Nicht den Kunden des Weltladens, sondern den Warenproduzenten in den ärmeren Ländern der Südhalbkugel kommt die Mehrwertsteuerersparnis zugute. Sie werden von der Corona-Krise härter getroffen als die Bürger in Deutschland.	FOTO: NICI MERZ
+
Nicht den Kunden des Weltladens, sondern den Warenproduzenten in den ärmeren Ländern der Südhalbkugel kommt die Mehrwertsteuerersparnis zugute. Sie werden von der Corona-Krise härter getroffen als die Bürger in Deutschland. FOTO: NICI MERZ

Solidarität mit Produzenten

Weltladen Bad Nauheim: Steuerersparnis wird gespendet

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
    schließen

Mit der Mehrwertsteuer-Senkung will der Bund in der Corona-Krise Kaufanreize setzen. Doch wird dieses Ziel erreicht? Der Bad Nauheimer Weltladen gibt auf diese Frage seine ganz eigene Antwort.

Im zweiten Halbjahr 2020 gibt es verminderte Mehrwertsteuersätze, quasi als zeitlich begrenztes Konjunkturprogramm in Corona-Zeiten. Seit 1. Juli gelten 16 statt 19 und 5 statt 7 Prozent. Doch wird diese Reduzierung von der Wirtschaft wirklich an die Bürger weitergegeben? Und lässt sich der Kunde dadurch verleiten, mehr zu kaufen? Im Weltladen Bad Nauheim, der auf »fairen Handel« mit Produzenten aus Asien. Lateinamerika und Afrika setzt, wird die Mehrwertsteuer-Ersparnis ganz bewusst nicht an die Kunden weitergegeben.

Stattdessen beteiligt sich das Team nach den Worten von Agnes Römer, Vorsitzende des Vereins Bad Nauheim - fair wandeln, an der Aktion »#fairwertsteuer«. Der Dachverband der Weltläden hat diese Initiative in Kooperation mit dem Forum Fairer Handel und der Lieferantengemeinschaft ins Leben gerufen.

Sie zielt darauf ab, die Mehrwertsteuer-Senkung an die Produzenten im globalen Süden weiterzugeben, um diese in der Corona-Pandemie zu unterstützen. »Bei einem Einkaufswert von 20 Euro entspricht die Senkung der Mehrwertsteuer gerade mal 40 oder 60 Cent, das spüren die Kunden kaum«, sagt Agnes Römer. Es sei sinnvoller, wenn das Geld an die Partner im armen Süden fließe, die besonders unter der Corona-Krise zu leiden hätten. Die Vorsitzende des Vereins, der den Weltladen trägt, ist davon überzeugt, dass die Kundinnen und Kunden diese Aktion unterstützen.

Große Lieferprobleme

Der Weltladen-Dachverband hat sich zu dieser Vorgehensweise entschlossen, weil viele Partner in Afrika, Asien und Lateinamerika wegen Ausgangssperren nicht in ihren Werkstätten oder auf ihren Feldern arbeiten können. »Sie haben Probleme bei der Materialbeschaffung und können nicht liefern. Bereits produzierte Ware kann oft nicht verschifft oder ausgeflogen werden«, schildert Agnes Römer den Inhalt eines Gesprächs mit einer Lieferantin des Weltladens, die Produkte aus Nepal vertreibt. Viele Hersteller blieben auf Produkten sitzen, Ware verderbe. Mit staatlicher Hilfe könnten die Projekte im Süden nicht rechnen.

Aus diesem Grund hat der Weltladen-Dachverband einen Fonds gegründet. Dorthin fließen die Erträge aus der Mehrwertsteuer-Senkung. Das Geld wird an die Handelspartner im Süden fließen, damit diese die Corona-Krise möglichst gut überstehen. Der Dachverband geht nach ersten Rückmeldungen davon aus, dass sich bundesweit fast alle der rund 900 Weltläden beteiligen. »Wir werden etwa 2000 Euro spenden können. In ganz Deutschland werden bis zum Jahresende schätzungsweise rund 250 000 Euro zusammenkommen«, erklärt die Vereinsvorsitzende.

Recht gut durch die Krise gekommen

Durch die Aktion »#fairwertsteuer« profitierten die Produzenten in den kommenden sechs Monaten doppelt vom »fairen Handel«. Erstens sichere der Einkauf im Weltladen das Einkommen der Projekt-Mitarbeiter im Süden, die dringend auf den Verkauf der Waren angewiesen seien. Zweitens speisten die Kunden mit ihren Einkäufen seit dem 1. Juli einen Fonds, der die Handelspartner in dieser schwierigen Krise zusätzlich stärke. »So setzen wir gemeinsam mit unseren Kundinnen und Kunden ein Zeichen für globale Solidarität und zeigen, dass wir auch in dieser Krise anders handeln als andere«, sagt Agnes Römer.

Nach ihrer Auskunft ist der Bad Nauheimer Weltladen bislang recht gut durch die Corona-Krise gekommen. Riesige Einbrüche bei den Verkaufserlösen seien ausgeblieben. »In der Zeit, als der Laden geschlossen war, hatten wir Umsatzeinbußen von acht bis zehn Prozent.« Sehr geholfen habe in dieser schweren Zeit der von der Stadt initiierte Shop BadNauheimLiebe.de im Internet. In dieser Zeit sei der Weltladen an drei Tagen pro Woche geöffnet gewesen, damit die Kunden ihre bestellten Waren abholen konnten. Inzwischen gelten wieder die normalen Öffnungszeiten.

Weltladen seit 2013

Der Weltladen Bad Nauheim bezieht seine Waren - zum Beispiel Lebensmittel und Geschenkartikel - von etwa 30 Lieferanten. Diese Firmen arbeiten direkt mit den Produzenten in Ländern aus Asien, Lateinamerika und Afrika zusammen. Nach den Worten von Agnes Römer, Vorsitzende des Trägervereins Bad Nauheim - fair wandeln, ist diese kurze Lieferkette von Vorteil, vor allem für die Hersteller im globalen Süden.

Der 2013 eröffnete Laden (In den Kolonnaden 15) hat ein buntes Angebotsspektrum, in jedem Monat wird eine Produktgruppe besonders präsentiert. Eine wichtige Rolle spielt der Trägerverein bei der Initiative »Fairtrade-Stadt Bad Nauheim«. Dieser Titel wurde der Kurstadt 2014 verliehen. In diesem Rahmen entstand auch der »Bad Nauheimer Stadtkaffee«, der im Weltladen verkauft wird. Geöffnet ist der Bad Nauheimer Weltladen montags bis freitags von 10 bis 18.30 Uhr sowie samstags von 10 bis 16 Uhr.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare