1. Wetterauer Zeitung
  2. Wetterau
  3. Bad Nauheim

Verhaltengestörte Vögel betteln am Kleinen Teich

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Wasservögel fangen an zu betteln, wenn sie öfter gefüttert werden.
Wasservögel fangen an zu betteln, wenn sie öfter gefüttert werden. © Laura Eßer

Bad Nauheim (leo). Seit zehn Jahren ist das Füttern von Wasservögeln, Tauben und Fischen im Bad Nauheimer Stadtgebiet verboten und wird als Ordnungswidrigkeit geahndet. Der Grund dafür ist ein Botulismusausbruch im Jahrhundertsommer 2003. Über 50 Enten verendeten damals qualvoll an den Folgen der Krankheit. Doch nicht alle Besucher beachten das Verbot.

Nach einer kontroversen Debatte wurde ein Jahr später das verbot ausgesprochen, seitdem gibt es nur noch eine kontrollierte Fütterung beim Erna-Ente-Treff. Allerdings halten sich nicht alle Parkbesucher an die Vorschrift, immer wieder beobachten die Mitglieder des Vereins Erna-Ente-Team Leute, die Essbares in einen der Teiche werfen.

Botulismus lässt sich als eine Art Nahrungsmittelvergiftung beschreiben. Sie wird durch ein Bakterium verursacht, das sich unter bestimmten Umständen stark vermehrt. Letztlich entsteht ein extrem starkes Nervengift, das über Tierkadaver, von denen sich das Bakterium ernährt, in die Nahrungskette gelangt. Vor allem bei Wasservögeln treten immer wieder Massensterben infolge von Botulismusausbrüchen auf.

Einer der Hauptgründe für den Botulismusausbruch an den Teichen im Bad Nauheimer Kurpark war die unkontrollierte Fütterung der Enten. Aufgrund des großen Nahrungsangebots lebten viel mehr Wasservögel an den Teichen, als die Gewässer verkraften konnten. Durch den Kot war das Wasser zu nährstoffreich, was starkes Algenwachstum zur Folge hatte. Im Sommer 2003 war das Teichwasser schließlich überdüngt, sauerstoffarm und sehr warm – die perfekten Voraussetzungen für das Wachstum des für den Botulismus verantwortlichen Bakteriums.

An der Krankheit starben über 50 Enten, die das Gift beim Gründeln am Ufer aufnahmen. Herzfunktion und Atmung wurden gelähmt. Da das Bakterium durch Insekten weit in die Nahrungskette getragen wird, sind viele andere Tierarten ebenfalls betroffen. So sterben daran beispielsweise auch Singvögel oder Wasservögel wie Kormorane oder Haubentaucher, wenn sie vergiftete Fische fressen.

Dass die unkontrollierte Fütterung zum Entensterben beigetragen hat, bestätigt Prof. Michael Lierz, Leiter der Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische in Gießen: »Das Füttern von Wasservögeln trägt zum Entstehen von Botulismus-Ausbrüchen bei. Das gilt generell. Bei ungeeignetem Futtermittel steigt das Risiko, besonders wenn es in Massen erfolgt.«

Um das Entensterben einzudämmen und langfristig eine Verbesserung des ökologischen Gleichgewichts herbeizuführen, war eine möglichst schnelle Reduktion der Zahl der Wasservögel vonnöten. Das wurde durch das 2004 erlassene Fütterungsverbot erreicht. Viele der über 500 Wasservögel wanderten in den folgenden Jahren ab, als die Zufütterung durch Brot ausblieb. Das Verbot geht auf eine Initiative der Bad Nauheimerin Prof.

Ingrid Schmidt zurück. Sie überzeugte die Verantwortlichen von der Notwendigkeit eines solchen Schritts, auch wenn es Widerstände aus der Bevölkerung gab. Die vor zwei Jahren verstorbene Biologin gründete auch den Verein Erna-Ente-Team, dessen Arbeit entscheidend zum Erhalt eines vielfältigen, artenreichen Lebensraums an den Kurpark-Teichen beiträgt. Schmidt führte die kontrollierte Fütterung ausgewählter Wasservögel ein, um die Parkbesucher auf diesem Weg über das Problem zu informieren. Der Erna-Ente-Treff war geboren.

Verhaltensgestörte Küken

Die Mitglieder des Erna-Ente-Teams warnen allerdings davor, das Botulismus-Problem als erledigt anzusehen. Das Bakterium könne in Form von Sporen bis zu zehn Jahre und länger lebensfähig bleiben. Die ehrenamtlichen Umweltschützer appellieren deshalb an Spaziergänger, sich an das Fütterungsverbot zu halten.

Immer wieder seien Personen zu beobachten, die diese Vorschrift missachten. Vor allem, wenn Küken unterwegs sind, werde gefüttert. »Die Kanadagans-Küken, die derzeit an den Teichen sind, sind deshalb schon ziemlich verhaltensgestört und betteln oft am Kleinen Teich nach Futter«, sagt ein Vereinsmitglied. Meist werde von den Besuchern Brot ins Wasser geworfen, oft landeten aber auch Nahrungsmittel wie Brezeln oder Salzstangen im Teich, die noch weniger als Tiernahrung geeignet seien. Die Vereinsmitglieder sprechen diese Spaziergänger oft an, die meist erklärten, die Fütterungsverbotsschilder nicht gesehen zu haben.

Wer sich über die Arbeit des Erna-Ente-Teams und den Lebensraum im Kurpark informieren möchte, kann beim Erna-Ente-Treff direkt neben dem Holzdeck am Großen Teich vorbeischauen, der täglich zwischen 16 und 17 Uhr angeboten wird.

Auch interessant

Kommentare