Angesichts der Corona-Flaute wären die Bad Nauheimer Taxifahrer froh über jeden neuen Kunden. Die Bedingungen der AOK für Krankentransporte wollen sie allerdings nicht akzeptieren.
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Angesichts der Corona-Flaute wären die Bad Nauheimer Taxifahrer froh über jeden neuen Kunden. Die Bedingungen der AOK für Krankentransporte wollen sie allerdings nicht akzeptieren.

Streit um Vergütung

Kein Krankentransport unter AOK-Bedingungen: Taxifahrer lassen Krebskranken abblitzen

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Ein krebskranker Mann aus Ober-Mörlen muss zur Untersuchung in die Uniklinik Gießen. Trotz Transportschein scheitert die Ehefrau des Patienten beim Versuch, in Bad Nauheim ein Taxi zu bestellen.

Bad Nauheim - Seit 2008 leidet Helmuth Schimmer (Name geändert) aus Ober-Mörlen an Lymphdrüsenkrebs. Im Lauf der Jahre hat sich sein Gesundheitszustand verschlechtert, zuletzt musste er im Juni in der Uniklinik Gießen operiert werden. Kürzlich sollte der 59-Jährige, der sich mithilfe eines Stocks oder Rollators fortbewegt, zur Nachuntersuchung in die Klinik kommen.

Nach Aussage von Ehefrau Erika Schimmer ist ihr Mann in den Pflegegrad 3 eingestuft, was einer »schweren Beeinträchtigung der Selbstständigkeit« entspricht. »Uns steht ein Krankentransportschein zu, den unser Hausarzt ausgestellt hat«, berichtet sie. Früher fuhr das Ehepaar mit dem Zug nach Gießen, was aufgrund des Zustands des Erkrankten kaum noch möglich ist. Ein Auto haben die Schimmers nicht.

Die Ehefrau wollte in Bad Nauheim ein Taxi ordern. »Ich habe die bekannte Nummer mit den vielen Fünfen gewählt und hatte eine nette Dame am anderen Ende der Leitung. Sie hat nach Ziel, Tag und Uhrzeit gefragt«, erzählt Erika Schimmer. Als auf die Frage nach der Krankenkasse die Antwort »AOK plus« folgte, war das Gespräch schnell beendet. Mit dieser Kasse habe die Bad Nauheimer Taxi-Zentrale keinen Vertrag, der Auftrag könne nicht übernommen werden.

Taxtifahrer in Bad Nauheim: Neun Anrufe, alle sagen Nein

Die Frau aus Ober-Mörlen wollte es zunächst nicht glauben, rief bei weiteren Unternehmen in der Nachbarkommune an. Manche Gesprächspartner legten sofort den Hörer auf, wenn das Kürzel »AOK« fiel. Insgesamt hat Erika Schimmer neun Taxi-Betriebe angerufen - auch aus Friedberg und Frankfurt. Überall dasselbe Ergebnis.

»Ich war richtig wütend. Sind wir Menschen zweiter Klasse?«, fragt Erika Schimmer. Nach den ersten erfolglosen Versuchen hatte sich die Ober-Mörlenerin bei ihrer Krankenkasse gemeldet. Die Probleme wurden dort abgestritten. Die Taxi-Unternehmen könnten den Krankentransport mit der AOK plus abrechnen. Letztlich gab das Ehepaar auf. »Mein Sohn hat einen weiten Umweg bei der Fahrt zur Arbeit gemacht und meinen Mann um 5 Uhr nach Gießen gefahren, obwohl er erst für 7 Uhr bestellt war«, sagt Erika Schimmer. Der Rücktransport per Taxi sei kein Problem gewesen. Offenbar übernähmen die Betriebe die Fahrt, wenn sich ein Klinik-Mitarbeiter melde.

Die Taxi-Zentrale hat tatsächlich keinen Vertrag mit der AOK. Das bestätigt Ersin Sarikaya, 2. Vorsitzender der Taxivereinigung Bad Nauheim. »Den Transport von AOK-Versicherten übernehmen wir nur, wenn der Fahrgast selbst bezahlt und die Rechnung bei seiner Kasse einreicht.« Hauptgrund: Wer einen Vertrag mit dieser Kasse habe und einen Transportschein akzeptiere, erhalte nur 1,25 Euro pro Kilometer. Der normale Tarif für Bad Nauheim liege bei 1,80 Euro. »Im Notfall habe ich AOK-Versicherte gefahren, auch ohne Vertrag. Dann habe ich sogar nur 98 Cent bekommen. Da lege ich drauf«, erzählt Sarikaya. Mit allen anderen Krankenkassen habe die Taxi-Zentrale Vereinbarungen. Sie zahlten gut 1,40 Euro.

AOK: Vermitteln Vertragspartner - Ärger in Bad Nauheim

Der 2. Vorsitzende nennt einen zweiten Grund für den ärgerlichen Zustand. Die AOK schließe nur Verträge mit Taxi-Betrieben, die mindestens zwei Wagen hätten. In der Bad Nauheimer Zentrale seien aber Kleinunternehmer zusammengeschlossen, die oft nur über ein Taxi verfügten. Das gilt auch für Sarikaya. Er und seine Kollegen wären gerne bereit, AOK-Versicherte zu transportieren, die Bedingungen müssten aber stimmen. »Wegen Corona ist auch in unserer Branche im Moment nichts los. Neue Kunden sind natürlich willkommen, aber unter dem Strich muss für uns was übrig bleiben.«

Laut Sarikaya gibt es in Friedberg ein auf Krankentransporte spezialisiertes Taxi-Unternehmen, das AOK-Versicherte akzeptiere. Davon erfahre der Anrufer in der Taxi-Zentrale allerdings nichts, weil es sich um einen Konkurrenten handele.

Auf das Verhältnis der Kasse zur Taxivereinigung Bad Nauheim wollte AOK-plus-Pressesprecherin Hannelore Strobel auf Anfrage nicht eingehen. Diese AOK sei für Sachsen und Thüringen zuständig und habe Verträge mit 2000 Taxiunternehmen in diesen Bundesländern abgeschlossen. Seien Versicherte in anderen Ländern betroffen, erkenne die AOK plus die jeweiligen Vereinbarungen mit der ortsansässigen AOK an. Taxi-Unternehmer mit Vertrag könnten die Kosten für den Krankentransport somit bei der AOK plus abrechnen. »Weigert sich die Taxi-Zentrale Bad Nauheim, eine Fahrt zu vermitteln, raten wir den dortigen Versicherten, sich an uns zu wenden, um einen örtlichen Vertragspartner zu vermitteln«, sagt Strobel.

Krankentransporte: Zahlen Kassen zu wenig?

Vor vier Jahren waren Probleme bei Krankentransporten durch Taxi-Unternehmen schon mal öffentlich geworden. Damals wollte sich eine Bad Nauheimerin, versichert bei der Barmer Ersatzkasse, zu einer Klinik in Mainz fahren lassen. Die Taxi-Zentrale hatte den Transportschein akzeptiert, als das Gepäck bereits eingeladen war, bestand der Fahrer aber plötzlich auf Barzahlung. Als sich die Kundin weigerte, wurde sie am Straßenrand zurückgelassen.

Die Taxivereinigung kritisierte das Verhalten ihres Kollegen zwar, deutlich wurde aber eine Auseinandersetzung mit großen Krankenkassen. 2016 waren fast 30 Fahrer in Bad Nauheim tätig, von denen aber nur etwa die Hälfte die Transportscheine der großen Kassen akzeptierte. Das führte zu einem Streit in der Taxivereinigung. Nach Ansicht der Betriebe war die Kostenübernahme unzureichend, manche Kassen zahlten lediglich 1,20 Euro pro Kilometer. Während es damals um verschiedene Krankenkassen ging, lehnen die Unternehmer heute nur die Transportscheine von AOK-Versicherten ab.

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