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Wie Katja Bohn-Schulz aus ihrer Arbeit als psychologische Beraterin weiß, hat die Pandemie besondere Herausforderungen für Frauen mit sich gebracht.

Frauen in der Pandemie

Wenn mentale Last zur Falle wird: Bad Nauheimer Expertin spricht über »Mental Load«

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Für Frauen hat die Pandemie starke Belastungen mit sich gebracht. Katja Bohn-Schulz, psychologische Beraterin aus Bad Nauheim, hat in ihrer Praxis oft mit »Mental Load«, mentaler Last, zu tun.

Frau Bohn-Schulz, was bedeutet der Begriff »Mental Load«?

Bereits vor der Pandemie waren Frauen einem enormen Stress ausgesetzt, da sie zumeist zusätzlich zu ihrem Beruf auch die unbezahlte Sorgearbeit übernehmen. Frauen verwenden dafür deutlich mehr Zeit als Männer. Dieser Unterschied hat sich in der Krise noch massiv verschärft.

Von welchen Aufgaben ist dabei die Rede?

Frauen halten das System Familie und alle damit einhergehenden Aufgaben am Laufen. Sie sind in der Regel für alle eventuell auftretenden Widrigkeiten bei der Kinderbetreuung, dem sozialen Umfeld und der generellen Versorgung zuständig. Kommt es beispielsweise zu Ausfällen in der Kinderbetreuung oder werden die Kinder krank, müssen sie stets flexibel agieren. Das sind starke mentale Belastungen.

Hatte die Pandemie diese Belastungen wirklich so verstärkt?

Auf jeden Fall. Die Pandemie hat uns Homeoffice und Homeschooling gebracht. Jedwede alternative Betreuungsangebote wie Kita oder Schule sind weggefallen, ebenso wie die Unterstützung durch die Großeltern. Die Senioren gehörten plötzlich einer Risikogruppe an, mussten ebenfalls mit Einkäufen versorgt werden. Auch andere Modelle, die sich Frauen sorgsam aufgebaut hatten, griffen plötzlich nicht mehr.

Wieso sind mehr Frauen als Männer betroffen?

Häufig tragen die in der Kindheit verinnerlichten Glaubenssätze zu einer Verstärkung bei. Diese Sätze spielen für Frauen eine große Rolle. Beispiele sind: »Ich muss perfekt funktionieren« oder »Ich muss die Beste sein«. Den Begriff Mental Load prägte maßgeblich die Psychologin Patricia Cammarata, die sagte: »Dass sich Frauen um alles kümmern müssen, ist nicht angeboren, es ist sozialisiert.«

Mit welchen Gedanken quälen sich Betroffene?

Sie haben das Gefühl, nur noch funktionieren zu müssen. Die Frauen sagen: »Ich muss an alles denken und habe das Gefühl, für alles ganz alleine zuständig zu sein.« Betroffene haben keine Zeit für sich und wissen schon gar nicht mehr, was ihnen guttäte, was sie brauchen und was ihnen Kraft gibt.

Was bleibt dabei auf der Strecke?

Sich achtsam auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen. Gerade in der Pandemie-Zeit war es fast nicht machbar, sich Zeit für sich selbst nehmen zu können. Das wäre aber wichtig, um sich um die ganz eigenen psychischen und physischen Ressourcen kümmern zu können. Stattdessen überwiegen folgende dysfunktionale Gedankengänge, die viel Kraft und Energie kosten: »Das schaffe ich auch noch und daran muss ich unbedingt auch noch denken.«

Wann merken Betroffene, dass sie etwas ändern müssen?

Sofern der persönliche Leidensdruck zu hoch geworden ist. Wenn die eigenen Ressourcen in jeder Hinsicht aufgebraucht sind, entsteht der Entschluss, in dieser Form nicht mehr weitermachen zu können. Der Leidensdruck kann sich in diversen Symptomen äußern, beispielsweise Schlafstörungen, Kopfschmerzen und depressiven Verstimmungen.

Was kann man dagegen tun?

Es gilt, bewusst mehr Selbstfürsorge zu betreiben und konkret zu lernen, Verantwortung zu teilen und abgeben zu können. Dazu gehört, achtsam das Augenmerk wieder auf die schönen und gelungenen Momente des Tages zu lenken. Helfen kann, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen sowie Gelassenheits- und Atemübungen in den Alltag einzubinden. Betroffene sollten darauf achten, mindestens zwei zusammenhängende Stunden in der Woche für sich zu ermöglichen, ohne Verpflichtungen zu haben. Es kann sinnvoll sein, sogenannte feste Sorgenzeiten einzurichten, in denen man den Sorgen Raum gibt, um sich mit ihnen zu beschäftigen.

Welche Rolle spielen Sport und Ernährung?

Viel körperliche Bewegung und eine gesunde, nervenstärkende Ernährung sind wichtig. Aber auch ein regelmäßiger Austausch und die stetige Überprüfung der gesetzten Ziele sind notwendig, um die mentale Last abzuwerfen. Frauen sollten Unterstützung konsequent einfordern, sich nicht nur auf das »Müssen und Sollen« konzentrieren, sondern auch wieder die eigenen Bedürfnisse wahrnehmen. Wesentlich ist die Erkenntnis, dass Erwerbsarbeit nicht mehr zählt als Sorgearbeit.

Zur Person

Katja Bohn-Schulz ist 53 Jahre alt und von Beruf psychologische Beraterin (VFP), Coach und Referentin. Sie hat eine eigene Beratungs- und Coachingpraxis. Dort arbeitet sie überwiegend mit Frauen, die sie im Rahmen der klientenzentrierten Gesprächsberatung nach Carl Rogers unterstützt und individuell ziel- und ressourcenorientiert begleitet. Nach ihrem Studium war Bohn-Schulz 13 Jahre als Produktmanagerin in einem internationalen Zahlungsverkehrsunternehmen tätig. Sie ist verheiratet und hat eine Tochter. Ehrenamtlich engagiert sich Katja Bohn-Schulz seit mehreren Jahren kommunalpolitisch, inzwischen auch als Stadträtin im Magistrat der Stadt Bad Nauheim. Neben anderen Vereinsmitgliedschaften ist sie Vorstandsmitglied des Fördervereins für ein stationäres Hospiz in der Wetterau.

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