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Prof. Michael Forster hält den ersten Vortrag der philosophischen Reihe vor Publikum. GK

Vom Wesen der Sprache

  • VonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim (gk). Der 1744 geborene und 1803 verstorbene Theologe, Philosoph, Historiker, Literatur- und Sprachwissenschaftler Johann Gottfried Herder hat ein kaum übersehbares Werk hinterlassen. Er war befreundet, beziehungsweise stand im Briefwechsel mit bedeutenden Gelehrten seiner Zeit.

Unmöglich also, im Rahmen eines einzigen Vortrags einen Gesamtüberblick über das Werk dieses Universalgelehrten zu geben. Prof. Michael Forster, der am Freitagabend als erster analoger Referent in der städtischen philosophischen Reihe zu Gast war, beschränkte sich deshalb auf einen Aspekt des Herder’schen Werks - seine Sprachtheorie beziehungsweise -philosophie. Auf diesem Gebiet machte der langjährige Goethefreund bereits als 28-Jähriger auf sich aufmerksam.

Eskimos und der Schnee

Im Jahr 1772 erschien seine »Abhandlung über den Ursprung der Sprache«. Anlass für dieses Frühwerk - eine Antwort auf die von der Berliner Akademie der Wissenschaften ausgeschriebene Preisfrage »Haben die Menschen sich selbst Sprache erfinden können?« - war eine wenige Jahre zuvor erschienene Schrift des Theologen J. P. Süssmilch, in der dieser die altehrwürdige These vom göttlichen Ursprung der Sprache aufwärmte.

Französische Aufklärer wie Rousseau und Condillac glaubten dagegen die Herkunft der Sprache aus der Nachahmung bzw. Weiterentwicklung tierischer Laute nachweisen zu können. Beide Thesen - die theologische wie die »evolutionäre« - verwirft Herder, dessen Abhandlung mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde.

Prof. Michael Forster bezog sich im ersten Teil seines erhellenden Vortrags auf die Streitfrage »Ist Denken ohne Sprache möglich?«, das heißt, gibt es so etwas wie sprachloses Denken? Herder verneint dies. Aber »woher« stammt dann die menschliche Fähigkeit zum Sprechen? Brauchen wir zum Erlernen von Sprache nicht bereits eine verstandesmäßige »Disposition«?

Die Ursprungsfrage - was war zuerst da? - führt aus Herders Sicht in die Irre. Er postuliert, dass Sprache wesensmäßig zur Natur des Menschen gehöre und nichts Angelerntes sei. Ein aufwachsendes Kind sei bereits von seinem Wesen her prädestiniert und grundsätzlich befähigt zum Erlernen von Sprache. Dies gilt auch für taub und/oder stumm Geborene. Auch sie können »sprechen« und »hören« lernen - vorausgesetzt, sie erhalten entsprechende Schulung und werden nicht wie Geisteskranke weggesperrt.

Im Zentrum von Herders Reflexionen stehen also nicht fruchtlose, sich zwangsläufig in logische Aporien verstrickende, unbeweisbare Spekulationen. Ihm ist es um die »welterschließende« Bedeutung von Sprache zu tun.

Und warum gibt es so viele Sprachen mit zum Teil grundverschiedener Grammatik und Wortschatz? Herder führt das auf geografisch-klimatische Einflüsse zurück. So haben die Eskimos beispielsweise zahlreiche Wörter für Schnee und Eis.

Aus der Sprachvielfalt entspringt - so Prof. Forster - die Frage nach der Möglichkeit adäquater Übersetzungen. Sind Übertragungen im Maßstab 1:1 möglich? Oder bleibt selbst die beste Übersetzung eine Art Umschreibung des Originals. Indem er die alte »hermeneutische« Frage nach der Kunst der Textauslegung (zum Beispiel biblischer Schriften) aufgreift und weiterspinnt, wird Herder, so Prof. Michael Forster am Ende seines Vortrags, dem sich eine halbstündige Gesprächsrunde anschloss, zum Begründer moderner Übersetzungstheorie.

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