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Gemeinsam mit Brigitte Hofmann (l.) gibt Adela Yamini ein Tagesseminar in Achtsamkeit. Es geht um eine Strategie, mit der sich die Widerstandskraft stärken lässt.

Zwischen Trauma und Widerstandsfähigkeit

Trotz allem ist sie stark: Adela Yamini über ihr Leben damals in Afghanistan und heute in Bad Nauheim

  • VonPetra Ihm-Fahle
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Als Anfang der 90er Jahre Mudschaheddin Kabul einnahmen, hatte Adela Yamini traumatische Erlebnisse, die die Bad Nauheimerin noch belasten. Es gibt einen Faktor, damit umzugehen: Resilienz.

Auf ihrem Weg durch den Bad Nauheimer Kurpark hält Adela Yamini am »Brunnen der Erkenntnis« an. Fröhlich sprudelt dort das Wasser inmitten der grünen Natur. Obwohl ihre Gedanken derzeit sehr sorgenvoll sind, versucht sie, das harmonische Bild in sich aufzunehmen. Es ist ein Moment der Achtsamkeit: Ein Thema, zu dem die 44-Jährige und ihre Kollegin Brigitte Hofmann am Samstag, 21. August 2021, ein lange geplantes Tagesseminar geben werden. Achtsamkeit ist laut Yamini eine gute Strategie, um die Resilienz zu stärken, die psychische Widerstandskraft. Wie die Bad Nauheimerin schildert, spürte sie während der Corona-Krise bei Menschen in ihrem Umfeld viel Angst und Unsicherheit. »Ich dachte darüber nach, wie man in solchen Situationen unterstützen kann«, berichtet sie. Wie sie besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Lage in ihrem Herkunftsland feststellt, bedeutet Resilienz allerdings nicht, keine Ängste und Sorgen zu haben.

In ständiger Todesangst

Yamini wurde in Afghanistan geboren, wo sie mehrere Jahre in ständiger Todesangst lebte. Grund war der Einmarsch von Mudschaheddin-Gruppen in Kabul, die sich gegenseitig bekämpften. Später flüchtete sie nach Deutschland. Daran dachte sie oft in der Pandemie, in der sie sich um nahestehende Personen sorgte. Allerdings erlebte sie auch, dass manche anderen Menschen viel stärkere Ängste hatten als sie. »Ich habe überlegt: Liegt es an den vielen Panik-Situationen, die ich als Jugendliche hatte, dass mich die Krise nicht so aus der Bahn wirft?«

Yamini dachte über das Thema Resilienz nach: Ein regelmäßiges Thema in der Erzieherinnenausbildung, in der sie als Berufsschullehrerin arbeitet. Im April vergangenen Jahres schrieb sie den Aufsatz »Bambus - Ein Beispiel in der Krisenzeit«, der online abrufbar ist. Der Begriff beschäftigte Yamini auch, weil eine Kollegin sie schon mal fragte: »Wie kommt es, dass du so resilient bist, obwohl du traumatische Erlebnisse hattest?«

Eine besonders schlimme Situation

Zu einigen tragischen Ereignissen ihrer Jugend findet die Bad Nauheimerin bis heute keine Antwort. Heute beschäftigt sie sich mit ähnlichen Gefühlen. »Das schlimmste Erlebnis im Krieg ist, wenn ein geliebter Mensch leblos vor einem liegt und man nicht weiß, warum. Es ist eine Situation, die schwer zu ertragen ist. Der Mensch möchte noch leben, er hat Ziele und wird ohne Grund aus dem Leben gerissen.« Sie meint ihren Onkel, den Anfang der 90er Jahre die Splitter einer explodierenden Rakete trafen. Er starb mit Anfang 30, weil er einem Verletzten helfen wollte. »Das ist schwer zu verarbeiten«, sagt Yamini.

Auch die Zeit nach der Flucht war schwer für sie. »Ich war taub und stumm, weil ich kein Deutsch sprach. Meine Schwester und ich hatten keine Freunde und Bekannten hier, und wir durften den Wetteraukreis nicht verlassen.« Im Hinblick auf die aktuelle Lage ist sie überglücklich, dass sie als Frau damals die Möglichkeit hatte, aus Afghanistan zu fliehen.

Einem Coach fiel vor einiger Zeit auf, dass Yamini sehr vielen Aktivitäten nachgeht: Dies sei eine Form von Verdrängung, meinte der Coach. »Ich dachte: ›Das kann sein - es ist eine mehrerer Theorien.‹ Meine Definition ist aber eher, dass ich den Tag mehr lebe.« Yamini glaubt, die Begriffe Krise und Schwierigkeiten anders für sich zu definieren. »Wir hatten eineinhalb Jahre Pandemie, es gibt Personen, die stark betroffen sind. Trotzdem kommen wir in Deutschland vergleichsweise gut aus der Sache raus«, sagt sie. In vielen Ländern sei es anders.

Krise als Wendepunkt

Während des ersten Lockdowns hatte sie mehr Zeit. Das nutzte sie, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten. »Dabei fiel mir auf, dass ich die Umstände schnell akzeptieren und damit umgehen konnte. Trotz der geringeren Geschäftigkeit spürte ich keine Veränderung meines Zustands.« Die Theorie, Traumata durch Aktion zu verdrängen, war damit hinfällig. Stattdessen deutete ihr Verhalten für sie auf Resilienz hin, die sie als Prozess versteht: »Wieder aufstehen und neue Ziele setzen, ohne die Krise als Niederlage zu sehen.« Yamini hält es für wichtig, sich in schwierigen Zeiten auf die eigenen Ressourcen zu besinnen. »Krise kann auch ein Wendepunkt sein«, betont sie. Wichtig sei dabei die Akzeptanz, dass ein neues Ziel vielleicht nicht klappen kann. »Es gibt immer einen weiteren Weg.«

Wer an dem kostenlosen Seminar des Freiwilligenzentrums teilnehmen möchte, kann sich bis 19. August unter der Telefonnummer 0 60 32/92 03 59 oder per E-Mail an fwz@fwz-badnauheim.de oder anmelden. Ort ist Bad Nauheim, bei gutem Wetter der Wald. Den Treffpunkt geben die Veranstalterinnen rechtzeitig bekannt.

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