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Die Initiative 6. April hat in Kassel ein Plakat am Gedenkstein für die NSU-Opfer auf dem Halitplatz aufgestellt. Halit Yozgat wurde als neuntes und letztes Opfer der NSU-Mordserie erschossen. In den NSU-Monologen kommt Ismail Yozgat als Hinterbliebener zu Wort. Serdar Kazak, Mitglied der Initiative, beantwortet live Fragen der Zuschauer.

Virtuelle NSU-Monologe »kaum zu ertragen«

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Bad Nauheim (pm). Erst vor etwa einem Jahr, am 19. Februar, mussten wegen eines rechtsextremistischen Anschlags in Hanau zehn Menschen sterben. Familie und Freunde blieben zurück. An diesem sich jährenden Tag organisierten der Verein »Juka« zusammen mit dem Ausländerbeirat und dem Jugendbeirat der Stadt sowie dem Kinder- und Jugendhaus Alte Feuerwache eine Gedenkveranstaltung.

Erstmals wurde live in einer Onlineversion das dokumentarische Theaterstück, die NSU-Monologe, der Bühne für Menschenrechte aus Berlin aufgeführt.

Die virtuelle Bühne war auf www.juka-ev.de zu finden. Vor über 130 Bildschirmen verfolgten die Zuschauer/innen, teilweise mehrere gemeinsam, die szenische Lesung. Über die Chatfunktion und per E-Mail wurde reagiert: die Rückmeldungen waren zutiefst bewegt sowie verständnislos und geschockt gegenüber dem Geschehenen und den behördlichen Versäumnissen.

Das Besondere an den NSU-Monologen verstecke sich hinter dem Begriff »dokumentarisch«, wie »Juka« erklärt. Die Worte der Schauspielerinnen und Schauspieler waren nicht fiktiv oder erfunden, sondern stammen aus Interviews mit drei Familienangehörigen von drei Opfern des NSU.

Die Aussagen der Hinterbliebenen Adile Simsek, Elif Kubasik und Ismail Yozgat konfrontieren die Zuschauer/innen mit dem jahrelangen Kampf dieser Familien um die Aufklärung des NSU-Komplexes. Durch diese sehr persönliche und nahe Art des Vortrags lernen die Zuschauerinnen und Zuschauer, die Menschen hinter dem »Opfer-Begriff« kennen und fühlen aus nächster Nähe ihren Schmerz über den Verlust der Angehörigen und die Machtlosigkeit im Umgang mit den Behörden. Eine Zuschauerin äußerte sich mit den Worten: »Sehr, sehr schmerzlich und kaum zu ertragen. Selbst beim Zuschauen.«

Im Anschluss an das Stück beantworteten Experten Fragen der Zuschauerinnen und Zuschauer: Serdar Kazak als Mitglied der Initiative »6. April« zur Aufklärung des NSU-Komplexes aus Kassel, Andreas Balser als Gründer der Antifaschistischen Bildungsinitiative Friedberg sowie Baris Tangobay als künstlerischer Leiter der Bühne für Menschenrechte. Im Expertengespräch wurde das Gesehene eingeordnet, wie auch Parallelen zwischen den Anschlägen des NSU und dem Anschlag in Hanau gezogen. Alle drei hoben hervor, dass der zugrunde liegende strukturelle Rassismus den Nährboden für rechtsextremistische Gewalt biete und sich seit Jahrzehnten die Kontinuität rassistischer Gewalt fortsetze. Tangobay machte mit seiner Aussage »Es ist ein Privileg, nicht aktiv zu sein« klar, dass für Betroffene noch viel mehr getan werden müsse. Er selbst sei Betroffener von Rassismus und müsse täglich etwas gegen Rassismus tun. Nichts zu tun sei ein Privileg derer, die nicht davon betroffen seien.

Veronika Ewzenko, Mitglied der Arbeitsgruppe »Juka Goals«, sagte, dass sie froh sei, dieses Projekt durchgeführt zu haben und die NSU-Monologe viel gutes Feedback erhalten hätten. »Wir sind sehr zufrieden, während des Lockdowns die NSU-Monologe digital veranstaltet zu haben. Auf diese Weise wurde erneut an den Anschlag in Hanau und seine Opfer erinnert - ebenso wie an die Opfer, Hinterbliebenen und Überlebenden des NSU und anderer rechtsextremistischer Attentate. Die große Zahl der Zuschauerinnen und Zuschauer geben uns Hoffnung, dass sich durch die Nähe des Stückes Menschen mehr damit beschäftigen werden und sich dadurch ein Wandel in der Gesellschaft vollziehen kann.«

In Jena-Winzerla gibt es den »Enver-Simsek-Platz«. Simsek gilt als das erste Opfer der Mordserie des NSU.

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