_162003_4c
+
Seit einiger Zeit wird darüber diskutiert, wie man mehr Menschen für eine Impfung gegen Corona motivieren kann, ob Belohnung oder Sanktion der bessere Weg ist. Eine Studie zeigt, dass alleine die Ansprache schon einiges bringen kann. SYMBOLFOTO: DPA

Anpsrache als wichtiger Faktor

Was eine erfolgreiche Impfkampagne ausmacht: Stadt Bad Nauheim an Studie beteiligt

  • VonRedaktion
    schließen

Wie kann man mehr Menschen davon überzeugen, sich gegen Corona impfen zu lassen? Seit Wochen wird darüber diskutiert. Die Stadt Bad Nauheim hat sich dazu an einer Studie beteiligt.

Eine in Bad Nauheim durchgeführte Studie mit national und international renommierten Hochschulen und den großen Kliniken vor Ort zeigt, wie es gelingen kann, Menschen über eine geschickte Impfkampagne zur Impfung zu bewegen. Der Schlüssel sei »Psychologische Eigentümerschaft«, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Bad Nauheim mit Verweis auf einen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

»Während der Impffortschritt landauf, landab an Fahrt verliert, diskutiert Deutschland darüber, ob es die Gratis-Bratwurst oder Werbespots mit Howard Carpendale schaffen, die Impfquote zu steigern«, erklärt Bürgermeister Klaus Kreß, wieso er im Mai andere Wege gegangen ist. »Uns ist es seit Beginn der Pandemie wichtig, möglichst wirksame Wege zu finden, um als Gesundheitsstadt unserer Verantwortung gerecht zu werden, gleichzeitig das zu erhalten, was die Stadt ausmacht, und sicher zur Normalität zurückkehren zu können - für die Menschen in der Stadt.«

»Ihre Impfung« macht Unterschied

In einer Studie der Zeppelin-Universität Friedrichshafen mit der Universität Mannheim und der Georgetown University in Washington D. C. in Zusammenarbeit mit der Stadt Bad Nauheim, der Kerckhoff-Klinik und dem Gesundheitszentrum Wetterau (GZW) werden die Erfolgsfaktoren einer kommunalen Impfkampagne aufgezeigt - und empirisch belegt. Als einer der wichtigsten Faktoren habe sich dabei erwiesen, dass die Verwaltung vor Ort aktiver auf die Menschen zugehe, schreibt die Stadt Bad Nauheim in ihrer Pressemitteilung. »In der öffentlichen Debatte wird über verschiedene Maßnahmen diskutiert, darunter Anreize, Sanktionen oder eine Impfpflicht«, erläutert Dr. Florian Keppeler (Lehrstuhl für Public Management & Public Policy an der Zeppelin-Universität), den Hintergrund der Studie. »Jedoch eröffnen sich aus unserer Sicht auch mildere Maßnahmen wie zum Beispiel gezielte Anreize aus verhaltenswissenschaftlicher Sicht, die einen zusätzlichen Beitrag zur Steigerung der Impfbereitschaft leisten können.«

In einem Schreiben, unterzeichnet von Bürgermeister Klaus Kreß, Prof. Ardeschir Ghofrani, ärztlicher Direktor der Kerckhoff-Klinik, und Prof. Friedrich Grimminger, ärztlicher Direktor des GZW, wurden alle impfberechtigten Bad Nauheimer und damit rund 27 000 Personen zur Impfung aufgefordert und auf deren Vorteile hingewiesen. Die eine Hälfte der Adressaten erhielt dabei einen allgemein formulierten Brief, die andere Hälfte einen solchen, in dem sie persönlich zu »Ihrer Impfung« eingeladen wurden. Das Ergebnis: Die zweite Gruppe, die persönlich angesprochen wurde, zeigte ein um 39 Prozent erhöhtes Impf-Interesse.

Vertrauensvolle Personen einbinden

Umgerechnet auf das gesamte Bundesgebiet, so haben die Autoren der Studie berechnet, könnte ein solches Vorgehen in der Gruppe derjenigen, die noch nicht geimpft sind, dazu führen, dass bis zu 2,8 Millionen Menschen zusätzlich Interesse an einer Impfung haben. »Dahinter steckte die Hypothese, dass bei Menschen durch Verwendung des Possessivpronomens eine ›Psychologische Eigentümerschaft‹ erzeugt wird. So wird aus ›der Stadt‹ ›Deine Stadt‹ und es entsteht eine stärkere Identifikation und Verantwortung«, erklärt Matthias Wieliki, Fachbereichsleiter Zentrale Steuerung und Öffentlichkeitsarbeit in der Bad Nauheimer Stadtverwaltung.

»Die Befunde der vorliegenden Studie veranschaulichen, dass es für das Ziel einer hohen Impfbereitschaft nützlich ist, wenn die Stadt aktiv auf die Bevölkerung zugeht«, fasst Keppeler zusammen. Als besonders Erfolg versprechend sieht er die direkte Ansprache der Menschen ebenso an wie das Einbinden von Personen, »die vor Ort in der Regel eine hohe Reputation beziehungsweise Vertrauen genießen wie im vorliegenden Fall die führenden Mediziner der örtlichen Kliniken«.

Wichtig sei es außerdem, den Zugang zu Informationen und Impfterminen zielgruppengerecht zu kommunizieren und die Informationen niedrigschwellig zur Verfügung zu stellen, heißt es weiter. Insgesamt sehen die Studienautoren in den Ergebnissen eine hilfreiche Unterstützung für die Praxis, und sie danken der Stadt und den Kliniken für diese Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis.

In Bad Nauheim hat sich das an den im Juli und August erfolgreichen Impfaktionen am Parkdeck Sprudelhof gezeigt. Dort konnten an zwei Terminen weit über 500 Impfungen verabreicht werden. Dazu heißt es vonseiten der Stadt: »Der Zusammenhang zum Anschreiben lässt sich hierzu sicher nicht direkt herstellen. Konstatiert werden kann allerdings, dass die Ansprache der Stadt über die ›psychologische Eigentümerschaft‹ funktioniert und das Angebot gemeinsam von Johanniter-Unfall-Hilfe e. V. Regionalverband Rhein-Main, Hausarztpraxis Miran, Kurapotheke und Stadt von den Menschen angenommen wurde.«

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare