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Wenn ein »Problemkind« kommt

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Für Pränataldiagnostik, aber auch für das Leben ihres Kindes mit Downsyndrom hatten sich Alexandra und Lars Peter Lueg entschieden, hier im Gespräch mit HR-Moderatorin Marion Kuchenny (l.).
Für Pränataldiagnostik, aber auch für das Leben ihres Kindes mit Downsyndrom hatten sich Alexandra und Lars Peter Lueg entschieden, hier im Gespräch mit HR-Moderatorin Marion Kuchenny (l.). © Elfriede Maresch

Bad Nauheim (ema). Nach dem Film »24 Wochen« war es still im ausverkauften Fantasia-Kino. Die Zuschauer hatten sich der Not eines Paares, das sich zur Spätabtreibung seines behinderten Kindes entschließt, nicht entziehen können.

Zwei Selbsthilfeorganisationen hatten die Vorführung organisiert: die Lebenshilfe Wetterau mit der Familiengruppe Downsyndrom und der Verein »Your Place« aus Ortenberg. In der folgenden Diskussion ging es um die Frage: Kann Pränataldiagnostik hilfreich sein? Oder trägt sie dazu bei, dass sich massiver gesellschaftlicher Druck aufbaut, Schwangerschaften mit »Problemkindern« abzubrechen?

Das Diskussionspodium war mit Betroffenen und Experten besetzt. HR-Moderatorin Marion Kuchenny führte durch die Diskussion. Alexandra und Lars Peter Lueg (Nidda) haben drei Kinder, erfuhren in der Schwangerschaft, dass das jüngste das Downsyndrom haben wird, entschieden sich bewusst gegen einen Abbruch. Und doch waren sie froh über die Möglichkeiten vorgeburtlicher Diagnostik: »Wir wollten wissen, welche Aufgaben auf uns zukommen.« Prof. Thomas Kohl, Leiter des deutschen Zentrums für Fetalchirurgie und minimalinvasive Therapie, unterstrich die hochsensible Situation, wenn Eltern von der Behinderung des kommenden Kindes erfahren haben. Er plädierte für eine einfühlsame Beratung über reine Sachinformation hinaus, die den Eltern die Entscheidung überlässt.

Die im Film gezeigte belastende Spätabtreibung griff Prof. Eberhard Merz (Leiter Ultraschallzentrum Frankfurt und Vorsitzender der Fetal Medicine Foundation Deutschland) auf. Er erinnerte, dass das deutsche Gendiagnostikgesetz eine Beratung der Eltern ohnehin vorschreibt und informierte über einen Test, der schon in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft mögliche Genschäden aufzeigt. Immerhin bleibt so den Müttern ein Spätabbruch erspart.

Christine Karches, Geschäftsführerin von Pro Familia Gießen, wies auf die ganz unterschiedlichen Lebenssituationen der Ratsuchenden hin, betonte die Notwendigkeit eines solidarischen und sachkundigen Hilfenetzes für Familien, die sich für ein Leben mit dem behinderten Kind entschieden haben. Dagegen meinte die Theologin Dr. Hildburg Wegener (Netzwerk gegen Selektion durch Pränataldiagnostik), sie habe im Film nur negative Reaktionen gegenüber der Diagnose Downsyndrom erlebt – eine Haltung, welche die Selektion begünstige. Wo bleibe das Bekenntnis zu einer bunten, akzeptierenden Gesellschaft?

Ein Recht auf Nichtwissen?

Wegener sprach sogar ein »Recht der Frauen auf Nichtwissen« an – ein Standpunkt, den andere Diskussionsteilnehmer nicht teilen konnten. Für die Teilhabe von Menschen mit Behinderung sei noch viel zu tun, betonte Kreisbeigeordnete Stefanie Becker-Bösch (SPD) und sagte zu, sich in der Wetterau für inklusive Entwicklung einzusetzen. »Das Thema ist noch lang nicht ausdiskutiert«, beschloss Marion Kuchenny die Diskussion. Rainer Gimbel, Vorsitzender von »Your Place«, dankte allen, die zur Filmvorführung und zur Diskussion beigetragen hatten.

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