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»Vogelhäuschen« rettet Fische im Bad Nauheimer Waldteich

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Für die Fische ist das neue System ein Segen.
Für die Fische ist das neue System ein Segen. © Christoph Hoffmann

Bad Nauheim (chh). Die Bäume spiegeln sich im Wasser, Kinder toben am Ufer, auf den Bänken erholen sich Senioren vom Spaziergang. Der Waldteich bietet derzeit ein idyllisches Bild. Doch es hätte auch anders kommen können. Hätten die Angler nicht tief in die Tasche gegriffen, würden die Fische leblos an der Oberfläche treiben.

Michael Schwimmer steht am Geländer des Überlaufs und lässt den Blick über den Waldteich schweifen. Der Gewässerwart des Bad Nauheimer Angelsportvereins ist zufrieden. Der Grund für seine gute Laune treibt mitten auf der Wasseroberfläche. Was wie ein schwimmendes Vogelhäuschen aussieht, ist in Wirklichkeit ein Wasserregenerationssystem, das Hunderten von Fischen das Leben gerettet hat.

Im Spätsommer des vergangenen Jahres sah der Waldteich genauso idyllisch aus wie heute. Doch unter der Wasseroberfläche brodelte es. »Die Sauerstoffwerte wurden immer geringer, wir hatten teilweise nur noch eine Sättigung von 25 Prozent«, erinnert sich Schwimmer. Karpfen oder Schleien könnten das verkraften, doch für die vielen anderen Fische – im Waldteich sind auch Hecht, Forelle, Rotfeder, Zander, Barsch und Rotauge zu Hause – sei der niedrige Sauerstoffgehalt lebensbedrohlich. Es musste also etwas getan werden.

Der Angelsportverein fragte bei der Stadt nach, ob man den Teich ausbaggern könne. »Die haben aber nur die Hände über den Kopf zusammengeschlagen«, sagt Schwimmer und spielt auf die horrenden Kosten von bis zu 400 000 Euro an. Also musste eine Alternative gefunden werden. Die Angler machten sich kundig und stießen auf die Möglichkeit, den Schlamm einfach abzusaugen. Doch auch diese Variante fiel durch: »Zum einen sind die Kosten sehr hoch, alleine die Entsorgung hätte 15 000 Euro gekostet«, sagt Schwimmer. Viel wichtiger jedoch: »Bei dieser Methode wären auch die ganzen Bodentiere abgesaugt worden.«

Auch eine dritte Variante lehnten die Angler ab. Dabei hätte ein System den Teich durch Schläuche ein dreiviertel Jahr mit Druckpumpen belüftet, damit der Schlamm abgebaut und somit der Sauerstoffgehalt erhöht wird. »Das hätte aber 60 000 Euro gekostet. Als kleiner Verein konnten wir das nicht tragen.« Im Nachhinein ein Glücksfall, denn andernfalls wären die Angler wohl nicht auf das Belüftungssystem gekommen, dass seit einem Jahr auf dem Waldteich schwimmt.

»Wir haben durch unseren Verband von dieser Möglichkeit erfahren. Der große Vorteil ist, dass die Anlage über Solarzellen betrieben wird. Einen Stromanschluss haben wir hier oben nämlich nicht, und einen anzulegen, hätte 10 000 Euro gekostet«, sagt Schwimmer und erklärt gleich die Vorgehensweise. Demnach saugt das System über einen Schlauch Wasser in zwei Meter Tiefe ab und lässt es an der Plattform wieder ab. »Dadurch entsteht eine Zirkulation. Sauerstoffreiches Oberflächenwasser wird in die Tiefe gezogen und versorgt den Boden mit Sauerstoff. Dadurch wird Schlamm abgebaut, der durch die vielen Blätter und Sedimente entsteht.«

Schwimmer spricht von einer Kettenreaktion: Fällt der Sauerstoffgehalt unter einen bestimmten Wert, werden im Schlammboden Phosphate gelöst, die die Algenproduktion antreiben. »Die Algen produzieren tagsüber zwar jede Menge Sauerstoff – teilweise bis zu einer Übersättigung von 200 Prozent – nachts wird dafür aber so viel verbraucht, dass der Teich fast sauerstofffrei ist«, erklärt er. Die Folge: Die Fische werden apathisch, fressen nicht mehr und schwimmen an die Oberfläche, um Sauerstoff zu bekommen. Fällt der Sauerstoffgehalt unter 15 Prozent, sterben sie.

Das Problem: Wie schlecht es den Fischen geht, sieht man erst, wenn es zu spät ist, die Tiere also kieloben an der Wasseroberfläche treiben. Um das zu verhindern, entschloss sich der Verein, tief in die Tasche zu greifen und die 21 000 Euro teure Anlage zu kaufen. »Bis auf 5000 Euro, die wir vom Regierungspräsidium bekommen haben, haben wir das alles aus unseren Rücklagen finanziert«, sagt Schwimmer. »Am Anfang hat es unter den 70 Mitgliedern zwar ein bisschen Ärger gegeben, weil so viel Geld auf einmal ausgegeben werden sollte, aber im Endeffekt hat es sich gelohnt.« Und wie: Schon vier Wochen nach der Inbetriebnahme wies der Waldteich eine Sauerstoffsättigung von 68 Prozent auf, heute sind es über 95. Die hohen Werte dürften auch noch eine ganze Weile anhalten, denn aufgrund von zwei Autobatterien läuft die Anlage permanent, auch nachts. Zudem muss sie nicht gewartet werden.

Somit dürfte das Angelvergnügen der heimischen Fischer für die nächsten Jahre gesichert sein. Einziger Wermutstropfen für Schwimmer: »Wegen der vielen Arbeit komme ich selbst kaum noch zum Angeln.« Zum Trost: Irgendwann wird Schwimmer auch wieder mehr Zeit zum Angeln haben, und sei es erst im Ruhestand. Die Chancen stehen gut, dass sich dann noch jede Mange Fische im Waldteich tummeln.

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