Einem Veranstalter für FKK-Reisen aus Bad Nauheim brach die Corona-Pandemie das unternehmerische Genick.
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Einem Veranstalter für FKK-Reisen aus Bad Nauheim brach die Corona-Pandemie das unternehmerische Genick.

Betrieb eingestellt

Bad Nauheim: Corona zwingt FKK-Traditionsunternehmen zur Geschäftsaufgabe

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Die Firma OBÖNA aus Bad Nauheim, zweitältester FKK-Reiseveranstalter Deutschlands, hat den Betrieb eingestellt. Wegen Corona verschwindet ein Unternehmen mit schillernder Historie.

  • Der FFK-Reiseveranstalter OBÖNA aus Bad Nauheim ist aufgrund der Corona-Pandemie pleite.
  • Otto Böcher hatte 1966 eine Marktlücke enteckt und das Unternehmen gegründet.
  • Ein Rückblick auf die bewegte Geschichte des Reiseveranstalters OBÖNA.

Bad Nauheim - Als Otto Böcher 1966 eine Marktlücke entdeckte und den FKK-Reiseveranstalter OBÖNA (»Otto Böcher Bad Nauheim«) ins Leben rief, hatte das in der Kurstadt etwas Verruchtes. Die 68er-Bewegung, die auch auf sexuellem Gebiet für frischen Wind in der spießigen Gesellschaft sorgte, stand noch bevor. Böcher, in Bad Nauheim bekannt als jahrzehntelanger Betreiber der Bahnhofsbuchhandlung, wurde damals plötzlich schief angeguckt. »Die Leute haben mit dem Finger auf mich gezeigt«, sagt Böcher, der sich heute darüber amüsiert.

Bad Nauheim: OBÖNA geht nach über 55 Jahren insolvent

Jetzt, im Alter von 82 Jahren, muss der Bad Nauheimer das Ende »seines« Unternehmens erleben. Corona hat OBÖNA in die Knie gezwungen. Der Betrieb wurde am 31. Oktober 2020 eingestellt, auf einen Insolvenzantrag hat die Geschäftsführung verzichtet. »Es gibt keine Buchungen mehr, von was sollen sie leben?«, bedauert der Rentner das Los seiner Nach-Nach-Nachfolger. Das Schicksal von OBÖNA geht dem Firmengründer zu Herzen: »Das war mein Kind.«

Nach turbulenten, kreativen und arbeitsreichen Jahren, in denen Böcher OBÖNA (Werbeslogan: »Urlaub ohne weiße Streifen«) etabliert hatte, stieg er in den 70er Jahren aus. Danach geriet das Unternehmen gehörig ins Trudeln, hatte doch fortan ein betrügerischer Geschäftsmann das Sagen. Von dessen Machenschaften erholte sich der Reiseveranstalter jahrzehntelang nicht richtig.

Bad Nauheim: Investition in Internetauftritt lohnt sich nicht für OBÖNA

In ruhiges Fahrwasser kam OBÖNA erst, als die am Taubenbaum ansässige Firma 2014 von Frank Jacobs übernommen wurde. Das Unternehmen wurde von dem Schwaben, der auf einen Jahresumsatz von 3 Millionen Euro verweisen kann, seriös geführt. Er konzentrierte sich aufs Kerngeschäft, vor allem auf Urlaub in Kroatien und auf Lanzarote. Böcher hätte sich ein breiteres Angebot gewünscht, etwa die früher sehr erfolgreichen FKK-Kreuzfahrtschiffe oder deutsche Reiseziele im Katalog.

Aus nach schillernder Geschichte: Ein FKK-Reiseveranstalter aus Bad Nauheim ist pleite.

Auch das hätte nichts am Niedergang durch die Pandemie geändert. Nach Angaben von Geschäftsführer Jacobs hatte die Firma 2019 groß in den Internetauftritt investiert. Diese Geldausgabe sollte dem Unternehmen wenig später in zweifacher Hinsicht schaden. Als die Buchungen plötzlich wegbrachen, hatte OBÖNA zum einen keine Rücklagen mehr, zum anderen gab es keine KfW-Darlehen. »Im Frühjahr 2020 haben wir eine kleine finanzielle Unterstützung erhalten. Kredite gab es nicht, weil wir 2019 aufgrund der Investition einen Verlust ausgewiesen haben«, erläutert der letzte OBÖNA-Chef.

Zudem hatte Jacobs für 2020 eine Menge Flüge und Unterkünfte gebucht und angezahlt. Die Fluggesellschaften hatten es nicht eilig mit der Rückzahlung für abgesagte Starts. »Mit Eurowings befinde ich mich noch heute im Rechtsstreit«, sagt Jacobs.

Bad Nauheim: Corona ist Schuld an OBÖNA-Pleite

Die Hotelbetreiber in Ländern wie Kroatien zahlten keinen Cent zurück. Ihre Unterkünfte standen ja zur Verfügung - nur kamen die FKK-Urlauber eben nicht. Eine juristische Auseinandersetzung mit diesen Hotelbesitzern hatte aus Sicht von OBÖNA keine Aussicht auf Erfolg.

Jacobs bemüht sich seit der Einstellung des Betriebs, allen Kunden, die Anzahlungen geleistet hatten, ihr Geld zurückzuerstatten. Dabei geht es nicht nur um die Anzahlung, sondern auch um Kosten, die durch die Reisestornierung entstanden sind, etwa Taxifahrten und Hotelübernachtungen aufgrund kurzfristig abgesagter Flüge. »Dieses Geld verlangen die Kunden ebenfalls zurück«, sagt Jacobs.

Bad Nauheim: OBÖNA verkauft Teile von Hotelanlage

Glück im Unglück: Das Unternehmen ist Eigentümer einer Hotelanlage auf Lanzarote. Genauer gesagt: war Eigentümer. Einen Teil seiner Anteile hat OBÖNA nämlich verkauft, um flüssig zu bleiben. Jacobs musste seine fünf Mitarbeiter entlassen, hat aber im Interesse seiner Kunden ganz bewusst auf einen Insolvenzantrag verzichtet. Rechtliche Gefahren, zum Beispiel den Vorwurf der Insolvenzverschleppung, befürchtet er nicht.

Auf dem Papier existiert das Bad Nauheimer Unternehmen weiterhin, theoretisch könnte die Arbeit nach Corona wieder aufgenommen werden. Daran denkt Frank Jacobs allerdings nicht: »Wichtige Mitarbeiter sind weg. Firmenwissen, das sich über 55 Jahre angesammelt hat, ist zerstreut.« OBÖNA ist endgültig Teil der lokalen Wirtschaftsgeschichte.

Bad Nauheim: OBÖNA-Ex-Chef geht ins Gefängnis

Nachdem Gründer Otto Böcher seinen Bad Nauheimer FKK-Reiseveranstalter OBÖNA in den 70er Jahren abgegeben hatte, geriet das Unternehmen in die Hände des dubiosen Geschäftsmanns Alfred Maiers (Name geändert). Der verlegte den Firmensitz nach Bad Ems, wo er auch einer ganz anderen, deutlich gewinnträchtigeren Tätigkeit nachging. Aufgrund von jahrelangen Betrügereien wurde Maiers zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren ohne Bewährung verurteilt. Wie das Nachrichtenmagazin Der Spiegel damals berichtete, wurde diese Entscheidung 1980 vom Bundesgerichtshof bestätigt.

Neben seiner Arbeit als OBÖNA-Chef vertrieb Maiers von Bad Ems aus ein »Alpe-Sol-Bad« in Form von Salz für die Badewanne. Alte und Kranke deckten sich damit ein, versprach der Händler doch eine Linderung von Krankheiten wie Arthritis, Asthma, Bandscheibenschäden, Bluthochdruck, Rheuma oder Magengeschwüren. Sogar welke Brüste sollten sich wieder heben. Laut Spiegel hatte Maiers sein Werbefaltblatt mit einem Bild vom Königssee geschmückt und eine Alpensole GmbH Bad Reichenhall + Co KG gegründet. Diese Firma stand unter der klangvollen Adresse »An der alten Saline« nur auf dem Papier.

Bad Nauheim: Ex-Chef zog Gewinne aus OBÖNA

Für das angebliche Heilmittel, bei dem es sich nach der Schilderung des Nachrichtenmagazins tatsächlich um profanes Gewerbesalz zum Streuen oder Pökeln handelte, verlangte Maiers enorme Summen. Für 100 Kilo (Einkaufspreis: 22,50 Mark) mussten arme Rentner 490 Mark zahlen. Kein Wunder, dass die Alpensole GmbH mit 20 000 Kunden pro Jahr 5 Millionen Mark Umsatz machte. Säumigen Zahlern stellte der Betrüger unerbittlich nach, mit der Volksfürsorge stritt er gar um das Sterbegeld eines Wormser Rentners.

Wegen fortgesetzten Betrugs wurde Maiers vom Landgericht Koblenz zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Bis die Entscheidung rechtskräftig war, betrieb der sein Geschäft allerdings weiter. OBÖNA-Gründer Böcher hat diese Geschichte natürlich verfolgt. Das Reiseunternehmen habe die Folgen ebenfalls zu spüren bekommen. Maiers habe die Gewinne stets aus der Firma gezogen und nach seiner Verurteilung einen ihm ergebenen Geschäftsführer eingesetzt. Nach Böcher-Informationen hat sich der Betrüger später nach Paraguay abgesetzt.

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