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Stressjob mit Spaßfaktor

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Expertin für Apfel-Geschmacksrichtungen: Irina Zecher beim Auffüllen des Obstangebots.	(Foto: Nici Merz)
Expertin für Apfel-Geschmacksrichtungen: Irina Zecher beim Auffüllen des Obstangebots. (Foto: Nici Merz) © Nicole Merz

Bad Nauheim (bk). Freitagnachmittags, wenn andere Leute längst ins Wochenende verschwunden sind, gibt Irina Zecher noch mal richtig Gas. Die 39-Jährige ist Leiterin des Tegut-Marktes in der Bad Nauheimer Fußgängerzone. Ein Stressjob, den sie aber als abwechslungsreich und interessant empfindet. Zudem hat ihr diese Funktion den Sprung in die Selbstständigkeit ermöglicht.

Wochenende? Eine regelmäßige zweitägige Erholung vom Arbeitsalltag gibt es im Einzelhandel längst nicht mehr, schon gar nicht für Selbstständige. Vorbei sind auch die Zeiten, als die Discounter-Riesen ihre Filialleiter noch alle fest angestellt haben. Irina Zecher ist eine von 255 eigenständigen Tegut-Marktleiterinnen in Deutschland, nur die großen Supermärkte dieses Handelskonzerns werden noch von Angestellten gemanagt. »Ich arbeite 55 bis 60 Stunden die Woche, aber die Tätigkeit ist abwechslungsreicher als ein Bürojob«, sagt die 39-Jährige.

Die Buseckerin, für die das Wochenende oft samstagabends nach Marktschließung um 21 Uhr beginnt, ist »Überzeugungstäterin«, hat direkt nach dem Abitur bei Tegut angefangen. »Ich bin den Ausbildungsweg der Handelsfachwirtin gegangen, habe immer einige Tage auf der Tegut-Akademie Theorie gebüffelt und dann wieder im Laden gearbeitet«, erzählt Irina Zecher. Von ihrer Leidenschaft für den Nahversorger-Einzelhandel hat sich auch ihr Ehemann anstecken lassen. »Er hat eine feste Stelle aufgegeben, um mit mir zusammen die Märkte zu leiten«, sagt die 39-Jährige. Sie spricht im Plural, denn vor acht Jahren übernahm das Paar den Tegut in Niederdorfelden, am 1. November 2015 kam Bad Nauheim hinzu.

Hoher Beratungsbedarf

An dem Laden in der Stresemannstraße hat sie gereizt, dass es sich um einen Stadtmarkt handelt. »Niederdorfelden ist eher ländlich geprägt. Dort gibt es genügend Parkplätze. Die Leute kommen mit dem Auto und erledigen einen Großeinkauf für die ganze Woche«, sagt die Handelsfachwirtin. In der Bad Nauheimer Innenstadt gibt es eine hohe Kundenfrequenz, viel Laufkundschaft, in der Regel werden aber nur ein paar Kleinigkeiten erworben. »Wir haben sehr viel ältere Leute. Nicht wenige kommen jeden Tag, nehmen nur drei, vier Artikel mit«, berichtet Irina Zecher. Nur ganz wenige Stammkunden ließen sich mit dem Taxi fahren, um bei Tegut in der City den Bedarf einer ganzen Wochen auf einmal zu decken.

Für sie und ihre zwölf Teil- und Vollzeitkräfte ist diese Kundenstruktur mit höheren Anforderungen verbunden. Der Beratungsbedarf der älteren Leute sei intensiver, manche fänden sich in dem Sortiment, das 8500 bis 9000 Artikel umfasst, nicht gleich zurecht. »An einem besonders stressigen Tag ist es nicht einfach, sich diese Zeit zu nehmen«, sagt die Marktleiterin. Irina Zecher kommt bei der Beratung ihr großes Fachwissen entgegen.

Sie geht zum Beispiel detailliert auf Fragen zu glutenfreien Produkten oder Artikeln ein, die für Veganer geeignet sind. »In welchem Markt kann Ihnen eine Angestellte noch etwas zum Geschmack der verschiedenen Apfelsorten sagen?« Irina Zecher kann.

Wer glaubt, eine Marktleiterin müsse sich nur um Verwaltungs- und Organisationstätigkeiten oder Personalplanung kümmern, täuscht sich. Irina Zecher kann der Kunde Obstkisten schleppen sehen, begegnet ihr am vollen Leergutautomaten oder an der Brotbackstation, die aufgefüllt werden muss. Normalerweise ist ihr wöchentlicher Arbeitsablauf fest strukturiert. Normalerweise. Nicht selten ist Flexibilität gefragt. Auch in dieser Woche, in der eine Mitarbeiterin durch Krankheit ausgefallen ist. Die Marktleiterin musste in die Bresche springen, andere Arbeit blieb liegen. »Eigentlich wird die Personaleinteilung für die nächste Woche bereits mittwochs erledigt. Diesmal kann ich das erst am Freitagnachmittag machen.« Außerdem muss die 39-Jährige noch Obst bestellen und sich um die Aktionsware kümmern. Auch Tegut wartet jede Woche mit Sonderangeboten auf. Die Ware wird freitags zusammengestellt und im Laufe des Samstags in die Regale geräumt, damit die Kunden am Montagfrüh zugreifen können.

Über das rein Geschäftliche hinaus hat der Tegut-Markt in der Fußgängerzone eine soziale Bedeutung. In der Innenstadt gibt es nur diesen einen Markt, nicht-mobile Kunden sind darauf angewiesen. Diese besondere Funktion ist Irina Zecher durchaus bewusst. Sie möchte diesen Nahversorger langfristig erhalten. Der geplante große Tegut-Markt auf dem Stoll-Gelände werde ihrem Laden nicht die Daseinsberechtigung nehmen.

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