Es ist mucksmäuschenstill, als Hwayoon Lee, Stipendiatin der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung und außerdem Mitglied in Mutter’s Virtuosi, ihr Benefizkonzert für die neue Orgel der Dankeskirche spielt. FOTOS: HMS
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Es ist mucksmäuschenstill, als Hwayoon Lee, Stipendiatin der Anne-Sophie-Mutter-Stiftung und außerdem Mitglied in Mutter’s Virtuosi, ihr Benefizkonzert für die neue Orgel der Dankeskirche spielt. FOTOS: HMS

Träumereien in Tönen

  • vonHanna von Prosch
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Bad Nauheim(hms). Da lächelte sogar der steinerne Bach: Seine Sonate Nr. 3 von einer ebenso bezaubernden wie virtuosen jungen Dame auf einer 430 Jahre alten Viola gespielt, begleitet von Frank Scheffler an der Orgel, in der wunderbaren Akustik der Dankeskirche. Das Publikum erlebte mit Hwayoon Lee ein Konzert von besonderer Güte und erlesenem Programm. "Es wird mir unvergesslich bleiben", sagte die Künstlerin am Ende.

Fort mit den Bratschenwitzen! Die 24-jährige Koreanerin widerlegte sie alle. In dem gut einstündigen Programm wanderte sie mit ihrem kostbaren Instrument von Gasparo da Saló durch die Jahrhunderte. Von Arvo Pärt über Telemann, Schumann bis Bach.

So hatte man die Bratsche noch nicht gehört: Ihr tiefer warmer Klang erinnert schon an ein Cello, in den höchsten Tönen ähnelt sie zärtlichem Gesang. Überall im Kirchenraum waren die Schwingungen von einer ineinander verschmelzenden Einheit spürbar. Ihr Instrument liebevoll umklammernd wird sie später sagen: "Das ist mein Zuhause!"

Mit "Frates" von Arvo Pärt begann eine Zwiesprache von Bratsche und dem sphärischen Fernwerkregister der Orgel. Pärt entdeckte die Dreiklangfolge und ihre Umkehrungen im Tintinnabuli (Glöckchen) und seine Masse an Obertönen. Dabei entfalten sich Muster im Klang und eine Idee sowohl statisch als auch fluktuierend. Lee kostet die Dynamik aus bis zum feinsten Pianissimo, setzt energische Pizzicato-Punkte, legt weich den Bogen an die Saiten.

Die berühmte Mentorin

Scheffler fühlt sich ein in das betörende Bratschenspiel. Man spürt die Musik zwischen beiden fließen, obwohl sie sich erst zwei Tage zuvor kennenlernten und gemeinsam üben konnten. So wurde auch Schumanns berühmte Träumerei aus den Kinderszenen zu einem Traum, aus dem man nie mehr aufwachen wollte - sehr langsam sehr anschmiegsam, einfach nur schön.

Und welche Überraschung in Telemanns Fantasien B-Dur und G-Dur, original für Violine solo. Lee machte sie zum Erlebnis in ihrer Kraft und Vielfalt, ließ virtuos den Eindruck eines ganzen Orchesters erklingen, wunderbar phrasierend, leichtfüßig und zupackend. In den Kanonischen Studien für Orgel von Robert Schumann musste Scheffler, ebenso wie bei Bach, dem Zustand der Orgel entsprechend zurückhaltend registrieren und spielen. Im Bass, sagte er, habe er das Gefühl wie auf einem heißen Eisen zu spielen, weil der Ton verzögert komme. Das perfekte Zusammenspiel gerade bei Bachs anspruchsvoller Sonate klappte dennoch. Denn, wie die erfahrene Kammermusikerin bei Anne-Sophie Mutter, ihrer langjährigen Mentorin, gelernt hat: Das innere aufeinander Hören ist das Wichtigste. So übernimmt sie wie auf Engelsflügeln schwebend den Orgelton im Adagio, behauptet sich kraftvoll in Vivace und Allegro - zwei eigenständige Stimmen mit kontrastierenden Themen.

Das Konzert war ein Glücksfall für beide. "Ich habe heute das erste Mal mit Orgel gespielt. Es ist ein Traum, denn sie hat keine Grenzen", sagt Lee. Mundharmonika und Tuba habe er schon begleitet, aber mit einer Viola sei es auch das erste Mal für ihn, ergänzt Scheffler.

Nach einer Zugabe und stehendem Applaus der mehr als 400 Zuhörerinnen und Zuhörer gesteht Lee, die den Sommer mit Konzerten in New York und Korea verbringen wird: "Dieses Publikum war ein Schatz!"

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