Mit viel Esprit dirigiert Florian Erdl das Bad Nauheimer Kur-Sinfonieorchester. FOTOS: HMS
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Mit viel Esprit dirigiert Florian Erdl das Bad Nauheimer Kur-Sinfonieorchester. FOTOS: HMS

Im Überschwang der Gegensätze

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Dieser Sonntag hat gezeigt, was möglich ist: Zwei Konzerte verkürzt auf je eine Stunde, "ausverkauftes" Haus mit je 150 Besuchern, Beethovens 4. Sinfonie in kleiner Besetzung, virtuose Oboe und wieder einmal Florian Erdl am Pult. Das Kur-Sinfonieorchester und Solist Frieder Uhlig waren glücklich zu spielen, das Publikum glücklich, Musik live genießen zu können.

Leuchtete nicht der Herbstpark vor der Tür, man hätte der Musik auch einem frischen Frühlingstag zuordnen können. Mit den fließenden Melodien des 1. Konzerts für Oboe in d-Moll von Ludwig August Lebrun und der gefühlvoll geprägten 4. Sinfonie des verliebten Ludwig van Beethoven war ein Programm voller Überraschungen gelungen. Lebrun, ein Zeitgenosse Mozarts, selbst gefeierter Oboenvirtuose am Hof in Mannheim und auf seinen Reisen mit seiner Frau Franziska Dorothea Danzi, einer bekannten Sängerin, legt seinen Solisten Schnelligkeit und Feingefühl in die Finger. Rasante Läufe und kecke Akzente, ein liebliches, in langen Bögen schwelgendes Grazioso, immer im präzisen Dialog mit dem im Kammermusikstärke besetzten Orchester, so präsentierte sich das Soloinstrument. Uhlig, der auch als Lehrer an der Bad Nauheimer Musikschule wirkt, wurde zu Recht gefeiert.

Aus der Not eine Tugend

Aus der Corona-Not machten Intendant Ulrich Nagel und Erdl eine Tugend und besetzten die vierte Sinfonie mit nur 24 Musikerinnen und Musikern, wie es wahrscheinlich auch 1806 war. Beethoven schrieb sie in einer starken Schaffenszeit und im Überschwang der Gefühle, als er sich erneut in die inzwischen verwitwete Gräfin Deym verliebt hatte.

Zwischen den Monumenten Eroica und Schicksalssinfonie nimmt diese Sinfonie eine Sonderstellung ein. Sie klingt romantisch, lebenslustig, witzig, balanciert Kraft und Zärtlichkeit wie auf einem Drahtseil aus. Dabei beginnt sie eher dunkel und zaghaft, spinnt aber das Thema in heiterer Ekstase fort. Alle vier Sätze leben von starken Gegensätzen, sei es in der weitgreifenden Dynamik, in Melodie und Rhythmus, im Dialog der Instrumentengruppen oder gar im dritten Satz in der Konkurrenz von Zweier- und Dreiertakt. Das Orchester zeigte dabei große Spielfreude: Die Fagotte hüpften, Klarinetten und Flöte blitzten sauber auf, ganz leise und gefühlvoll gaben zwei Violinen und Pauke ihre Antwort. Zwischendurch kraftvolle Tutti. Erdl dirigiert schlank bis in die Fingerspitzen, aber mit Leib und Seele. Das Kursinfonieorchester arbeitete schon sehr gerne mit ihm, als er noch Assistent an der Frankfurter Oper war. Jetzt ist er Generalmusikdirektor am Theater Pforzheim und nicht mehr so einfach zu engagieren.

"Unsterbliche" Geliebte

Folgt man seinen Bewegungen, glaubt man, er nehme die Musik in den Arm, so intensiv und gefühlsstark vermittelt er ihre Tiefe und Weite. Damit hält er die einzelnen Stimmen bei absoluter Präsenz, die bei den vielen und plötzlichen Wechseln auch notwendig ist. Für das Publikum schaffte er vor allem mit Beethoven ein Hörerlebnis, das von Überraschungen geprägt war und das Auf und Ab der Gefühle des sich verzehrenden 36-jährigen Komponisten hautnah erleben ließ. Dass sich im letzten Satz dissonante Akkordblöcke einmischen und der "Wüterich" Beethoven ansatzweise hervortritt, mag damit zu tun haben, dass sich die Hoffnung auf eine Heirat nicht erfüllte und Josephine die "unsterbliche Geliebte" blieb.

Die kleine Besetzung trug dazu bei, dass das gesamte Werk sehr transparent erklang und jede Stimme Bedeutung bekam.

Mit diesen beiden reich durch Applaus gelobten Konzerten hat sich auch das Hygienekonzept im Jugendstil-Theater bewährt. Vielleicht können die Sinfoniekonzerte 2021 auf dieser Basis weitergehen.

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