Premiere in der "Scheune"

Völlig losgelöst beim "Rudel Sing Sang"

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Viele Menschen singen gerne. Eigentlich. Aber es gibt kaum Gelegenheiten. In der Scheune in Bad Nauheim hat sich diese Freude am Singen auf durchaus spektakuläre Weise Bahn gebrochen.

Montagabend. "Die Scheune" am Marktplatz ist gut gefüllt. Die Gäste bilden kleine Grüppchen – und sind überwiegend weiblich. Die wenigsten sind alleine gekommen. In den Gesichtern: eine Prise Nervosität und Unsicherheit, aber auch Vorfreude. Vorne auf der Bühne hat Tom Jeutter die Gitarre gestimmt und den Beamer startklar gemacht, der die Songtexte auf die Wand wirft. Der Musiker und Organisator des "Rudel Sing Sangs" hatte vorher gesagt: "Spätestens nach dem dritten Lied sind alle dabei." Kaum zu glauben beim Blick in die Runde, als Jeutter mit seinem kleinen Einsing-Programm beginnt.

Zehn Minuten später. Johnny Cash, "Ring of fire". Das 80-Mensch-"Rudel" singt lautstark mit, viele klatschen, die meisten stehen: "And it burns, burns, burns / The ring of fire, / The ring of fire". Unfassbar.

Dass die Hemmungen und die Zurückhaltung so schnell gewichen sind, liegt zu einem kleinen Teil an der Location. "Die Scheune" bildet einen heimeligen Rahmen. Nicht zu groß, nicht zu klein. Aber in erster Linie ist es natürlich "Vorsänger" Tom Jeutter. Der erfahrene Musiker mit Chor-Hintergrund und Band-Erfahrung scheint ein gutes Gespür für sein potenziell gesangesfreudiges Publikum zu haben.

Es ist ja in den Gästen drin, er lässt es ausbrechen. Seine Moderation ist eine Mischung aus Comedy, Motivationsansprache und Erläuterung. Er selbst, mit dem Mikrofon und als ausgebildeter Sänger, verzichtet darauf, sein "Rudel" an die Wand zu singen oder sich selbst in Szene zu setzen. Wenn es arg in die Höhe geht, wechselt er eine Oktave runter und protegiert damit die kleine Schar der männlichen Protagonisten, bei denen beim hohen C auch mal Feierabend ist.

"Que sera sere", "Sternenhimmel", der völlig losgelöste "Major Tom", "Summer of ’69", "Auf uns" – und "Tür an Tür mit Alice", wobei der erhobene Zeigefinger von Jeutter bei der Anmoderation natürlich komplett ignoriert wird: "Who the fuck is Alice!".

Schon ist sie rum, die erste Stunde. Halbzeit. Das "Rudel" unterhält sich, lacht, gelöste Stimmung. Ohnehin sind alle per Du, hat Tom Jeutter erklärt. "Denn Rudel ist ja Familie". Viele haben sich spontan zur Teilnahme entschlossen. Ein paar Freundinnen angerufen: Komm, das schauen wir uns mal an. "Ein paar mehr Leute hätten noch in die Scheune gepasst", sagt Tom Jeutter. Unzufrieden ist er aber nicht. Im Gegenteil: "Es war ein toller Start. Darauf lässt sich wunderbar aufbauen."

Nach der Pause gibt es keine Anlaufschwierigkeiten. "Halleluja" von Leonard Cohen ist aber auch eine Bank. "Über den Wolken", "Feel", The lion sleeps tonight", "Café Oriental", "Rocking all over the world". Selbst "Highway to hell" funktioniert an diesem Montagabend. Die geplante zweite Rudelsingen-Stunde ist lange vorbei, als Tom Jeutter das Ende ankündigt. Keine Chance, sein Chor fordert Zugaben. Reingerufene Liedwünsche – "Country Roads!!!" kann Jeutter nicht erfüllen, das Programm ist wegen Textpräsentation und Playback-Unterstützung durchorganisiert. Mit ein bisschen Beharrlichkeit hätten die Scheune-Besucher Tom Jeutter noch Reinhard Meys "Gute Nacht, Freunde" aus dem Ärmel leiern können. Aber "Thank you for the music" hat’s auch gut getroffen. "Country Roads"? Vielleicht beim nächsten Mal.

Info

Nächste Runde

Der nächste "Rudel Sing Sang" findet am 30. Mai in der "Scheune" am Marktplatz Bad Nauheim statt. Einlass ist ab 19 Uhr. Gesungen wird ab 20 Uhr. Der Ablauf ist der gleiche wie bei der Premiere: Eine Stunde singen, 20 Minuten Pause, eine Stunde singen. Der Eintritt kostet 5 Euro.

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