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Beim Hochwasser am 11. August 1981 entstehen im Sprudelhof die größten Schäden.

Rückblick

Als ein Jahrhundert-Hochwasser in der Wetterau zwei Menschenleben kostete

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Angesichts der aktuellen Katastrophe im Westen Deutschlands bietet sich ein Rückblick auf das Jahrhundert-Hochwasser in der Wetterau an. Vor 40 Jahren kamen dabei zwei Menschen ums Leben.

Friedberg – Von wegen Jahrhundert-Sommer: Im August 1981 - vom Klimawandel ist noch keine Rede - regnet es in der Wetterau tagelang. Usa, Wetter und andere Flüsse erreichen Rekord-Pegelstände, am 11. August tritt das Wasser über die Ufer. Als erstes erwischt es Ober-Mörlen und Bad Nauheim, später entwickeln sich Bruchenbrücken, Fauerbach, Nidda, Büdingen und Ortenberg zu weiteren Einsatzschwerpunkten. Etliche Straßen, selbst die A 5, müssen gesperrt werden.

In der Kurstadt sind etliche Privathäuser und ein Hotel überflutet. Kurpark und Golfplatz entwickeln sich zu Seenplatten. Die größten Schäden entstehen im Sprudelhof. Bei der Analyse erweist sich der Usa-Abschnitt in Höhe des Hotels Rosenau als neuralgischer Punkt. Hier fließt das Wasser auf die Frankfurter Straße, läuft Richtung Süden und die Bahnhofsallee hinunter in das europaweit einmalige Jugendstil-Ensemble. Noch heute ist in manchen Badehäusern zu erkennen, wie hoch Wasser und Schlamm damals standen.

Hochwasser in der Wetterau: Erst 2005 entstehen Wälle und Mauern

Die Einsatzkräfte haben tagelang zu tun, um der Wassermassen Herr zu werden. In der Abschlussbilanz stehen die Millionen-Sachschäden allerdings nicht im Vordergrund, denn das Jahrhundert-Ereignis hat auch zwei Todesopfer gefordert.

Welche Schlüsse ziehen Politik und Behörden damals? Am Beispiel Bad Nauheim zeigt sich, wie langsam die bürokratischen Mühlen mahlen. Obwohl längst fertige Pläne in der Schublade liegen, dauert es sage und schreibe bis 2005, ehe der Hochwasserschutz an der Usa realisiert wird. 24 Jahre nach der Sintflut werden kleine Dämme und Mauern gebaut, in der Talaue entsteht eine Retentionsfläche, auf der sich die Usa notfalls ausbreiten kann. Die Umsetzung des Konzepts zieht sich bis 2012 hin, als am Eingang zur Straße Am Nauheimer Bach eine Pumpstation errichtet wird, um den Regenwasser-Kanal zu entlasten.

Für einige Bürger - etwa in der Straße Am Nauheimer Bach und in der Martinusstraße - kommt der Schutz viel zu spät. In den 1990er Jahren und 2003 tritt die Usa mehrfach über die Ufer, Kellerwohnungen, Heizungsräume und Garagen sind betroffen. Viele Hauseigentümern versuchen, sich selbst zu helfen, legen Wälle und Mauern an, bauen Pumpen ein. »Am Nauheimer Bach« gibt es Anwohner, die noch heute Sandsäcke auf ihrem Grund gestapelt haben.

Hochwasser in der Wetterau: Schutz nicht ausreichend?

Seit 2005 ist es zu keinem nennenswerten Hochwasser mehr gekommen. Das Schutzkonzept wurde keinem Härtetest unterzogen. Johannes Krautwurst, der seit 31 Jahren »Am Nauheimer Bach« wohnt, hat das Jahrhundert-Hochwasser dort nicht miterlebt, nur kleinere Überschwemmungen. Er kann sich aber als ehemaliger SPD-Fraktionschef im Parlament und heutiges Mitglied des Ortsbeirats Nieder-Mörlen genau an die Debatte über den Hochwasserschutz erinnern.

»Ende der 90er Jahre habe ich beantragt, die vorhandenen Pläne endlich umzusetzen. Mir wurde damals unterstellt, ich wollte nur mein eigenes Haus schützen. Das hat mich sehr geärgert«, blickt Krautwurst zurück. Auch der Bau der Pumpstation gehe auf seine Anregung zurück. Davon profitierten vor allem Anlieger der Martinusstraße, deren zu Wohnzwecken umgebaute Garagen bei Starkregen regelmäßig überflutet worden seien, weil der Regenwasser-Kanal überlastet gewesen sei.

Den Hochwasserschutz hält Krautwurst nicht für sicher. »Bei der Planung wurde aus Pegelständen aller bekannten Hochwasser-Ereignisse ein Durchschnitt errechnet. Daran orientierte man sich. Bei einem Hochwasser wie 1981 würde der Schutz nicht ausreichen«, ist der Lokalpolitiker überzeugt.

Klaus Kreß, zurzeit im Urlaub, kann aus dem Stegreif nicht beurteilen, wie es um den Hochwasserschutz bestellt ist. »Bislang glaubten wir, gut aufgestellt zu sein. Doch nach den Ereignissen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen müssen wir das Konzept überprüfen lassen«, sagt der Bürgermeister. In den Katastrophengebieten seien Rekord-Pegelstände pulverisiert worden. Auch in den befreundeten Kurstädten Bad Neuenahr und Bad Münstereifel seien die Hochwasser-Folgen verheerend. »Auf den Bildern, die mir die Bürgermeister geschickt haben, sieht es aus wie in einem Kriegsgebiet.« Kreß will deshalb ein neues Gutachten.

Hochwasser in der Wetterau: Zwei Todesopfer

Auch beim Hochwasser am 11. August 1981 spielten sich Tragödien ab, zwei Todesopfer waren zu beklagen. Ein vierjähriges Mädchen wurde von den Fluten mitgerissen und ertrank. Außerdem kam ein 19-jähriger Feuerwehrmann aus Nieder-Wöllstadt ums Leben. Weil sein Wohnort selbst nicht betroffen war, wurde er zusammen mit seinen Kameraden im Friedberger Stadtteil Bruchenbrücken eingesetzt, wo besonders viele Gebäude unter Wasser standen.

Wie bei einer polizeilichen Untersuchung einen Tag nach der Überschwemmung ermittelt wurde, war der junge Mann zusammen mit zwei Hausbewohnern in den Keller eines Gebäudes in der Ringstraße in Bruchenbrücken gestiegen. Sie wollten überprüfen, ob die Ölzufuhrleitung für die Heizungsanlage abgestellt war. Der 19-Jährige kam auf der feuchten Treppe ins Rutschen, suchte Halt und griff nach einer über ihm hängenden Metall-Leuchte, die offenbar unter Strom stand. Zwar wurde die Lampe von seinen Begleitern sofort ausgeschaltet, doch der Helfer aus Nieder-Wöllstadt war sofort in Ohnmacht gefallen.

Der sofort alarmierte Notarzt und die Mediziner des Bürgerhospitals in Friedberg taten alles, um das Leben des Feuerwehrmanns zu retten. Doch ihre Bemühngen waren vergebens: Etwa eineinhalb Stunden nach der Einlieferung in die Klinik, verstarb der 19-Jährige.

Der Todesfall wurde umgehend genau untersucht. Zwei Sachverständige des Hessischen Landeskriminalamtes und Mitarbeiter der Kripo nahmen den Unglücksort bereits einen Tag nach dem Hochwasser in Augenschein. Ihren Ermittlungen zufolge gab es keinen Zweifel, dass der junge Mann in Folge eines Stromschlags starb.

In Bad Nauheim werden am 11. August 1981 unter anderem Sprudelhof, Kurpark und viele Straßen geflutet. Erst ab 2005 wird ein Hochwasserschutzkonzept realisiert. Wie am großen Parkplatz in der Frankfurter Straße (unten, r.) entstehen niedrige Mauern und Wälle. Reicht das wirklich aus? FOTOS: ARCHIV ASV BAD NAUHEIM/NICI MERZ

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