Stephan Schultz überzeugt bei seinem Auftritt in der Dankeskirche. FOTO: GK
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Stephan Schultz überzeugt bei seinem Auftritt in der Dankeskirche. FOTO: GK

Virtuose Bach-Interpretationen

  • vonGerhard Kollmer
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Bad Nauheim(gk). Auch das jüngste Konzert im Rahmen der Bad Nauheimer Mittwochskonzerte stand im Zeichen von Johann Sebastian Bach, dessen Werk der berühmte Cellist Pablo Casals "die Quintessenz aller Musik" genannt hatte. Die sechs Suiten für Violoncello solo (BWV 1007-1012) lobte er als "die Quintessenz von Bachs Schaffen".

Dass dieses Urteil wohl kaum übertrieben war, demonstrierte der in Metz lebende deutsche Cellist Stephan Schultz mit dem etwa 45-minütigen Vortrag der Suiten Nr. 1 G-Dur und Nr. 3 C-Dur auf überzeugende Weise. Auf seinem Barockcello aus dem Jahre 1752 beeindruckte Schultz mit seiner souveränen Interpretation der - in einer zwischen 1727 und 1731 gefertigten Abschrift von Anna Magdalena Bach überlieferten - ungemein facettenreichen Spitzenwerke für jeden Cellisten.

Nach dem Vortrag des Pré- ludes zur Suite Nr. 1 (einer der bekanntesten Sätze des Zyklus) gab Schultz, der seit 2006 das von ihm begründete Leipziger Barockorchester leitet und sich durch zahlreiche Auftritte im In- und Ausland einen Namen als renommierter Cellist erworben hat, kurze Erläuterungen zum einheitlichen Aufbau der Suiten: Auf ein Prélude folgen jeweils vier Tanzsätze: Allemande, Courante, Sarabande, Gigue. Vor den Schlusssatz rückt Bach ein Paar weiterer Tänze ein: in der ersten Suite zwei Menuette, in der dritten zwei Bourrées. Vor allem die den Tanzsätzen vorangestellten Préludes tragen hochvirtuosen Charakter.

Schultz beeindruckte durch seine unprätentiöse, präzise Spielweise und verzichtete auf Effekthascherei jeglicher Art. So erspürte er den Geist, den Atem des Originals und vermittelte dem Hörer einen intensiven, bewegenden Eindruck dieser einzigartigen Musik. Nicht nur die zahlreichen rasanten Läufe wie beispielweise die chromatische Tonleiter im Sechzehnteltakt am Ende des Vorspiels zur Suite Nr. 1 bewältigte er problemlos.

Mit Tanzmusik im herkömmlichen Sinn haben Johann Sebastian Bachs sechs Violoncellosuiten nichts gemein, denn höfische Tänze wie Allemande, Courante, Sarabande und Gigue waren zu seiner Zeit schon lange aus der Mode gekommen.

Wenn er trotzdem auf diese überholten Formen zurückgreift, dann um sie zu stilisieren und zu überhöhen. Damit werden sie zu virtuosen Lehrstücken mit schwierigen Doppelgriffen, ständigem Tonartwechsel, unterschiedlichsten Rhythmen und Klangfarben. Die technischen Möglichkeiten des Instruments werden bis an eine nicht mehr überschreitbare Grenze ausgelotet, ohne dass dies zum Selbstzweck würde.

Die musikalische Substanz der Suiten in ihrer rätselhaften Unergründlichkeit und faszinierenden Verwandlungskraft erschließt sich dem Laien - wenn überhaupt - erst durch wiederholtes Hören.

Schultz’ meisterliche Interpretation der Suiten 1 und 3 "auf Augenhöhe" erhielt lang anhaltenden Beifall. Als Hörvergnügen der besonderen Art war sie zugleich Einladung zur Begegnung mit den Suiten Nr. 2, 4, 5 und 6.

Das nächste Mittwochskonzert findet am 28. Oktober um 19 Uhr wieder in der Dankeskirche statt.

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