Kantor Frank Scheffler meistert die technischen Ansprüche mühelos. FOTO: GK
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Kantor Frank Scheffler meistert die technischen Ansprüche mühelos. FOTO: GK

Wenn Schwieriges leicht erscheint

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim(gk). "O Gott, du frommer Gott, Du Brunnquell guter Gaben, Ohn’ den nichts ist, was ist, von dem wir alles haben: Gesunden Leib gib mir, und dass in solchem Leib ein’ unverletzte Seel’ und rein’ Gewissen bleib."

Der bedeutende barocke schlesische Kirchenlieddichter Johann Heermann schrieb dieses mehrstrophige Poem im Friedensjahr 1648. Damals hatte das Wort "fromm" neben seiner religiösen noch eine andere, weltliche im Sinne von gut, hilfreich. In der Redewendung "zu etwas frommen", das heißt, "zu etwas gut sein" hat sie bis ins 19. Jahrhundert überlebt.

Frank Scheffler, Organist an der Dankeskirche, stellte seine Interpretation von Johann Sebastian Bachs Vertonung dieses Textes als Thema mit neun kontrastreichen Variationen an den Beginn des Konzerts im Rahmen des vierzehntägig stattfindenden "Bachzyklus".

Einem kurzen Intermezzo mit Bachs Variationen über das Lied "Die heiligen zehn Gebot" folgte Pfarrer Rainer Böhms Meditation über die Zehn Gebote. Zehn Säulen tragen das Gewölbe der Dankeskirche. Das gebe Anlass zum Nachdenken über diesen Grundtext nicht nur des jüdisch-christlichen Glaubens.

Im Mittelpunkt des knapp einstündigen Konzerts mit etwa 60 Hörern stand Johann Sebastian Bachs Triosonate Nr. 6 in G-Dur, BWV 530. Dieses dreisätzige Werk als letzter Teil eines sechsteiligen, zwischen 1727 und 1732 als Unterrichtsmaterial für seinen ältesten Sohn Wilhelm Friedemann entstandenen, Zyklus stellt höchste Ansprüche an den Interpreten, da hier beide Manuale und das Pedal unabhängig voneinander geführt sind - wobei Letzteres mehrfach durch schnelle Läufe besticht.

Eine harte Nuss

Scheffler meistert die technischen Ansprüche dieses musikalischen Kleinodes scheinbar mühelos. So kann der Hörer jede der drei dynamisch fortlaufenden Melodien deutlich heraushören. Was so leicht und locker klingt, ist in Wirklichkeit deshalb so schwierig, weil die Orgel in dieser virtuosen Sonate die drei Stimmen eines kammermusikalischen Ensembles "übernimmt".

Das Übungsstück muss eine "harte Nuss" für Wilhelm Friedemann gewesen sein.

Auch dieses Konzert mit darauf abgestimmter Meditation bestätigte den Eindruck, ein - wenn auch noch so kleiner, stiller - Gegenpol zum lärmigen Alltag "draußen" zu sein. Spätestens wenn Pfarrer Böhm aus Dietrich Bonhoeffers Gefängnisbriefen wenige Monate vor seiner Hinrichtung, sprich Ermordung durch die braunen Machthaber im April 1945, zitiert, wird auch dem letzten Hörer bewusst, wie himmelweit seine eigene Alltagswelt von der existenziellen Grenzsituation des Widerständlers Bonhoeffer entfernt ist.

Dessen von unerschütterlichem Glauben geprägter Satz vom gütigen Gott, der aus allem Bösen Gutes erstehen lassen kann, korrespondiert mit der ebenso tiefen Glaubenszuversicht eines Johann Sebastian Bach, der seine Werke "zur höheren Ehre Gottes" schuf. Sie werden Bestand haben als musikalisch-spirituelle "Bastion" gegen das Böse in der Welt. Nach gemeinsamem Vaterunser und dem von Pfarrer Rainer Böhm gespendeten Segen bedankt sich das Auditorium für eine kostbare Stunde der Einkehr und Besinnung.

Orgel und Violine

Das nächste Mittwochkonzert ist für den 9. September um 19 Uhr in der Dankeskirche mit dem Schwerpunkt "Orgel und Violine" geplant. Die Violine spielt Gudrun Knapp; die Orgel Frank Scheffler. Den liturgischen Rahmen gestaltet Pfarrerin Meike Naumann. Der Eintritt frei.

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