Der Grabstein in Erinnerung an Familie Reich, deren Mitglieder an Tbc starben.
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Der Grabstein in Erinnerung an Familie Reich, deren Mitglieder an Tbc starben.

Vor 150 Jahren

Tuberkulose: Die vergessene Volksseuche

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Der Tod ist ein ständiger Begleiter. Das bekommt man derzeit wieder vor Augen geführt. Die Menschen vor ca. 150 Jahren kannten nichts anderes: Tuberkulose (Tbc) gehörte zum Leben, besonders in Kriegs- und Nachkriegszeiten.

Auch in Bad Nauheim hat die durch Bakterien verursachte Infektionskrankheit ihre Spuren hinterlassen, wie Martin Fink, Vorsitzender des Fördervereins »Alter Friedhof - Historischer Bürgerpark«, erforscht hat.

Im 19. bis hinein ins 20. Jahrhundert gehörte die Tbc zu den Krankheiten, die den Menschen am meisten Angst machten. Jeder zweite Todesfall soll um 1880 in der Altersgruppe der 15- bis 40-Jährigen auf Tuberkulose zurückzuführen gewesen sein. Auch in Bad Nauheim erreichte die Infektionskrankheit, auch Motten, Schwindsucht, Weiße Pest, Weißer Tod genannt, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen Höhepunkt. Aber - es scheint so - die Stadt konnte dem unsichtbaren Feind etwas entgegensetzen.

Lehrer-Familie ausgelöscht

1880 zählte Bad Nauheim 2360 Einwohner. 4495 Kurgäste waren damals in der Stadt. Mit einem vierten Lehrer für die Stadtschule schien die Schulentwicklung der Stadt elf Jahre nach der Ernennung zum Bad gesichert zu sein. Doch Friedrich Reich hatte mit einem Infekt zu kämpfen, mit Tbc, dessen Ausbreitung in kurzer Zeit die ganze Familie dahinraffen ließ.

Eine Stele auf dem Alten Friedhof rinnert an das tragische Dahinschwinden der sechsköpfigen Familie in nur zwölf Jahren: Anna Elisabeth (1833-1874) brachte 1858 Heinrich Michael zur Welt. Es folgten die Geschwister Emil Bernhard Gottlieb (1862), Georg Wilhelm Heinrich (1865) und Anna Elisabeth (1868). Heinrich Michael starb mit 13 an Unterleibsschwindsucht aufgrund von Tuberkulose. Die weiteren Geschwister lebten 20 Tage (Todesursache unbekannt), drei Monate (Keuchhusten) und eineinhalb Jahre (Cariöse Zerstörung des Schädelknochens). Der Vater starb 1868, ein halbes Jahr nach seiner Tochter, an Lungen- und Kehlkopfschwindsucht. Der Tod trennte den noch verbliebenen 13-jährigen Sohn 1872 von der Mutter, die 1874 an Lungentuberkulose starb.

Über den Zeitraum von 1864 bis 1876 gibt uns das kirchliche Sterberegister Einblick auch in die Todesursache und darüber, welcher Arzt die Feststellung getroffen hatte. Demnach ist festzuhalten: Die an Tuberkulose Verstorbenen haben einen durchschnittlichen Anteil von 23 Prozent; im Jahre 1868 etwa 25 von 63 Verstorbenen. Die meisten waren unter 40. Es konnte nicht festgestellt werden, dass vermehrt Kinder betroffen waren.

Die Leichenschau der Toten brachte ein überraschendes Ergebnis: Im genannten Zeitraum waren es bereits 13 Ärzte, die diese vornahmen, unter ihnen Dr. Bode sen. und jun., Dr. Isidor Groedel und einer der Schott-Brüder.

Wahrscheinlich trifft der landesweite Umfang der Verbreitung von Tuberkulose für Bad Nauheim nicht zu, er liegt deutlich darunter. Zu vermuten ist, dass der aufstrebende Kurort dem Infekt wenig fruchtbaren Boden ließ, um ausbrechen und sich ausbreiten zu können. Er lagen weder Armut noch miserable Lebens- und Arbeitsbedingungen vor, wahrscheinlich auch keine hygienischen Missstände, aber doch ein Umweltklima, das abwehrstabilisierend wirken musste. Die damals schon große Anzahl an Ärzten und ihre Kompetenz sprechen für die Zielstrebigkeit des Willens zum weiteren Ausbau von Kurbad und Stadt.

Im Fall der Lehrerfamilie dürften mehrere ungünstige Faktoren zusammengekommen sein, vor allem die schwere psychische Belastung des Verlustes der während der jungen Ehezeit kurz nach Geburt verstorbenen Kinder.

Erinnerungen an die Grabstätte

Elisabeth Kredel hat ihre Erinnerungen an den alten Friedhof 50 Jahre nach Schließung hinterlassen: Lebendig waren ihr noch die gusseisernen Kreuze, die in der Nähe des Kriegerdenkmals ins Auge fielen, aus gleichem Material und von der gleichen Form, mit den drei Namen der noch kleinen Kinder in einem Kindergrab, dahinter das des Vaters. Nicht weit entfernt, aber getrennt, die Grabstätte des 13-jährigen Sohnes und der Mutter. Eindrucksvoll fielen die Kreuze in ihrer Größenstaffelung auf: Vater und Mutter gleich groß; das des 13-Jährigen etwas größer als das der jüngeren Geschwister, aber kleiner als das des Vaters und der Mutter. Auch, dass erzählt wurde, »wie erschüttert ein Sohn der Familie, der greise Marburger Metropolitan Friedrich Wilhelm Reich gewesen sei, als er bei einem Kuraufenthalt 1929 keines der Gräber mehr vorfand«. Martin Fink

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