieben.«

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Wenn der Coronatest positiv ist, muss man sich fünf Tage lang isolieren. Aus Hessen und anderen Bundesländern ist die Forderung geäußert worden, die fünftägige Quarantänepflicht aufgeben zu dürfen. Bundesjustizminister Marco Buschmann hat nichts dagegen. Noch aber gilt die Pflicht in Hessen. SYMBOL © Red

Klinik in Bad Nauheim hat wegen Corona Personalsorgen

Wie sieht eigentlich die aktuelle Corona-Lage beim Personal der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik aus? Und käme es für die Klinik infrage, einen Verzicht auf die fünftägige Quarantänepflicht zu ermöglichen?

Aktuell seien 20 bis 25 Mitarbeiter - von etwa 1450 - in Quarantäne, teilt Dr. Katharina Madlener mit. »Dies hört sich nicht so viel an. Da aber weitere Ausfälle durch andere Erkrankungen hinzukommen, ist die Personalsituation doch in einigen Bereichen angespannt.« Aktuell teste sich das Kerckhoff-Personal regelmäßig, erläutert die Direktorin der Abteilung Labormedizin & Krankenhaushygiene. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter teste sich drei bis fünf Mal pro Woche.

»Bei positivem Schnelltest führen wir eine PCR-Testung durch. Nur sehr wenige Mitarbeitende, bei denen wir dann eine SARS-CoV2-Infektion nachweisen, zeigen gar keine Symptome. Die meisten haben Erkältungsanzeichen - manche Fieber. Insofern rechnen wir nicht mit sehr viel mehr erkranktem Personal, sollte die Quarantänepflicht auch im Krankenhaus entfallen.« (Christoph Angel)

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