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Blick ins Badehaus 2: Teile des Jugendstilgebäudes dienen noch der städtischen Spielstätte, die aber in absehbarer Zeit Sauna und Therapieeinrichtungen der Therme weichen muss. Ein neuer Standort für die Kultur soll am Badehaus 3 entstehen.

Vorentscheidung

Therme-Neubau: Politik hat Vertrauen in die große Lösung

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Vertrauen, Glaube, Hoffnung - diese Worte wurden oft gebraucht. Klingt nach Priesterseminar, debattiert wurde aber über die größte Investition in der Geschichte Bad Nauheims, den Therme-Neubau.

Viel war in der gemeinsamen Sitzung des Bau- und des Finanzausschusses vom Vertrauensvorschuss die Rede, den Bad Nauheims Politiker dem künftigen Thermalbad-Betreiber Dr. Stefan Kannewischer entgegenbringen. Die Stadtverordneten können nicht wissen, ob die Zahlen des Experten zutreffen - Glaube und Hoffnung ist gefragt. Und daran scheint es nicht zu mangeln, denn die überwältigende Mehrheit beider Gremien (es gab je eine Nein-Stimme) votierte für die Variante A zum Bau der Therme samt Anbindung ans Badehaus 2. Ein Argument für die große Lösung: Sie enthält ein Schwimmbecken im Freien.

Kritische Anmerkungen gab es gleichwohl. Was bedeutet eine 40-Millionen-Investition für die Zukunft Bad Nauheims? Wird der finanzielle Spielraum übermäßig eingeschränkt? Sind die Erwartungen bezüglich der Besucherzahlen überzogen? Solche Fragen treiben manche Politiker um. Etwa Bernd Witzel (UWG), der sich Gedanken machte, ob andere größere Investitionen künftig überhaupt möglich bleiben und ob die Eintrittspreise nicht zu hoch sind. "Der Preis für die Zwei-Stunden- und die Tageskarte sind stattlich. Das tut manchem weh", ist Witzel überzeugt.

Tiefgarage: Investor gesucht

Sein Fraktionskollege Markus Theis rechnete vor: Liege der Besucherschnitt nur fünf Prozent unter der Prognose, erhöhe sich der Zuschuss der Stadt um 320 000 auf 1 Million Euro pro Jahr. "Angesichts der sehr hohen Investition beginnt man mit den Ohren zu schlackern", sagte Benjamin Pizarro (FDP). Für viele Bad Nauheimer genieße die Therme nicht die oberste Priorität, sehr wichtig sei das Vorhaben aber für Einzelhandel und Tourismus.

Mit der Parkplatzzahl lässt sich laut UWG-Fraktionschef Theis nicht für die neue Therme werben. In der geplanten, 7 Millionen Euro teuren Tiefgarage stünden maximal 200 Stellplätze bereit. Im Schnitt würden aber 875 Besucher pro Tag erwartet. "Die Tiefgarage bereitet mir Bauchschmerzen, weil kein Konzept vorliegt", sagte FDP-Sprecher Peter Heidt. Bürgermeister Klaus Kreß erwähnte Verhandlungen mit potenziellen Privatinvestoren. Alternativ sei die Gründung einer kommunalen GmbH für Parkraumbewirtschaftung denkbar.

Nur Grüne sagen Nein

Der Rathauschef sprach von einem eingeschränkten finanziellen Spielraum durch das Therme-Projekt. "Wir glauben aber, das steuern zu können, damit uns Luft zum Atmen bleibt", betonte Kreß. Zuversichtlich äußerte sich SPD-Fraktionschef Axel Bertrand. "Weil die Therme operativen Gewinn abwerfen wird, erwarte ich keine gravierenden Auswirkungen." Investitionen seien weiter möglich, da die Stadt Zins und Tilgung für die Therme aufbringen könne. Durchweg positiv fielen die Äußerungen der CDU-Vertreter aus. Manfred Jordis und Sebastian Schmitt erinnerten an die erfolgreiche Initiative ihrer Partei, die stets Neubau samt Anbindung ans Badehaus 2 befürwortet habe, um der Therme ein Alleinstellungsmerkmal zu verschaffen. Schmitt: "Eine Altbau-Sanierung wäre ein Fass ohne Boden gewesen - ohne Attraktivitätssteigerung."

Mit einer engagierten Wortmeldung rief Markus Philipp (UWG) dazu auf, Bedenken zurückzustellen. "Wir müssen die Freude über diese Entscheidung rüberbringen, können die Sektkorken knallen lassen." Zumindest die Grünen wollten sich da nicht anschließen. Dr. Martin Düvel und Dr. Mathias Müller stimmten als einzige Ausschuss-Vertreter gegen die Beschlussvorlage. Grund: Ihr Zusatzantrag, auch den Neubau einer Spielstätte am Badehaus 3 aufzunehmen, wurde abgelehnt. Wie Düvel sagte, müssten TAF und städtische Spielstätte aufgrund des Therme-Neubaus das Badehaus 2 verlassen und benötigten dringend einen neuen Standort. Die anderen Fraktionen sagten Nein zum Grünen-Antrag, weil es bereits einen Beschluss für die Errichtung der Spielstätte gebe. Müller: "Wir müssen uns ehrlich machen und auch diese Kosten im Therme-Beschluss berücksichtigen."

60 Prozent mehr Besucher?

Vor Jahren hatte das Parlament die Investitionssumme für die neue Therme (ohne Anbindung) auf 18 Millionen Euro gedeckelt. Jetzt sind es mit Anbindung 40 Millionen. Macht fast eine Verdoppelung. Für Bürgermeister Klaus Kreß keine Überraschung, weil es für die 18-Millionen-Schätzung keine Planungsgrundlage gab. Um 40 Millionen Euro refinanzieren zu können, geht der künftige Betreiber, die Kannewischer Management AG (Schweiz) von 320 000 Besuchern pro Jahr aus, 60 Prozent mehr als im Altbau. Sie sollen 13 Euro für die Zwei-Stunden-Karte und 25 Euro fürs Tagesticket (jeweils ohne Sauna) zahlen. Tritt die Besucherzahlen-Schätzung ein, steht unter dem Strich ein Gewinn von gut einer Million Euro. Berücksichtigt man Zinsen und Tilgung, muss die Stadt pro Jahr trotzdem 688 000 Euro beisteuern. Bei der alten Therme lag der Zuschuss laut Kreß bei 800 000 Euro. Nach Aussage von Kämmerer Peter Krank wird die Investition komplett über Kredite finanziert. "Bei solchen Größenordnungen muss die Kommunalaufsicht zustimmen. Gespräche laufen zurzeit." (bk)

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