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Eine Hausarzt impft eine Zwölfjährige gegen Corona. Manche Eltern in der Wetterau bemühen sich bislang vergeblich um einen Termin für ihre Kinder.

Corona

Vergebliche Suche nach Impftermin für Zwölfjährigen

  • Bernd Klühs
    VonBernd Klühs
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Hessens Kultusminister Lorz empfiehlt die Impfung Jugendlicher gegen Corona. Einige Eltern aus der Wetterau wundern sich über diesen Appel, bemühen sie sich doch vergeblich um einen Termin.

Bereits seit gut sechs Wochen versucht Michael Rendler (Name geändert) einen Corona-Impftermin für seinen zwölfjährigen Sohn zu bekommen. Der Bad Nauheimer und seine Frau haben sich dafür entschieden, das älteste ihrer vier Kinder immunisieren zu lassen, obwohl der Junge keine Vorerkrankung hat. »Wir haben Angst, im Herbst von einer Quarantäne in die nächste zu müssen, weil eines unserer Kinder infiziert ist«, begründet Rendler die Entscheidung. Weil inzwischen genügend Impfstoff vorhanden ist, rechnete er nicht mit Problemen bei der Terminvereinbarung, doch mit dieser Annahme lag er daneben.

»Biontech ist für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen, doch ich kann den Impfstoff für meinen Sohn in der Wetterau nirgends erhalten«, wundert sich Rendler. Zwar habe Kultusminister Lorz am 12. Juli in einem offenen Brief an alle hessischen Eltern auf die Möglichkeit der Impfung von 12- bis 17-Jährigen hingewiesen und dazu aufgefordert, sich bei Kinder- und Jugendärzten in den Ferien beraten zu lassen, doch die Realität sehe anders aus.

Impfhotline kann nicht weiterhelfen

Der Bad Nauheimer hat mit dem Haus- und dem Kinderarzt seinen Vertrauens gesprochen - ohne das gewünschte Ergebnis. »Offenbar wollen sich die Ärzte nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, weil es keine Empfehlung der Ständigen Impfkommission gibt. Sie erklärten sich zwar bereit, meinen Sohn auf die Warteliste zu setzen, einen Termin werden wir in absehbarer Zeit aber wohl nicht erhalten«, sagt Rendler.

Er hat außerdem im Internet recherchiert, ist aber auch dort nicht auf Informationen gestoßen, die ihm irgendwie weiterhelfen. So erhalten gesunde Kinder und Jugendliche im Büdinger Impfzentrum erst ab einem Alter von 16 Jahren einen Termin. »Auch die hessische Impfhotline konnte mir keine Möglichkeit nennen.«

Nach Ansicht von Prof. Arno Fuchshuber, der mit Kollegen Kinder- und Jugendarztpraxen in Bad Nauheim und Friedberg betreibt, wird es in Kürze mehr Angebote für die Impfung von Kindern und Jugendlichen geben. Der Mediziner selbst hat vor etwa drei Wochen mit der Impfung der 12- bis 17-Jährigen begonnen. »Vorher gab es einfach nicht genügend Impfstoff, deshalb kamen in allen Arztpraxen erst die Erwachsenen dran«, betont Fuchshuber.

Kinderarzt hat keinerlei Bedenken

Obwohl er auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist, hatte sich der Arzt seit März am Pilotprojekt des Wetteraukreises zur Corona-Impfung beteiligt. Rund 600 Erwachsene wurden von Fuchshuber und seinen Kollegen immunisiert. Zurzeit ist das Team noch mit Zweitimpfungen von älteren Bürgern beschäftigt, aber es gibt inzwischen genügend Kapazitäten, um auch Jüngere impfen zu können.

Auch wenn die Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) nach wie vor fehlt, hat Fuchshuber aus medizinischer Sicht keinerlei Bedenken, Jugendlichen ab zwölf Jahren Biontech zu verabreichen. »Die Strategie der Stiko verstehe ich nicht ganz. Sie ist sehr, sehr vorsichtig, möchte weitere Studien haben. Dabei gibt es die klare Entscheidung der Europäischen Arzneimittel-Behörde, wonach Biontech für die Jüngeren geeignet ist«, sagt der Kinderarzt.

Die Impfung schütze nicht nur den Jugendlichen selbst, sondern auch seine Familie, die Mitschüler und Lehrer. Fuchshuber ist fest davon überzeugt, dass in diesem Jahr bereits ein Corona-Impfstoff für Kinder unter zwölf Jahren zugelassen wird.

Der Kinderarzt registriert gerade eine steigende Nachfrage für eine Impfung der über Zwölfjährigen. In seinen Praxen müssten Jugendliche zurzeit noch einige Zeit auf einen Termin warten. Sobald die restlichen Zweitimpfungen von Erwachsenen erledigt seien, werde sich diese Wartezeit vermutlich auf zwei bis drei Wochen verkürzen.

Zentren impfen erst ab 16 Jahren

Beim Thema »Impfung von Jugendlichen gegen Corona« verweist das Wetterauer Kreisgesundheitsamt auf Vorgaben der Taskforce Impfkoordination des Landes Hessen. Danach können 12- bis 15-Jährige in den Impfzentren kein Biontech erhalten, obwohl dieses Vakzin von der Europäischen Arzneimittel-Behörde für diese Altersgruppe vor geraumer Zeit zugelassen wurde. Nach Ansicht der Landesregierung können Bürger ab 16 Jahren bereits eigenständig entscheiden, ob sie eine Impfung wollen. Die Taskforce empfiehlt Eltern, die ihre 12- bis 15-jährigen Kinder impfen lassen möchten, sich an ihren Hausarzt zu wenden. »Aufgrund der Stiko-Empfehlung bedarf es in dieser Altersgruppe einer besonderen Beratung und individuellen Risikoabwägung«, betont die Taskforce.

Wie die Pressestelle des Kreises weiter mitteilt, ist dem Gesundheitsamt nicht bekannt, welche Haus- oder Kinderarztpraxen in der Wetterau derzeit 12- bis 15-Jährige impfen

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