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Urteil: Commerzbank muss Anlegerin Schaden ersetzen

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In Bürohochhäuser investieren offene Immobilienfonds besonders gerne. Im Zuge der Finanzkrise verloren die Gebäude rasant an Wert.
In Bürohochhäuser investieren offene Immobilienfonds besonders gerne. Im Zuge der Finanzkrise verloren die Gebäude rasant an Wert. © DPA Deutsche Presseagentur

Bad Nauheim (bk). Bei Roswitha H. (Name geändert) dürften am Dienstagabend die Sektkorken geknallt haben. Nach fast drei Jahren hat die Bad Nauheimerin einen Rechtsstreit gegen die Commerzbank gewonnen, der durch sämtliche Instanzen ging. Wie der XI. Zivilsenat des Bundesgerichtshofs (BGH) in Karlsruhe jetzt geurteilt hat, muss das Geldinstitut der Frau Schadenersatz in Höhe von 23 000 Euro leisten.

»Wir waren auf ganzer Linie erfolgreich. Karlsruhe war eine Reise wert«, sagte die Bad Nauheimer Rechtsanwältin Dagmar Steidl, die Roswitha H. von Anfang an vertreten hat.

Roswitha H. und ihre Geschwister wollten einen Notgroschen gewinnbringend anlegen. Sie wandte sich im Juli 2008 an die Filiale der Dresdner Bank (heute Commerzbank) in Bad Nauheim und kaufte nach einem Beratungsgespräch Anteile des offenen Immobilienfonds Morgan Stanley P2 Value. Wenig später erreichte die Finanzkrise mit der Lehman-Pleite ihren Höhepunkt. Die Papiere von Roswitha H. verloren rasant an Wert. Der Anlegerin wurde der drohende Verlust erst 2010 bewusst. Damals war die Bad Nauheimerin zu ihrer Bankfiliale gegangen, weil sie Geld brauchte. Anteile im Wert von 4000 Euro wollte sie zurückgeben. Als ihr der Berater offenbarte, die Fondsgesellschaft habe die Rücknahme der Papiere bereits im Oktober 2008 ausgesetzt, fiel Roswitha H. aus allen Wolken. Für 57,57 Euro pro Stück hatte sie die Anteile einst erworben, nun gab es nur noch die Möglichkeit, an der Börse zu verkaufen. Damaliger Kurs: etwa 18 Euro.

Im August 2010 wandte sich Roswitha H. an Anwältin Steidl. Wenig später gaben die Manager bekannt, der offene Immobilienfonds werde abgewickelt. Das heißt: Alle Gebäude werden veräußert, die Erlöse an die Anteilseigner ausgeschüttet. Die Bad Nauheimerin entschloss sich, vor Gericht zu ziehen, lehnte im Gegensatz zu anderen Mandanten der Anwältin ein Vergleichsangebot ab. Sowohl das Landgericht als auch das Oberlandesgericht (OLG) in Frankfurt sahen Roswitha H. im Recht. Der Bankberater habe es versäumt, die Kundin ausreichend über die Risiken dieser Geldanlage aufzuklären. In der Berufungsinstanz wählten die OLG-Richter nach Angaben Steidls einen grundsätzlicheren Ansatz als andere Gerichte. Es komme nicht darauf an, wann die Commerzbank den Kauf der Fondsanteile empfohlen habe (kurz vor der Lehmann-Pleite), vielmehr sei ein Geldinstitut stets verpflichtet, ausführlich auf alle Risiken einzugehen. Wegen dieser Urteilsbegründung aus dem Frühjahr 2013 entschloss sich die Bank offenbar, in die letzte Instanz zu gehen, um eine Grundsatzentscheidung herbeizuführen.

Fünf-Minuten-Argumentation

Dazu ist es am Dienstag gekommen. »Eine Bank, die den Erwerb von Anteilen an einem offenen Immobilienfonds empfiehlt, muss den Anleger ungefragt über das Bestehen der Möglichkeit einer Aussetzung der Anteilsrücknahme durch die Fondsgesellschaft aufklären«, entschied der BGH-Zivilsenat. »Auf dieses Urteil können sich alle möglichen Kläger berufen«, betonte Steidl. In den letzten Jahren habe ihre Mandantin im Zuge der Fondsabwicklung rund 11 000 Euro erhalten. Zinsen hinzugerechnet, stünden Roswitha H. noch 23 000 Euro zu. »Theoretisch könnte die Bank vors Bundesverfassungsgericht ziehen, wovon ich aber nicht ausgehe. Die Gegenseite wird sich bald mit mir in Verbindung setzen und fragen, auf welches Konto das Geld überwiesen werden soll«, sagte Steidl.

Die Bad Nauheimer Juristin hat zwar keine Zulassung für den Bundesgerichtshof, fuhr aber trotzdem mit nach Karlsruhe. Eine Kollegin übernahm während die Verhandlung die Argumentation. »Sie benötigte nur fünf Minuten. Der Senat machte schnell deutlich, dass er den Spruch der Vorinstanz bestätigen würde«, meinte Steidl.

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