Mit Pagoden-Zelten hat Wirt Christian Schöniger das Schweizer Milchhäuschen fit für die kalte Jahreszeit gemacht. Doch nach der erneuten Schließungsanordnung bleiben diese Plätze erst einmal unbesetzt.
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Mit Pagoden-Zelten hat Wirt Christian Schöniger das Schweizer Milchhäuschen fit für die kalte Jahreszeit gemacht. Doch nach der erneuten Schließungsanordnung bleiben diese Plätze erst einmal unbesetzt.

Schweizer Milchhäuschen

Bad Nauheim: Versicherung will nicht für Corona-Schließung von Café zahlen

  • Bernd Klühs
    vonBernd Klühs
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Versicherung, gut und schön: Wenn’s ans Zahlen geht, landen viele Fälle vor Gericht. Davon weiß Christian Schöniger vom Café Schweizer Milchhäuschen in Bad Nauheim ein Lied zu singen.

Bad Nauheim - Im Februar 2018 hatte Christian Schöniger das Schweizer Milchhäuschen im Kurpark gepachtet. Zu den Vorbereitungen gehörte eine Betriebsschließungsversicherung. „Ursprünglich dachte ich an Usa-Hochwasser oder einen Brand“, erzählt der Hotelfachmann. Zusammen mit seinem Freund und Gastroberater Sven Berk entschloss sich Schöniger, den Beitrag von 185 Euro im Monat zu investieren, um Risiken zu minimieren. Kein Mensch dachte damals an eine Pandemie, gleichwohl ist eine staatlich verfügte, bis zu 30 Tage dauernde Betriebsschließung nach dem Infektionsschutzgesetz mitversichert.

Rechtsstreit um Corona-Schließung in Bad Nauheim: Beim Landgericht Klage eingereicht

In dem Vertrag sind laut Berk alle möglichen Krankheiten aufgeführt. Covid 19 nicht, denn dieser Virus war gar nicht bekannt. Als Schöniger sein Café am 21. März aufgrund des Lockdowns zusperren musste, wandte er sich umgehend an die Versicherung. „Schon zwei Tage später wurde mein Antrag mit der Begründung abgelehnt, die Corona-Krankheit sei nicht aufgeführt. Nur 15 Prozent der Versicherungssumme sollten übernommen werden“, sagt der Milchhäuschen-Inhaber.

Wie er von Kollegen erfuhr, gingen die Versicherungen überall gleich vor. „Einige Gastronomen sind auf das 15-Prozent-Angebot eingegangen.“ Sie wollten einen langwierigen Rechtsstreit mit der Versicherung vermeiden. Schöniger wandte sich an den Gießener Anwalt Ralf Nauert. Der Jurist empfahl ihm, sich auf die Auseinandersetzung mit dem scheinbar übermächtigen Kontrahenten einzulassen, reichte Ende September Klage ein.

Inzwischen ist der Gastronom zuversichtlich, denn erste Gerichtsurteile in Bayern geben den Wirten recht. „Gut möglich, dass die Versicherungen bis vor den Bundesgerichtshof gehen“, sagt Berater Berk. Vorstellbar wäre allerdings auch ein verbessertes Vergleichsangebot. Zum Prozess vor dem Landgericht Gießen könnte es im Frühjahr kommen.

Gastronomen in der Corona-Krise: Schaden von mehr als 50.000 Euro entstanden

„Die von der Versicherung vorgeschlagene Zahlung hätte nur ausgereicht, den Warenverderb auszugleichen“, berichtet Schöniger. Als er im März schließen musste, hatte er beispielsweise 800 Eier eingekauft und entschloss sich kurzerhand, diese Lebensmittel an Bekannte zu verteilen.

Schöniger und sein Berater haben die finanziellen Folgen der Schließung, die bis Mitte Mai andauerte, berechnet. Neben Fixkosten wie Pacht, Strom und Gehälter gehört Verdienstausfall dazu. Als Basis nahmen sie die Zahlen von 2019. „In den 30 Tagen ist ein Schaden von mehr als 50.000 Euro entstanden“, sagt Berk. Übrigens: Schöniger hat bei dem Unternehmen, mit dem er vermutlich prozessieren wird, auch eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen, die seine Anwaltkosten wohl zähneknirschend übernimmt.

Die Corona-Krise sieht der Hotelfachmann als Herausforderung. „Ich habe trotz aller Sorgen nie den Kopf in den Sand gesteckt. Schließlich trage ich Verantwortung für etliche Mitarbeiter.“ Er beschäftigt 40 Leute, 13 sind fest angestellt. Auf Kündigungen hat er verzichtet. Auch zwei Auszubildende gehören zum Team, bald soll eine weitere Nachwuchskraft eingestellt werden.

Gegen Kälte in der Corona-Krise: Zelte, Decken, Heizpilze

Wegen Corona hat der Gastronom auf Urlaub verzichtet und nach Wiedereröffnung den Ruhetag gestrichen. Zudem wurde die Zahl der Sitzplätze im Freien auf 250 erhöht. Nach Angaben von Berk liefen die Geschäfte im Sommer recht gut. Allerdings akzeptierten nicht alle Kunden die Pandemie-Vorschriften. Schöniger: »Zu Beginn lehnten es viele ab, persönliche Daten anzugeben. Einige sind bis heute nicht mehr wiedergekommen.«

Für die Herbst- und Winterzeit ist das Milchhäuschen-Team gerüstet. Während drinnen mit Trennwänden, Frischluftzufuhr oder Einwegkarten günstige Bedingungen geschaffen wurden, wurden draußen gerade drei jeweils 25 Quadratmeter große Zelte aufgestellt. Zusammen mit Decken und Heizpilzen soll eine Wohlfühl-Atmosphäre entstehen. Und jetzt kommt die erneute Schließungsverfügung, stellt die ganzen Investitionen wieder in Frage.

Der Gastronom schaut trotz aller Probleme weiter optimistisch in die Zukunft. Den November will er für Instandhaltungsarbeiten nutzen. Zudem möchte er für 2021 Räumlichkeiten anmieten, wo unter den Corona-Bedingungen größere Veranstaltungen wie Hochzeiten angeboten werden können. Schöniger: »Ich bleibe zuversichtlich und hoffe auf eine Wiedereröffnung im Dezember.«

Corona-Rechtsstreit: Gericht gibt Gastronomen recht

Der Corona-Lockdown hat die Gastronomie hart getroffen. Auf Versicherungen könnten enorme Belastungen zukommen, weil zahlreiche deutsche Wirte eine Betriebsschließungsversicherung abgeschlossen haben. Diese Versicherung beinhaltet in der Regel auch Schäden bei einer staatlich verordneten Schließung aufgrund einer Pandemie. Bislang weigern sich die Versicherungen allerdings zu zahlen, unter anderem deshalb, weil Covid 19 im Kleingedruckten der Verträge nicht explizit genannt wird. Die Unternehmen versuchen stattdessen, ihre Kunden für Vergleiche zu gewinnen, die nur 15 Prozent der vereinbarten Versicherungssumme beinhalten. Viele Gastronomen lehnen das ab, beschreiten den Klageweg.

Das gilt auch für Christian Schöniger, Betreiber des Schweizer Milchhäuschens in Bad Nauheim. Er setzt seine Hoffnung nicht zuletzt auf zwei Urteile, die im Oktober in Bayern gefällt wurden. Das Landgericht München I hat eine Versicherung dazu verurteilt, einem Gastronomen rund 1 Million Euro zu zahlen. In einem anderen Fall sprach dasselbe Gericht einem Wirt mehr als 400 000 Euro zu. Nach Ansicht der Richter reicht es aus, wenn in den Verträgen auf das Infektionsschutzgesetz und eine staatlich angeordnete Schließung verwiesen wird. Die Krankheit - in diesem Fall Covid 19 - muss nicht aufgeführt sein. Die Versicherungen haben angekündigt, in die Berufung zu gehen.

In Bayern hatte die Versicherungswirtschaft versucht, mithilfe der Landesregierung einen branchenübergreifenden Vergleich zu schließen, der das 15-Prozent-Angebot enthielt. Viele Restaurant-Betreiber akzeptieren diese Übereinkunft aber nicht. (Bernd Klühs)

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