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Warnung vor dem »rechten Virus«: Kundgebung in Bad Nauheim gegen Corona-Demo

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Von: Petra Ihm-Fahle

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Etwa 150 Menschen versammeln sich auf Einladung der Antifaschistischen Bildungsinitiative vor der Dankeskirche in Bad Nauheim. © Petra Ihm-Fahle

Als Kontrapunkt zu den Corona-Demonstranten waren am Montag an der Dankeskirche in Bad Nauheim Reden zu hören. Die »Spaziergänger« potestierten derweil mit Pfeifen, Trommeln, Parolen.

Bad Nauheim – Etwa 150 Menschen treffen nach und nach vor der dunklen Dankeskirche in Bad Nauheim ein. Anlass ist die angemeldete Kundgebung der Antifaschistischen Bildungsinitiative (Antifa-BI) Friedberg. Die Initiative will einen Kontrapunkt zum sogenannten Montagsspaziergang setzen, der sich gegen die Corona-Maßnahmen richtet. Da die Stelle vor der Dankeskirche der bisherige Treffpunkt der »Spaziergänger« gewesen ist, müssen diese auf den Platz vor den Kolonnaden ausweichen. Dazwischen steht Polizei, auch hessische Bereitschaftspolizei ist vor Ort.

Ein Ordnungshüter sagt etwas für die Corona-Demonstranten durch: Sie sollen einen Versammlungsleiter benennen, Masken tragen und Abstand halten. Noch während er ins Mikrofon spricht, fangen zahlreiche Protestler an, in Trillerpfeifen zu pusten. Die Worte des Polizisten gehen im Lärm unter, Masken tragen die allermeisten Demonstranten nicht.

Gegendemonstration in Bad Nauheim: „Demokratie in keiner Weise gefährdet“

Anders ist es vor der Kirche, wo Andreas Balser, Vorsitzender Antifa-BI, auf Maskenpflicht und Abstandhalten hinweist, was die Menschen befolgen. Die Antifa-BI hat mehrere Redner eingeladen, die Erste ist Landtagsabgeordnete Kathrin Anders (Grüne). »Es zeigt sich, dass die Demokratie in keiner Weise gefährdet ist, sondern lebt«, betont sie. Wie sich zeige, nehme die Gesellschaft es durchaus hin, wenn Menschen mit anderen Ansichten und schwierigen Meinungen durch Bad Nauheim laufen dürfen. »Aber die Demokratie zeichnet aus, dass wir Widerspruch leisten dürfen«, unterstreicht Anders.

Mahran Pulkert (Antifa-BI) geht auf Chat-Foren auf Telegram ein. Für einen gewissen Personenkreis aus der »Querdenker«-Bewegung seien die unangemeldeten Demonstrationen eine bewusst gewählte Taktik, um Menschen zu locken und zu radikalisieren. Zuerst gehe es gegen die Corona-Maßnahmen, später gegen andere Aspekte, vielleicht die Inflation, Arbeitslosigkeit oder Einwanderung.

Gegen-Demonstration in Bad Nauheim: Das Leiden einer Branche

Künstler Frank Mignon aus Wetzlar spricht aus Sicht der Veranstaltungsbranche. »Den Menschen in der Branche geht es zurzeit echt schlecht.« Insofern sei er für die Impfpflicht. »Manche gehen die Frage, ob man impfen soll oder nicht, an, als handele es sich um eine große ethische Debatte.« Das sei dem Thema nicht angemessen, »es ist bloß eine Impfung!«, ruft er unter Applaus.

Wie Uschi Knihs (»Omas gegen rechts« Wetterau) feststellt, gebe es ein Virus, das noch beunruhigender sei als Corona: »Und zwar das politische rechte Virus.« Es suche sich in Bad Nauheim einen »neuen Wirt der Verbreitung«. Leider sei das mitten unter den »Spaziergängern«. Wie Julia Katharina Wintermeyer, Sprecherin der Grünen Jugend Wetterau, unterstreicht, ist es wichtig, sich in Telegram-Gruppen nicht von Reichsbürgern und Nazis instrumentalisieren zu lassen.

Geschätzt 550 Corona-Protestler demonstrieren friedlich in Bad Nauheim

Die Versammlung vor der Dankeskirche geht zu Ende. Etwas später kommen die Corona-Maßnahmen-Gegner von oben die Parkstraße runtergelaufen, es ist ein sehr langer Zug. Laut Polizei sind es aber »nur« 550 Personen, was laut Pressesprecher Tobias Kremp auf Schätzung, nicht Zählung beruht. An der Ecke Aliceplatz leiten Polizisten die Menschen auf die düstere Kiespromenade. Mit Trommeln, Pfeifen, Tröten und lautstarken Parolen wie »Für die Freiheit auf die Straße« gehen sie bis zu den Kolonnaden. Dort singt ein Teil gut gelaunt »Oh, wie ist das schön«, weitere Personen trommeln und pfeifen noch eine Weile geräuschvoll. Es ist fast wie eine Party.

Laut Polizei nahmen etwa 1250 Personen im Wetteraukreis an den »Montagsspaziergängen« teil (in Altenstadt etwa 100, in Bad Nauheim circa 550, in Bad Vilbel knapp 90, in Butzbach etwa 160, in Karben etwa 50, in Nidda ungefähr 200 und in Ortenberg etwa 20 Teilnehmer). Gegenkundgebungen gab es in Altenstadt, Bad Nauheim, Bad Vilbel und Ortenberg. Die Veranstaltungen im Wetteraukreis verliefen laut Kremp friedlich und aus polizeilicher Sicht ohne besondere Vorkommnisse.

In Bad Vilbel sei die Identitätsfeststellung eines 61-jährigen Mannes erfolgt. Dieser stehe im Verdacht, die nicht angemeldete Veranstaltung koordiniert zu haben, was eine Strafanzeige wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz nach sich zog.

Bündnis sammelt in der Wetterau Unterschriften

Bisher gab es in Bad Nauheim viermal eine friedliche Versammlung als Gegengewicht zu den »Montagsspaziergängen«. Veranstaltungsorte waren die Wasserstele in der Stresemannstraße und der Aliceplatz, Initiatoren der Förderverein für Jugendkultur und Jugendarbeit (JUKA), das Theater Alte Feuerwache (TAF) und der städtische Ausländerbeirat. Seit vergangener Woche verzichtet dieses Bündnis darauf, ihre Aktion abzuhalten - mit Rücksicht auf die hohen Inzidenzen. Stattdessen starteten sie eine Online-Unterschriftenaktion auf der Homepage www.solidarische-wetterau.de, die bisher knapp 1000 Menschen unterzeichnet haben. (Petra Ihm-Fahle)

Schon in der vergangenen Woche gab es in Bad Nauheim die meisten Teilnehmer bei den „Montagsspaziergängen“ im Wetteraukreis.

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