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Das neue Lebensgefühl, Kunst wieder frei genießen zu dürfen, beschwingt: Künstler Mathias Hornung (r.) mit der Laudatorin Dorotheé Bauerle-Willert, dahinter Bürgermeister Klaus Kreß und Gäste.

Verschmelzung von Zeit und Material

  • VonHanna von Prosch
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Bad Nauheim (hms). Das neue Lebensgefühl findet draußen statt, bei erfrischenden Getränken und einem packenden kunstphilosophischen Kurzvortrag. Drinnen betrachtet das Publikum zum letzten Mal die Druckstöcke von Mathias Hornung. So geschehen am Sonntagmittag bei der Finissage von »digital melt« des Kunstvereins.

»Kunst berührt uns wohl jetzt besonders, weil wir sie entbehren mussten«, meinte Bürgermeister Klaus Kreß in seinem Grußwort. Daraus nehme man die Erkenntnis mit, wie wichtig die Beschäftigung mit Kunst und Kultur in einer Stadt ist. Und er erinnerte an das schwere Los der Kulturschaffenden im vergangenen Jahr, wobei er Kunstverein und Künstler für ihre Flexibilität lobte, die schon im Mai Hornungs verschobene Ausstellung präsentierten. Damals war noch keine Vernissage möglich, zu der bereits der Vortrag der Kunsthistorikerin Dorotheé Bauerle-Willert eigentlich geplant war.

»Hätten wir sie damals schon hören können, wären bestimmt noch mehr Besucherinnen und Besucher gekommen«, vermutet Karin Merchel, 2. Vorsitzende des Kunstvereins. Wer die Ausstellung jedoch besucht hat oder am Sonntag noch einen letzten Blick darauf warf, war des Lobes voll. Im Gästebuch übertrafen sich die Kommentare mit »beeindruckend«, »grandios«, »faszinierend«, »inspirierend«, »außergewöhnlich im Ausdruck« bis zu »proud to have Mathias«.

Holzschnitte und Computer-Codes

Der Künstler war ebenfalls aus Berlin gekommen und vermittelte in den Ausstellungsräumen den Interessierten seine Intention, Arbeits- und Sichtweise. Riesige und einige kleine Bildstöcke, eingefärbt und dadurch mit ganz unterschiedlicher Wirkung waren zu sehen. »digital melt«, eine Schmelze von Zeit und Material .

Wo die Verschmelzung stattfindet, wie und was sie alles miteinander verschmelzt, machte Bauerle-Willert in lebendigen, frei vorgetragenen Worten deutlich. »Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft treten in ein oszillierendes Verhältnis zueinander. Und zwar durch die ältestes Technik, den Holzschnitt. In unserer unüberschaubaren Welt versucht sie Ordnung herzustellen«, erklärt die Kunsthistorikerin. Beim Holzschnitt sei das, was stehen bleibe, genauso wichtig wie das, was herausgenommen werde. Es entstünden Muster, Computer-Codes gleich. Auch diese sehe man nicht, sie funktionieren im Verborgenen. Hornung schmelze in seinen Werken den Code unserer Gegenwart ein mithilfe einer alten Technik. Bauerle-Willert knüpft in leichter Art Verbindungen, die sich den Besuchern schnell erschließen: »Holzschnitt und PC sind Speichermedien, wie unser Gehirn. Daraus können wir etwas wieder holen.« Es entstehe Wirklichkeit und Wirksamkeit, man könne etwas auf sich wirken lassen. In Sprachbrücken zum Griechischen, etwa bei gráphein - Grafik - schneiden, verdeutlicht sie, dass in den Werken Hornungs ein Schnitt vollzogen werde, und zwar der zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Ein Grafiker sehe seine Arbeit während des Schaffensvorgangs nicht, erst im Abbild des Druckstocks.

Das machten die zwei Großleinwände in der Rotunde deutlich, auf denen der Künstler den Druckstock in der Mitte des Raumes in verschiedenen Versionen abgedruckt hat. Dieser Druckstock versinnbildlicht eine weitere Verschmelzung: die von Gebrauchsgegenstand als Tisch und das Kunstwerk. Materie und Material, Farbe und Holz locken den Künstler, der aus der Verschmelzung etwas Neues erschafft.

Kurator Johannes Lenz kann stolz darauf sein, diesen besonderen Künstler mit seinen im Wortsinn so vielschichtigen Werken und seiner inspirierenden Art in Bad Nauheim gehabt zu haben.

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