Der 1769 geborene Schriftsteller und Wissenschaftler Ernst Moritz Arndt, nach dem die Straße vor dem Bahnhof benannt ist, gilt als Kämpfer für die deutsche Einheit. In seinen Schriften gibt es aber auch Passagen, die aus heutiger Sicht als rassistisch, überzogen nationalistisch und antisemitisch gewertet werden.
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Der 1769 geborene Schriftsteller und Wissenschaftler Ernst Moritz Arndt, nach dem die Straße vor dem Bahnhof benannt ist, gilt als Kämpfer für die deutsche Einheit. In seinen Schriften gibt es aber auch Passagen, die aus heutiger Sicht als rassistisch, überzogen nationalistisch und antisemitisch gewertet werden.

Stadtparlament

Umstrittene Straßen in Bad Nauheim: Wie geht man mit der Benennung um?

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Umstrittene Straßennamen gibt es in Bad Nauheim einige. Die Debatte über Umbenennungen hat sich am Beispiel Lee Boulevard entzündet. Jetzt hat sich das Parlament mit dem Thema beschäftigt.

Robert E. Lee ist eine historische Gestalt, die von den meisten Deutschen kritisch gesehen werden dürfte. Der General war Oberbefehlshaber der Südstaaten-Truppen im US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861 - 1865). Die Konföderierten kämpften vor allem dafür, weiter Sklavenhaltung betreiben zu dürfen. Lee selbst gehörten mehr als 60 Sklaven. Heute sehen viele US-Bürger Lee und andere Südstaaten-Generale als Symbole für Unterdrückung und Rassismus. Der nach Robert E. Lee benannte Boulevard in Bad Nauheim soll deshalb einen neuen Namen bekommen, forderte kürzlich der Kernstadt-Ortsbeirat.

Ob das Stadtparlament dieser Empfehlung folgt, ist allerdings fraglich, wie sich in der Sitzung am Donnerstagabend zeigte. Grundlage der kurzen Diskussion war ein FDP-Antrag mit dem Titel »Umgang mit Bad Nauheimer Straßennamen«. Wie es in der Begründung heißt, hätten die Stadtverordneten in der Vergangenheit mehrfach über Straßenbenennungen diskutiert, aber kaum über den Umgang mit problematischen Straßennamen. Erwähnt werden in dem Antragstext neben dem Lee Boulevard die Beispiele Hindenburgstraße (benannt nach einem Initiator der »Dolchstoßlegende« und Wegbereiter des Nationalsozialismus) oder Ernst-Moritz-Arndt-Straße (benannt nach einem Schriftsteller mit antisemitischen und rassistischen Tendenzen). Eine Person zu ehren, in dem eine Straße nach ihr benannt wird, ist laut FDP-Fraktionschef Benjamin Pizarro immer ein politischer Akt und ein Stück weit angreifbar.

Umstrittene Straßennamen in Bad Nauheim: QR-Code führt zu Kurzbiografien

Seinen Angaben zufolge gibt es in Bad Nauheim etwa 85 Straßen, die nach Persönlichkeiten benannt sind. »Ein paar Namen werden aus heutiger Sicht kritisch gesehen, sind aber Teil unserer Geschichte. Eine Umbenennung ist der falsche Weg«, betonte der Freidemokrat. Seine Fraktion setzt stattdessen darauf, alle Namen aufzulisten und »historisch-kritische« Kurzbiografien erstellen zu lassen, die auf der städtischen Internetportal veröffentlicht werden sollen.

Die Straßenschilder sollen mit einem QR-Code versehen werden. Wer den Code mit dem Smartphone einscannt, landet sofort bei der Kurzbiografie im Internet. »Andere Städte machen vor, wie das geht«, sagte Pizarro. Dort werde der QR-Code oft genutzt. Bei der Erarbeitung der Kurzbiografien könne Stadtarchivarin Brigitte Faatz mit den Geschichtsleistungskursen der beiden Gymnasien (ELS und Lioba) zusammenarbeiten, die an dem Thema interessiert seien.

Straßennamen in Bad Nauheim: Weitere Beratung im Ausschuss

Die Initiative der FDP stößt bei den anderen Fraktionen offenbar auf Gegenliebe. Nach den Worten von FW/UWG-Sprecher Steffen Tüscher ist es allerdings nicht bei allen 85 Straßen notwendig, viel Arbeit in die Ausarbeitung der Kurzbiografie zu investieren. »In zahlreichen Fällen kann auf Wikipedia zurückgegriffen werden.« Im Namen der freien Wähler stellte Tüscher einen Ergänzungsantrag. Er schlug vor, den Namen Lee Boulevard beizubehalten, den die US-Armee für die Straße in der früheren »Housing Area« gewählt hatte. »Wir müssen ihn aber nicht auf Robert E. Lee beziehen. Wir könnten die US-Schriftstellerin Harper Lee als Bezugsperson wählen«, erklärte der Stadtverordnete. Die Pulitzer-Preisträgerin habe den berühmten Roman »Wer die Nachtigall stört« geschrieben und sich darin sehr kritisch mit dem Thema Rassismus in der amerikanischen Gesellschaft auseinandergesetzt.

Wie CDU-Fraktionsvorsitzender Manfred Jordis anmerkte, müssten nicht für alle nach Persönlichkeiten benannten Straßen Kurzbiografien auf der städtischen Internetseite veröffentlicht werden. »Mozart, Schiller oder Goethe braucht man nicht zu erklären. Wer dazu etwas wissen will, findet im Internet genügend Quellen.« Jordis beantragte, den FDP-Antrag zur Beratung der Details in den Ausschuss für Sport und Kultur zu überweisen. Das wurde einstimmig beschlossen.

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