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Wenn das Herz in Not ist: Experte spricht über Symptome, Gefahren, Therapien

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Von: Christoph Agel

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Vor 30 Jahren habe die Sterblichkeit beim Herzinfarkt noch bei 20 Prozent gelegen, sagt Prof. Christian Hamm. Mittlerweile sei sie auf fünf Prozent gesunken. SYMBOL © Red

Anlässlich des Weltherztages hat diese Zeitung mit Prof. Christian Hamm, Direktor der Abteilung Kardiologie an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik, über Symptome, Gefahren, Therapien gesprochen.

Viele Menschen haben während der Pandemie den Gang zum Arzt vermieden - aus Angst, sich zu infizieren. So blieben auch Probleme am Herzen ohne Diagnose, es entstanden Schäden, die man hätte vermeiden können. Die Menschen seien nicht gekommen, »obwohl das Krankenhaus der sicherste Platz ist«, sagt Prof. Dr. Christian Hamm, Direktor der Abteilung Kardiologie an der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik. Aber: »Wir sind fast wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie zurück.«

Mit welchen Beschwerden kommen die Menschen? Was sind die Ursachen? Wie kann man behandeln? Wichtige Fragen - nicht nur am Weltherztag, dem 29. September.

Herzinsuffizienz - Wenn man es nicht mehr ohne Pause in den zweiten Stock schafft, deutet das womöglich auf Herzinsuffizienz hin. Neben Atemnot können sich Ödeme bilden, die Beine schwellen an. Überwiegend seien die Patienten 60 Jahre oder älter, sagt Hamm. »Weil es so schleichend verläuft, merkt man es selbst gar nicht so richtig.« Zu den Ursachen können ein früherer Herzinfarkt, hoher Blutdruck oder eine Herzklappenerkrankung zählen. Oder eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis), die der Patient nicht bemerkt hat.

Wie behandelt man eine Insuffizienz? Zunächst müsse mittels Ultraschall und Blutmarkern die Diagnose gestellt werden. Dann werden Medikamente verabreicht, um die Pumpleistung zu verbessern. »Da sind in der Medizin in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte erzielt worden.«

Herzinfarkt - »Vor 30 Jahren lag die Sterblichkeit beim Herzinfarkt bei 20 Prozent. Jeder Fünfte ist gestorben. Heute liegt sie bei fünf Prozent«, sagt der Kardiologe. Bei den Risikofaktoren stehen Rauchen, zu hohes Cholesterin und hoher Blutdruck an erster Stelle. Besonders Diabetiker seien gefährdet. Eine familiäre Belastung für Herzinfarkte verdoppelt das Risiko, sagt Hamm. »Stress kann zwar einen Herzinfarkt auslösen, aber nur, wenn die Gefäße bereits durch die Risikofaktoren geschädigt sind.«.

Ein Infarkt entsteht, wenn sich ein Herzkranzgefäß plötzlich verschließt. Im Extremfall kommt es zum sofortigen Herzstillstand. Es kann aber auch sein, dass der Betroffene Schmerzen verspürt und selbst den Notarzt ruft. »Wenn der Patient rechtzeitig den Notarzt alarmiert, der ihn dann in ein Krankenhaus mit einem Herzkatheterlabor - wie in der Kerckhoff-Klinik - bringt, kann heutzutage in den meisten Fällen verhindert werden, dass der Herzinfarkt größere Schäden verursacht«, sagt Hamm.

Stumme Herzinfarkte entdecke man erst im Nachhinein per Zufall beim EKG oder Ultraschall. »Man geht davon aus, dass etwa zehn Prozent der Herzinfarkte komplett stumm sind.« Das Risiko eines weiteren Infarkts oder einer Insuffizienz sei hoch, weil der zunächst noch intakte Teil des Muskels mehr arbeiten müsse, erläutert der Chefarzt der Kardiologie des Herzzentrums. »Ein Herzinfarkt erhöht vor allem in den ersten fünf Jahren danach das Risiko eines weiteren Herzinfarktes.« Um den möglichst zu verhindern, werden Blutverdünner verabreicht, Cholesterin gesenkt und Blutdruck eingestellt.

Herzmuskelentzündung - Dazu kann es kommen, wenn Erkältungsviren auf den Herzmuskel gehen und dieser dadurch geschädigt wird. Eine Herzmuskelentzündung heile meist von selbst aus, sagt Hamm. »Das Problem ist die Diagnose: Sie können nicht jeden mit Schnupfen in die Kernspin-Tomografie stecken.«

Auch im Zuge der Pandemie ist von Myokarditis die Rede gewesen. Durch Infektion oder Impfung. »Wir haben beide Arten von Patienten gesehen«, sagt Hamm. Wobei Myokarditis nach Impfung äußerst selten sei. Wenn, dann seien Männer zwischen 20 und 30 Jahren betroffen gewesen, in allen Fällen sei die Entzündung ohne Schäden zurückgegangen. Im Zusammenhang mit Corona-Infektionen sehe das anders aus, da habe es deutlich mehr Fälle gegeben. »Das Risiko ist im Vergleich zur Impfung etwa 50-mal höher, aber hat auch in den meisten Fällen einen guten Verlauf genommen.«

Plötzlicher Herztod - Ursache kann eine Myokarditis in Kombination mit Extrembelastung des Herzens sein, erläutert Hamm. »Deswegen wird, wenn man eine Herzmuskelentzündung feststellt, ein halbes Jahr Sportverbot erteilt.« Ursache für den plötzlichen Herztod könne auch eine angeborene Erkrankung des Herzmuskels sein, die bis dahin nicht festgestellt worden sei. Die häufigste Ursache ist aber der Herzinfarkt.

2021 etwa 6000 Patienten stationär

Patienten, die ins Herzzentrum der Bad Nauheimer Kerckhoff-Klinik aufgenommen werden, haben bereits einen oder mehrere Besuche beim Hausarzt oder beim Facharzt hinter sich und werden dann für weitere Untersuchungen oder Eingriffe in die Klinik überwiesen, erläutert Prof. Christian Hamm, Direktor der Abteilung Kardiologie. Anders sieht es natürlich bei den Notfallpatienten aus. Ein Großteil der Notfallpatienten, die in der Kerckhoff-Klinik eingeliefert werden, haben einen akuten Herzinfarkt, sagt Hamm. Oder sie sind wiederbelebt worden, nachdem sie plötzlich bewusstlos geworden waren. Dahinter stecke meist eine Erkrankung des Herzens, die nur mit der Ausrüstung einer Spezialklinik wie beispielsweise in der Kerckhoff-Klinik optimal behandelt werden könne. In der Kardiologie der Kerckhoff-Klinik wurden im vergangenen Jahr etwa 6000 Patienten stationär behandelt. Vor der Pandemie waren es circa 7000 im Jahr. In der Kardiologie gibt es aktuell 88 bepflegbare Betten.

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